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Kritik zum Abschied: Die Gurlitt-Taskforce

Das Gremium hört auf, die Arbeit geht weiter

Netter Versprecher: "Provinzrecherche", sagt der bayerische Ministeriumssprecher und findet damit aus Versehen den Begriff zum Problem. Denn die "Provenienzrecherche" der Gurlitt-Taskforce scheint nach fast zwei Jahren Arbeit wenig Ergebnisse gezeitigt zu haben.

16.10.2015
  • LENA GRUNDHUBER

Zum Ende des Jahres läuft der Auftrag an die Kommission aus - und sie bekommt keine guten Noten.

Als eines der "nutzlosesten und erfolglosesten Expertengremien, das die neuere Kulturgeschichte je sah", durfte sie sich in der "Zeit" beschimpfen lassen. Enttäuscht zeigte sich diese Woche der Jüdische Weltkongress von der Aufarbeitung des Kunst-Skandals, der im November 2013 weltweit Aufsehen erregt hatte. Rund 1500 Kunstwerke wurden bei Cornelius Gurlitt, dem Sohn eines Nazi-Kunsthändlers, insgesamt gefunden. Vieles, so der Verdacht damals, war verfolgten Juden geraubt oder abgepresst worden.

Gegen diese Zahl nimmt sich die Bilanz der Gurlitt-Taskforce tatsächlich "provinziell" aus. Von mehr als 500 Werken, bei denen "ein NS-verfolgungsbedingter Entzug nicht ausgeschlossen werden kann", sind gerade vier als NS-Raubkunst identifiziert. Zwei Gemälde wurden zurückgegeben, auf 104 Werke werden Ansprüche erhoben.

Feuilletons und Fachleute kritisieren das Gremium. Die Zusammensetzung sei eher von Rücksichten als von Fachkenntnis geprägt, die Arbeit laufe schleppend und schlecht organisiert. Nur wenige Provenienzforscher im deutschsprachigen Raum seien eingebunden, klagte etwa die Stuttgarter Wissenschaftlerin Anja Heuß der SÜDWEST PRESSE vergangenes Jahr. Zusätzlichen Ärger stifteten Materialien aus Gurlitts Nachlass, die erst spät an die Taskforce gelangten.

Unter den Mitgliedern des Gremiums finden sich tatsächlich vor allem Vertreter von Ministerien, Institutionen, Museen. Etwa 20 weitere Forscher aber seien an der Recherche beteiligt, schreibt Taskforce-Leiterin Ingeborg Berggreen-Merkel auf Anfrage. Sie stellt den mageren "vier" eine andere Zahl gegenüber. Insgesamt sei die Herkunft von 511 Werken aufgearbeitet: "Es ist auch dann ein Ergebnis, wenn geklärt wurde, dass ein Werk nicht NS-verfolgungsbedingt entzogen worden ist." Doch die Herkunft von 499 steht immer noch im Zweifel.

Als "unfair" bezeichnet man im Kulturstaatsministerium die Kritik. Jeder Provenienzforscher werde bestätigen, dass solche Nachforschungen oft Jahre dauerten, sagt ein Sprecher. Die Taskforce als Organisationsform sei nie als "immerwährendes Projekt" gedacht gewesen, ihre Frist laufe vereinbarungsgemäß ab. Danach solle die Arbeit am eigens dafür gegründeten Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg weitergehen - finanziert mit sechs Millionen Euro jährlich.

"An die 21 Stellen" seien für die Recherche vorgesehen: "Der Arbeitsaufwand wird sicherlich noch erheblich und von Dauer sein." Von Vertuschung könne keine Rede sein - im Gegenteil habe Kulturstaatsministerin Grütters eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn angekündigt. Dort sollen fragwürdige Werke aus der Sammlung gezeigt werden, nicht zuletzt um mögliche Erben aufmerksam zu machen. Erst wenn die Herkunft der Werke geklärt ist, wird das Kunstmuseum Bern etwas davon haben, dem der verstorbene Cornelius Gurlitt die Sammlung vermacht hatte. Und dann steht auch noch die Klage von Gurlitts Cousine im Raum, die das Testament angefochten hat.

Die Rolle der offiziellen Stellen ist undankbar. Viel zu lange hat nicht nur der Staat, haben auch Museen und Kunsthandel die dunkle deutsche Kunst-Vergangenheit weggeschwiegen. In Baden-Württemberg etwa wurde erst 2009 eine Provenienzforschungsstelle eingerichtet. Und so lief's wie im echten Leben - wenn man endlich alles richtig machen will, sieht schnell alles falsch aus. Der Staat habe überreagiert mit der Beschlagnahmung der Sammlung, heißt es jetzt, man wolle verschleiern, dass viel weniger Raubkunst darin sei als angenommen. Statt "Nazi-Schatz" also eine ganz normale Sammlung? Bei aller Kritik sollte man nicht vergessen: Selbst wenn "nur" viermal Unrecht geschehen wäre. Es wäre Unrecht genug.

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16.10.2015, 12:00 Uhr
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