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Selbstoptimierung

Das Geschäft mit dem Schlaf

Stress und ein verändertes Freizeitverhalten lassen die Menschen kaum noch zur Ruhe kommen. Digitale Helfer, Spezialdecken und Säfte versprechen Abhilfe. Doch ob sie etwas taugen, ist nicht erwiesen.

24.08.2019

Von MICHAEL GABEL UND ELLEN HASENKAMP

Frauen leiden häufiger unter nächtlicher Unruhe als Männer. Foto: Photographer's Choice/Getty Images

Berlin. Der Tag war anstrengend. Endlich im Bett rattert das Hirn weiter. An Nachtruhe ist nicht zu denken. Dies wäre der Moment, um das Schlafsystem „Aura“ des französischen Herstellers Withings auszuprobieren. Aus seiner Lautsprecherbox dringt ein sanftes Meeresrauschen, und sein warmes, rotes Licht verstärkt angeblich die Ausschüttung des körpereigenen Schlafhormons Melatonin: 150 Euro. Oder doch lieber einen Schlafroboter von Somnox, der wie ein Kuscheltier ins Bett genommen wird und vorgibt die Atemgeschwindigkeit zu senken? (599 Euro). Wem das zu abgedreht ist, könnte sich Sleep Buds von Bose ins Ohr stecken – ein Schlaferlebnis mit Meeresrauschen für 269,95 Euro. Oder, oder, oder.

Die moderne Gesellschaft giert nach gutem Schlaf. Immer stärker optimiert sie sich auch nachts. Wer im Bett nicht zur Ruhe kommt, kann tagsüber nicht funktionieren, leistet weniger im Job, im Sport, in der Familie. Lange Zeit galten Kurzschläfer als Maßstab, inzwischen schwören auch Top-Manager wie Jeff Bezos auf langen, guten Schlaf. Deshalb boomt auch das Geschäft mit der Nachtruhe. Das US-Marktforschungsinstitut P&S Intelligence bezifferte den Schlafmarkt im Jahr 2017 auf 63,2 Milliarden Euro weltweit. Im Jahr 2023 könnten es über 90 Milliarden Euro sein. Als großen Markt sehen die Analysen auch die Bundesrepublik.

Allerdings: Einen Beweis dafür, dass solche modernen Einschlafhilfen tatsächlich wirken, gibt es nicht. Bisher sind es vor allem Versprechungen, mit denen die Anbieter von Schlafsystemen, digitalen Schlafüberwachern, Pülverchen und Säften für ihre Produkte werben.

Nährstoffe für den Körper

Da gibt es zum Beispiel den Schlaftrunk „Smartsleep“ des Unternehmers und promovierten Neurowissenschaftlers Markus Dworak. Hauptbestandteil ist Creatin – ein Stoff, der Muskeln mit Energie versorgt und künstlich hergestellt werden kann. „Smartsleep“ sei keine Einschlafhilfe“, betont Dworak, der Fernsehzuschauern durch Auftritte in der Gründer-Sendung „Die Höhle des Löwen“ bekannt sein dürfte. „Vielmehr geht es darum, dem Körper für die Nacht Nährstoffe zu liefern, die wichtige physiologische Erholungsprozesse unterstützen können“, sagt er.

Nach nur fünf Stunden Schlaf soll man sich ausgeschlafen fühlen – das kostet rund 20 Euro für sieben Ampullen. „Natürlich sind sieben bis acht Stunden guter Schlaf das Beste“, sagt Dworak. „Aber in unserer Gesellschaft kommen Dinge wie Nachtruhe oder auch gesunde Ernährung eben manchmal zu kurz.“

Dass immer mehr Deutsche unter Schlafstörungen leiden, bestätigen Untersuchungen der Krankenkassen. Laut einer aktuellen Studie der DAK leiden vier Fünftel der 35- bis 65-jährigen Berufstätigen unter mehr oder weniger großen Schlafproblemen – oder glauben daran zu leiden. Vor zehn Jahren war es ein Drittel weniger.

Das hat enorme Folgen für die Arbeitsfähigkeit der Deutschen. So stieg die Zahl der Fehltage aufgrund von Schlafstörungen innerhalb der letzten Dekade um rund 70 Prozent auf jetzt 3,86 Tage pro 100 Versicherte. Darüber hinaus ist auch das Unfallrisiko deutlich erhöht. Angeblich beläuft sich der Schlecht-Schlaf-Schaden auf 1,56 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), schätzt der europäische Ableger der US-Denkfabrik „Rand“.

Für die USA soll der Schaden noch höher sein (2,28 Prozent des BIP). Der größte Krankenversicherer des Landes „Aetna“ versucht deshalb seine Beschäftigten einem umfassenden Wellness-Programm zu gesünderem Schlaf zu erziehen. Wenn Angestellte nachweisen können, dass sie 20 Nächte hintereinander mindestens sieben Stunden Schlaf bekommen haben, bekommen sie 25 Dollar pro Nacht – bis zu 500 Dollar im Jahr. Bedingung: Die Mitarbeiter müssen elektronische Armbänder tragen, mit denen sie ihre Bettruhe belegen können.

Entsprechend boomt der Markt der Schlafhelfer. Das Angebot reicht von Sleeptrackern (elektronischen Schlafbeobachtern), die anhand von Bewegungen der Schlafenden erfassen, ob er in der Nacht ruhige oder unruhige Phasen durchläuft, bis zu extra schweren Decken, die bis zu zwölf Kilogramm wiegen und den Schlafenden nachts praktisch zur Untätigkeit zwingen. Erwerben kann man darüber hinaus Soundkissen („Alvi“) mit in den Stoff eingenähten Miniboxen und jede Menge „garantiert“ entspannungsfördernder Matratzen.

Schlafexperte ist skeptisch

Schlafexperte Professor Christoph Schöbel sieht diese Entwicklung kritisch. Der Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Ruhrlandklinik Essen fordert medizinische Tests, mit denen die Wirkungsweise der Produkte erforscht und bewertet werden kann. „Viele Geschäftemacher“ tummelten sich in der Branche, warnt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Deshalb müsse man bei jedem einzelnen Produkt genau hinschauen, ob es wirklich etwas tauge.

Von Selbstoptimierung beim Schlafen hält er wenig. „Die Besonderheit ist, dass man nicht umso besser schläft, je mehr Mühe man sich gibt. Das ist anders als beim Fitnesstraining“, betont er. Auch für Schöbel sind innere Unruhe und Schlafmangel typisch für unsere Zeit. Zu unterscheiden seien allerdings Fälle von chronisch schlafgestörten Patienten und Menschen, die im Bett nur hin und wieder, häufig stressbedingt, nicht zur Ruhe kommen, sagt er.

Selbstverständlich sei jeder Mensch frei, sich jede beliebige Einschlafhilfe zu kaufen. Manchmal bringe das sogar den gewünschten Erfolg, sagt Schöbel – denn „wer heilt, hat Recht“. Doch helfe beim Wunsch nach innerer Ruhe oft auch einfache Maßnahmen wie eine Gedankenreise. Zum Beispiel zum letzten Urlaub am Meer.

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Erstellt:
24. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. August 2019, 06:00 Uhr

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