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Kunstkiste am Kran (Video, Pano, Bilder)

Das Fischer-Fresko schwebte aus dem Villendach

Perfektes Hand- und Maschinenwerk: Aus einer Abriss-Villa hievten am Mittwoch Spezialisten mit schwerem Gerät einen Zwanzig-Tonnen-Kubus, der ein Fresko des Münchner Malers Ernst Maria Fischer birgt.

14.10.2015
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. Kurz nach 15 Uhr, spontaner Beifall unter den Schaulustigen, der Klotz löst sich sachte von seinem Untergrund. Auch die Spannung löst sich – vor allem die der Männer am Bau, die cool ihrer Präzisionsarbeit nachgehen. Überraschend ist der Kubus, den Julia Feldtkeller leichthin Kunstkiste nennt, hartnäckig festgesessen, mit Presslufthammer und Vorschlaghammer musste vor dem Abheben noch Mauerwerk weggeschlagen werden. Nach knapp zwei Stunden schließlich schwebt der Zwanzigtonner in der Luft, hebt sich aus dem freigeschnittenen Dach.

„Dass das mal so ausgeht, hätte ich am Anfang auch nicht gedacht“, sagt Ulrich Polzer. Er ist erleichtert, im doppelten Sinne. Das Kunstwerk, das in diesem Moment seine kurzzeitige Denkmaleigenschaft verloren hat, hat er los und es ist rundum alles gutgegangen. Polzer hatte als Investor die Villa gekauft, um an ihrer Stelle ein nobles Mehrfamilienhaus zu errichten. Von dem Fresko aus dem Erbauungsjahr 1933 hatte er keine Ahnung, zumal es unter einer Tapete verborgen war. Dass damit auch eine schier unglaubliche Geschichte zugekleistert war, haben wir bereits mehrfach im TAGBLATT berichtet.

Nach Hinweisen aus der Nachbarschaft hat die Restauratorin und Kunsthistorikerin Julia Feldtkeller mit Polzers Einverständnis das Fresko freigelegt. Sie hat es erforscht und dabei so viel Überraschendes und Einmaliges, Politisches und Schicksalhaftes zu Tage gebracht, dass sie das Gesamtkunstwerk retten wollte. Und zwar in einer Form, in der es möglichst wenig von seiner Aussagekraft verliert. Die Denkmal-Abteilung im Regierungspräsidium stellte das Fresko in seiner angestammten Umgebung vorübergehend unter Schutz, um die Dokumentation zu sichern, akzeptierte aber die bereits verfügte Abrissgenehmigung.

Berge versetzen auf eigenes Risiko

Daraufhin kämpfte Feldtkeller auf eigenes Risiko um den Erhalt des Freskos mit größtmöglichem Kontext. Sie beauftragte die aufs Translozieren kompletter Häuser spezialisierte oberschwäbische Firma Jako (Motto: „Wir versetzen alles. Außer Berge!“) mit einem Kostenvoranschlag, schluckte nach dem Ergebnis (rund 60 000 Euro einschließlich Lagerung für ein halbes Jahr) und gab grünes Licht. Sie war sich sicher, sogar Berge versetzen zu können, um dieses Projekt zu realisieren.

Vor zweieinhalb Wochen begannen die technischen Vorbereitungen. Drei Jako-Männer vermaßen die Räume, begutachteten den Bauzustand, deckten die Böden auf, studierten den Verlauf der Balken und lieferten Daten an ein Statikbüro. Anschließend legten sie mit einer Steinflex, Hammer und Meißel systematisch den im ersten Obergeschoss gelegenen, zehn Kubikmeter großen Raum frei. „Vor einer Woche“, berichtet Jochen Christ unserer Zeitung, „haben wir den Kubus mit zwei großen Stahlträgern unterfangen.“

Christ ist Zimmermeister und Restaurator. Mit seinen beiden Kollegen hat er das Mauerwerk drumherum „zurückgebaut“ und „das Haus gesichert, damit es nicht zusammenfiel“. Zuletzt ruhten die Stahlträger samt Kunstkiste auf einer Mauer und drei Stütz-Punkten. Zwei weitere Stahlträger mit mächtigen Metall-Ösen wurden über dem Kubus angebracht und dienten als Aufhänger. Letzter Arbeitsgang vor dem Wochenende war die Aussteifung des Innenraums mit Holzbalken, die das Werk zusätzlich stabilisieren halfen, und ein Balkenkorsett um den Kubus herum. Diese Arbeiten erfolgten insbesondere im Hinblick auf den weiten Transportweg. „Das Raushieven aus dem Gebäude ist kein Problem“, bekundete Christ, den wir vor der Aktion befragten.

Hand in Hand mit den Jako-Leuten arbeitete ein Team des Sindelfinger Unternehmens Scholpp, das mit seinem Großlastkran ebenfalls Maßarbeit verrichtete. Lässig lehnte der Kranführer in seinem Sitz, ließ starke Hubkräfte walten und verlud den mächtigen Brocken sanft, als müsse er die Preziose auf ein Samtkissen legen. Erst am Abend startete der Tieflader zur Lagerhalle nach Balingen.

„Ein Gebäude mit Geschichte. Wir schreiben sie weiter“, verhieß ein Transparent auf der Plane, die den Kubus verdeckte. Es war kein Zufall, dass auch Stadtarchivar Udo Rauch zuschaute und die Tübinger Dokumentationskünstlerin Hanna Smitmans die Aktion mit Foto und Kamera festhielt. Denn diese Geschichte wird in Tübingen weitergeschrieben.

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