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Das Gold der Schwarzen Krieger
Die Stadt Zakho ist der Umschlagplatz für kurdisches, aber auch das Rohöl der IS-Dschihadisten. Von dort aus geht es per Tanklaster in türkische Häfen. Foto: Getty
Regionale Mafiosi betreiben über die Türkei den Öl-Schmuggel für den "Islamischen Staat"

Das Gold der Schwarzen Krieger

Das Geschäft mit Rohöl aus dem Herrschaftsgebiet des "Islamischen Staates" floriert. Umschlagplatz ist der Nordirak. Von dort gelangt das schwarze Gold mithilfe von Schmugglerbanden in türkische Häfen.

02.12.2015
  • MARTIN GEHLEN

Sogar Barack Obama sah sich am Dienstag gezwungen, die beiden Kontrahenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan öffentlich zu ermahnen. "Wir haben alle einen gemeinsamen Feind. Das ist der IS. Und ich will sicher sein, dass wir uns auf diese Bedrohung konzentrieren", erklärte der US-Präsident nach einem Treffen mit dem türkischen Präsidenten in Paris.

Seit dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch türkische F-16-Jets fliegen zwischen Putin und Erdogan die Fetzen. Vorläufiger Höhepunkt ist der Vorwurf des Kremlchefs, Erdogan gehe es bei dem Abschuss nur darum, den lukrativen Rohölhandel zwischen dem IS und der Türkei zu schützen. Putin verfügt offenbar über Luftaufnahmen, die Tanklaster, aufgereiht wie eine "lebendige Pipeline", auf dem Weg in die Türkei zeigen. Damit rückt Moskau einmal mehr die zwielichtige Rolle Ankaras im Umgang mit der Terrormiliz ins Rampenlicht.

Entsprechend gereizt reagierte Erdogan. Er werde zurücktreten, sollten seinem Land solche krummen Ölgeschäfte nachgewiesen werden können, erklärte er.

Die Komplizenschaft der Türkei mit dem IS hat zahlreiche Facetten. Unter anderem kontrollieren die Dschihadisten zwischen Kobane und Kilis einen 100 Kilometer langen Grenzstreifen mit dem Nato-Mitgliedstaat, über den der Schmuggel mit Waffen, Geld, Antiquitäten und Lebensmitteln abgewickelt wird, und über den praktisch sämtliche neuen IS-Rekruten in das "Islamische Kalifat" geschleust werden.

Seit Juli schwört Ankara, diese heikle Grenzregion mit ihren Orten Cobanbey und Dscharabulus endlich abzuriegeln. Doch nichts geschieht und der internationale Unmut wächst. "Das Spiel seit Paris hat sich geändert. Das Maß ist voll, die Grenze muss verschlossen werden", zitierte das "Wall Street Journal" einen hohen Mitarbeiter aus dem Weißen Haus. "Das ist eine internationale Bedrohung, das alles kommt aus Syrien und geht über türkisches Territorium."

Man brauche keinen Rat von außen, auch nicht von unseren US- Partnern, retournierte die Türkei. Denn Präsident Erdogan hat in Syrien zwei Gegner im Visier, das Assad-Regime in Damaskus sowie die Kurden mit ihren Autonomieabsichten. Formal trat seine Luftwaffe zwar der westlich-arabischen Allianz gegen den "Islamischen Staat" bei, attackiert aber fast nur Stellungen der PKK und YPG in Nordirak und Nordsyrien. Damit aber schwächt Ankara ausgerechnet diejenigen bewaffneten Einheiten, die als einzige in der Region in Kampfgeist, Disziplin und Strategie der Terrormiliz gewachsen sind.

Durch Putins Auftreten in den Fokus gerückt aber ist vor allem der IS-Rohölschmuggel mit Hilfe türkischer, irakischer und kurdischer Mafiabanden. In hunderten von Tankwagen gelangt das schwarze Gold der schwarzen Gotteskrieger zunächst nach Zakho ins irakische Kurdistan, wo die heiße Ware versteigert und mit offiziellen Papieren versehen wird. Danach übernehmen türkische Spediteure die Fracht und bringen sie - zusammen mit dem kurdisch-nordirakischen Exportöl - zu den Hafenterminals von Mersin, Dörtyol und bei Ceyhan. Andere Teile der IS-Produktion werden offenbar nach wie vor an das syrische Regime verkauft oder für den Eigenverbrauch im "Islamischen Kalifat" raffiniert.

Trotz Dumpingpreisen brachte der Rohölexport der Terrormiliz seit Anfang 2015 rund 500 Millionen Dollar ein, schätzt das US-Finanzministerium. Zudem betreiben die Dschihadisten Kidnapping und Schutzgelderpressung in geradezu industriellem Maßstab. Transportunternehmen müssen Wegzölle entrichten, die zehn Millionen Untertanen zahlen Steuern. Nach einer Studie der US-Rand-Stiftung fließen allein durch Erpressung und Steuern 400 Millionen Dollar pro Jahr in die IS-Kassen. Dreistellige Millionenbeträge kommen durch den Schmuggel mit geraubten Antiquitäten hinzu und machen den IS zur reichsten Terrororganisation aller Zeiten.

Washington kalkuliert die illegale Öl-Produktion auf 40 000 bis 50 000 Barrel (= 159 Liter) pro Tag, andere Experten sehen sie eher bei 20 000 bis 30 000 Barrel. Neun Stunden dauern die Schichten auf den 160 IS-Ölquellen. Die meisten Facharbeiter und Ingenieure wurden von der Terrormiliz weiter beschäftigt. Aufwändigere Reparaturen erledigen angeheuerte Experten zu exorbitanten Stundenlöhnen.

Die mehr als 6000 alliierten Luftangriffe haben das blühende Geschäft nicht zum Erliegen gebracht, auch weil die US-Kampfpiloten bisher Opfer unter den zivilen Tankwagenfahrern vermeiden wollten. Doch mit solchen Rücksichten ist es seit Paris vorbei. Rund 300 Tanklaster haben die Angreifer in den vergangenen beiden Wochen aus der Luft zerstört. 45 Minuten vor den Raketen regneten Flugblätter auf die Konvois herunter: "Sofort raus aus euren Lastwagen", stand auf den Warnungen. "Lauft weg."

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02.12.2015, 08:31 Uhr
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