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Das Gestern im Heute
Paula Beer als Marie und Franz Rogowski als Georg, der auf der Flucht die Identität ihres verstorbenen Mannes annimmt, in Christian Petzolds Film „Transit“, der am Samstag im Wettbewerb der Berlinale zu sehen war. Foto: Marco Krüger/Schramm Film/Berlinale/dpa
Berlinale

Das Gestern im Heute

Christian Petzolds „Transit“ und weitere Wettbewerbsfilme entführen in andere Zeiten, um von Gegenwärtigem zu erzählen.

19.02.2018
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Berlin. Anfang der 40er Jahre, die deutschen Truppen erobern Frankreich, in Marseille versuchen verzweifelt Gestrandete, Schiffspassagen nach Amerika zu ergattern, doch durch die Straßen fahren moderne Autos, im Radio läuft Pop. Wo sind wir hier? Und vor allem: Wann sind wir hier wirklich?

Christian Petzold hat für seinen Film „Transit“, der am Wochenende auf der Berlinale Weltpremiere feierte, Anna Seghers' im Exil während des Zweiten Weltkriegs verfassten Roman adaptiert – aber er inszeniert die Geschichte nicht in historischer Pseudo-Akuratesse, sondern verortet sie im Heute.

Das Kino ist seit seiner Erfindung eine Zeitmaschine. Doch in Petzolds Händen schafft sie Besonderes: den Zuschauer an zwei Zeiten zugleich zu transportieren.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Georg. Gerade noch hat er es geschafft, den Faschisten zu entkommen und nach Marseille zu flüchten. Er hat, einem Zufall geschuldet, die Identität des gerade verstorbenen Schriftstellers Weidel angenommen, im Gepäck die Zusicherung eines Visums durch die mexikanische Botschaft. In Marseille – in den Cafés, am Hafen, in den Konsulaten – kreuzen sich die Wege vieler Fliehenden, schon bald ist Georg Teil eines komplexen Beziehungsgeflechts, zu dem auch Weidels Frau Marie gehört, die nicht weiß, dass ihr Mann tot ist. Wer schafft noch den Weg aus der Stadt auf ein rettendes Schiff, und wer schafft dies mit wem? Wer muss wen zurücklassen, gibt es überhaupt ein Entfliehen?

Indem er „Transit“ im heutigen Marseille gedreht hat, gelingt es Petzold, die Themen Flucht und Vertreibung, Heimat und Identität aus dem Gefängnis eines oft heimatmusealen Ausstattungskinos zu befreien. Die Zerrissenheit, Furcht und die Not der Betroffenen, die Willkür des Schicksals und das Ausgeliefertsein werden direkt fassbar.

Petzold geht es zwar um das „Nicht-Pädagogische“, er muss nicht direkt auf den aktuellen Flüchtlingsdiskurs verweisen – das leistet sein Zugriff quasi von selbst. „Jeder Film ist Gegenwart“, hat er dazu jetzt in Berlin gesagt. Petzolds Kino ist selbst zu einem „Transitraum“ geworden.

Der Regisseur und Drehbuchautor (57) ist Stammgast auf der Berlinale, war mit „Gespenster“ (2005) und „Yella“ (2007) im Wettbewerb vertreten, für „Barbara“ bekam er 2012 sogar den Regie-Bären. Er gehört mit seinen vieldeutigen, bei aller Ruhe kraftvollen Dramen zu den konsistentesten deutschen Filmemachern. Doch „Transit“ ist anders: unmittelbar aufwühlender.

Und wenn Petzold die Geschichte fast wie ein Melodram schildert, so legt er noch die Erzählstimme eines Barkeepers darüber – das zu Sehende und das Gesprochene divergiert manchmal, was den Film zudem zu einer Reflexion über das Erinnern werden lässt. Das mag alles verkopft klingen, doch es geht auf.

Das tut es auch wegen des famosen Hauptdarstellers: Franz Rogowski (32) ist als Georg so sanft und dringlich zugleich, so voller Verletztheit und Sehnen, so körperlich und seelisch greifbar, dass er die Leinwand fast zum Glühen bringt. Rogowski ist der deutsche Schauspieler der Stunde, auf der Berlinale wird er als einer der europäischen „Shooting Stars“ ausgezeichnet, zumal er in einem zweiten Wettbewerbsbeitrag zu sehen sein wird: „In den Gängen“.

Während „Transit“ vom Gestern im Heute erzählt, entführt Alexey German Jr. in eine präzis benannte Vergangenheit. „Dovlatov“ schildert eine Woche im Leben des titelgebenden Schriftstellers im November 1971. Die Texte des jungen Autors werden als zu kritisch oder ironisch abgelehnt und nicht publiziert, das Leben in den Künstlerzirkeln von Leningrad, wo Dovlatov unter anderem mit Joseph Brodsky befreundet ist, leidet unter Stagnation und Oppression. German lässt seine Protagonisten durch symbolisch aufgeladene Räume wandeln, spitzt das Geschehen tragikomisch zu.

Auch hier mag einem nichts rein historisch vorkommen. Wer mag schon glauben, dass der Regisseur nur von der Sowjetunion des Jahres 1971 erzählen mag. Zumindest indirekt wirft er Lichter auf die heutige Realität russischer Künstler.

Doch das Kino kann nicht nur im Gestern aktuelle Fragen anklingen lassen. Es kann sich dazu auch ins Morgen bewegen. So spielt der gefeierte Eröffnungsfilm, Wes Andersons „Isle of Dog“, in einem zukünftigen Japan, zudem hat er tierische Protagonisten und ist in schrulliger Stop-Motion-Technik animiert worden. Und doch verhandelt er bei aller Verspieltheit und Artifizialität grundlegende Fragen: Wer sind wir, was tun wir uns und anderen Wesen an?

Das Kino kann uns tatsächlich als Zeitmaschine an mehrere Orte zugleich transportieren – und sogar noch mit einem moralischen Kompass ausgestattet sein.

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19.02.2018, 06:00 Uhr
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