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Zeitreise in die DDR

Das Geschäft mit der Ostalgie erlebt in Berlin eine neue Blüte -und hält alte Traditionen am Leben

Die DDR lebt. In Berlin stolpert man vom DDR-Museum, zum DDR-Motorradmuseum und irgendwo gibt es auch immer eine DDR-Design-Ausstellung.

02.10.2015
  • ANDRÉ BOCHOW

Man kann sich Trabbis ausleihen, Bäcker bieten "Echte Ostschrippen" feil und auf den Straßenmärkten am Stadtrand trifft man auch schon mal auf das Schild "Echte Ost-Negerküsse". In Wirklichkeit heißen die Süßwaren aus Grabow "Schokoküsse" und echt sind sie nur mit diesem ganz bestimmten Zipfel. Als die Firma versuchte, sich dem Westen anzupassen und den Zipfel platt machen wollte, hagelte es Proteste seitens der Kunden. Seitdem ist der Zipfel wieder dran. Ein kleiner Sieg für den Osten.

In 25 Jahren hat sich einiges bewegt. Auch rückwärts. Als die DDR unterging, wollten die meisten Ostdeutschen erst einmal nichts, was auch nur annähernd an sie erinnerte. Der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat, Klaus Schroeder, hat das so ausgedrückt: "Die Ostdeutschen wollten leben wie die Westdeutschen, aber kaum ein Westdeutscher wollte leben wie die Ostdeutschen." Doch heute kaufen Westdeutsche Ostmopeds und viele Ostdeutsche scheinen eine sehr große Sehnsucht nach "Tempolinsen" und dem echten DDR-Softeis zu verspüren.

Am lebendigsten ist der Arbeiter-und Bauernstaat im Internet. Wer sich wie ein Bürger der Deutschen Demokratischen Republik kleiden, ernähren oder bilden will, findet im Netz alles, was sein Herz begehrt. Der "Ostprodukte-Versand" bietet unter anderem "Jesuslatschen Römer - Das Original", die Medaille "Aktivist der sozialistischen Arbeit", Pionierhalstücher, "Pfeffi-Likör" und als eher postsozialistischen Gag das Kondom mit dem Logo der Jungen Pioniere und, dazu passend, mit deren Originalgruß: "Seid bereit, immer bereit." Anders als in der DDR gibt es heute jedoch alle Produkte praktisch zu jeder Zeit und sie werden dem Besteller sogar als Paket zugesandt. Die Distribution ist eindeutig westlich.

Für das DDR-Gefühl gibt es in Berlin auch Restaurants, oder besser Gaststätten wie etwa die Ostalgie im Prenzlauer Berg, das Osseria in Weißensee oder die Volkskammer im Friedrichshain.

Dieses wohl konsequenteste DDR-Lokal hat sich zwischen Ostbahnhof und dem Gebäude, auf dem der Schriftzug "Neues Deutschland" prangt, einquartiert. Die Stühle vor der Volkskammer sind als "Volkseigentum" gekennzeichnet, innen erklärt ein Schild "Sie werden platziert". Niedrige Decken, echte "Plaste" - Menage in Orange für Salz, Pfeffer und Senf. Überall an den Wänden Wimpel. Der sozialistische Jugendverband FDJ ist vertreten, der Deutsche Turn- und Sportbund DTSB, der Fußball-Verein Dynamo und was sonst eine gewisse Bedeutung im verblichenen ostdeutschen Staat hatte. Dazu ein Aquarium sowie Bilder der DDR-Staatschefs Honecker und Ulbricht. Nur nach DDR riechen tut es nicht, obwohl die Küche nur Ausgesuchtes aus der Zeit von vor 1990 zu bieten hat. Soljanka, Würzfleisch und Ostgrütze. Doch bei allem Bemühen um Authentizität: Geraucht wird in der Volkskammer nicht.

"Nee, das geht nicht", sagt Frank Dreblow lachend. Die Antiraucherbestimmungen gelten nun mal auch für Restaurants im Diktatur-Look. Dreblow kommt aus Löcknitz, einer 3000-Seelen-Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern. Für einen aus dieser Gegend redet Dreblow viel und schnell. Er bezeichnet sich selbst als Vorsitzenden. Der Vorsitzende in Jeans und Jeansjacke streicht sich über die Vollglatze, dann ruft er einem Mann, der die Volkskammer verlässt, ein "Halt-die-Ohren-steif" hinterher. "Der ist vom NVA-Traditionsverein", erklärt der Gaststättenbesitzer.

Vor vier Jahren hat Dreblow die Volkskammer übernommen. "Es gab hier mal Vorgänger. Die waren vom Ostel", erzählt er. Gemeint ist das DDR-Design-Hostel um die Ecke, das mit einem FDJ-Logo und eben mit dem Namen Ostel wirbt.

Der Laden läuft. "Voriges Jahr waren Restauranttester da und haben alles für gut befunden." Es kommen Touristen und Ostalgiker. "Wir machen auch Frauentagsfeiern und dann steht im Gästebuch etwas vom Kollektiv VEB Narva." Auch der ehemalige DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler kommt öfter essen. "Der ist ja nun schon 95", sagt Dreblow.

Die Hälfte seines Lebens hat Dreblow jetzt im vereinigten Deutschland zugebracht. Seit dieser Zeit ist der gelernte Gleisbauer selbstständig - auch im Kapitalismus kommt er offenbar bestens zurecht. Warum dann dieses Restaurant? "Ich bin einfach ein normaler DDR-Bürger, der diese Zeit nicht ganz verschwinden lassen will", sagt er. "Ich bin mit nichts in Konflikt gekommen in der DDR." Und heute, da sei das Leben eigentlich härter als damals vor der Wende.

Dass das nicht alle so sehen, ist Dreblow klar. "Leute, die bei der Stasi im Knast gesessen haben, reden natürlich ganz anders. Von denen werde ich teilweise auch beschimpft." Man müsse aber mal fragen: "Wodurch sind die denn mit der Stasi in Konflikt geraten? Wollten die abhauen? Das hat jeder gewusst, dass man da einen Ausreiseantrag stellen muss." Und die Mauertoten? Die haben doch "in Kauf genommen", erschossen zu werden, "wenn die da rüberlaufen." Denn schließlich: "Es war verboten."

Frank Dreblow ist ein freundlicher, friedlicher Mann, der Ordnung und Gesetzestreue schätzt. Im Februar haben deutsche Ordnungshüter in Dreblows Wohnung nach Waffen gesucht. Eine richtige Großrazzia. Gefunden wurden zwei alte Gewehre und 31 NPD-Schulhof CDs. Im Internet sind Fotos zu sehen, die ihn mit Thor Steinar-Sachen oder mit einer Wehrmachtsfeldmütze zeigen. Außerdem ist dort zu lesen, dass Dreblow für die NPD im Gemeinderat von Löcknitz sitzt.

Der Wirt bestreitet dies, beschreibt sich selbst als "unabhängig", weist den Vorwurf zurück, ein Rechter zu sein. Außerdem habe er in Berlin ganz neue Pläne. "Es gibt ja richtige Ostalgietouren. Mit Bussen. So was will ich auch noch machen." Dafür will er sich einen alten Ikarus-Bus holen. Damit will er zum Honecker-Bunker in Prenden bei Wandlitz. Wenn der geöffnet wird. "Dann wird so eine Fahrt gemacht: Bunker besichtigen und hinterher essen." In der Volkskammer natürlich.

Das Geschäft mit der Ostalgie erlebt in Berlin eine neue Blüte -und hält alte Traditionen am

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02.10.2015, 12:00 Uhr
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