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Das Ereignis der Augen
„Man sieht sich ja selber nicht altern, da ist es beruhigend, seinen Freund älter und weiser werden zu sehen“. Wim Wenders schreibt das über seinen Freund Peter Handke: „Sofort Bilder“ heißt der prächtige Band des Filmemachers, erschienen bei Schirmer/Mosel (320 Seiten 49.80 Euro), in dem auch dieses Polaroid aus alter Zeit und seine Geschichte abgedruckt sind. Foto: © Wim Wenders/courtesy Schirmer/Mosel Foto: © Wim Wenders/courtesy Schirmer/Mosel
Schriftsteller

Das Ereignis der Augen

Ein bisschen Ronja Räubertochter, halb biblische Eva: In seinem neuen Roman erzählt Peter Handke, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, von einer „Obstdiebin“.

06.12.2017
  • GEORG LEISTEN

Ulm. Ist es wirklich das letzte Mal? Das fragt er sich, als er die Schuhe schnürt, den Soldatenrucksack des Onkels aus dem Zweiten Weltkrieg packt, die heimische Tür verriegelt und loszieht zu einer ebenso langen wie langsamen Wanderung. Der Ich-Erzähler in Peter Handkes neuem Monumentalroman „Die Obstdiebin“ fühlt die Spur der Jahre im Körper, doch von einer Sekunde auf die andere jagt ihm etwas jugendliche Reiselust in die nicht mehr richtig durchbluteten Füße: der Stich einer Biene.

In der Prosa des österreichischen Autors kann alles zum Zeichen werden, Straßenschilder und Leuchtschriften, Vorstadtzüge und Steine am Wegesrand. Warum also nicht auch ein Stechinsekt? „Die Hornissen“ hieß schließlich einst sein analytisch-experimenteller Erstling.

Er zieht Bilanz

Mittlerweile ist Handke, der heute, am 6. Dezember, seinen 75. Geburtstag feiert, bei seinem Alterswerk angelangt. Er zieht Bilanz, greift Vergangenes auf, vollendetet Begonnenes. Auf frühere Arbeiten verweist besonders die Titelheldin. Anders als der Ich-Erzähler bleibt die Obstdiebin nicht anonym. Sie heißt Alexia und ist die Tochter jener leitenden Bankangestellten aus Handkes mystischem Reisebericht „Der Bildverlust“ von 2002.

Frauengestalten waren bislang nicht die Stärke des Autors. Lieber schrieb er von sich selbst und lauert auch jetzt wieder hinter der Maske des Ich-Erzählers. Mit der Obstdiebin aber gelang ihm sein leuchtendstes Geheimnis: „Ewig seltsam.“ In diesem rätselhaft lapidaren Schlusssatz verabschiedet sich das Buch nach 560 Seiten von der Apfel- und Kirschenräuberin, über deren Beziehung zum Dichter-Ich man grübeln darf. Ist sie sein Hirngespinst? Zumindest vereint diese Figur viele Verführerinnen und Zauberinnen der Literatur in sich: ein bisschen Ronja Räubertochter, halb die Fee Morgane der Artussage, halb biblische Eva. Obschon sie aus einem recht kalten Paradies, aus Sibirien, in die französische Picardie gefunden hat, um ihre verlorene Mutter zu suchen.

Also erneut ein Gegenwartsmärchen, doch die „Druckwelle einer weltweiten Katastrophe“ hat das Land der Erzählung erfasst. Gemeint sind die Terroranschläge der Jahre 2015/16, die Paris als apokalyptisch „bedrohte Stadt“ erscheinen lassen. Die Obstdiebin fungiert vor diesem dissonanten Hintergrund als symbolische Gegenfigur. Sie überbringt die zuckersüßen Erkenntnisfrüchte einer Besinnung aufs Naheliegende.

Dabei folgt ihre Reise der narrativen Logik mittelalterlicher Epen. Wunderbare Begegnungen und Alltagsabenteuer warten auf die fahrende Heldin. Etwa, wenn sie sich nach dem „Regenlosbrechen“ eines Gewitters in eine seltsame Herberge rettet.

Dies ist indes nur das äußere Gerüst einer Handlung, in der es grundsätzlich um das Welterlebnis durch Beobachten und Beschreiben geht. „Äugen“, ein veraltetes Wort für schauen, holt Handke in seinen Wortschatz zurück, weil sich darin eine sprachhistorische Brücke zum „Ereignis“ auftut, das früher einmal ein „Eräugnis“ war. Zu einem solchen Handke-Ereignis kann alles werden. Rabenfedern, die Gerätschaften eines Schusters, Felsen, die wie Schafe aussehen. „Unwahrscheinliches, mache dich auf die Beine und werde rege“, lautet eine der Beschwörungsformeln dieser Wirklichkeitsmagie.

Auf die Melodie horchen

Handkes Religion der hinschauenden Verwandlung kokettiert zwar bisweilen mit dem aufgeplusterten Anspruch, praktische Lebenskunst zu sein, doch dem sollte man nicht auf den Leim gehen. Der Charme des Buches erschließt sich dann, wenn man in dem Gesang vom Fremden im Vertrauten nicht nur auf den Text, sondern auf die Melodie horcht.

Dass – mancher Verstiegenheit zum Trotz – aus Handkes profaner Mythologie einmal mehr große Literatur wird, liegt an der sprachlichen Instrumentierung, am lyrisch abgemessenen Duktus der Worte, die sich selbst zum Klingen bringen. Und so kann der Leser nur hoffen, dass es nicht das letzte Mal ist, dass ein Handke'scher Held auszieht, um das Sehen zu lernen. Und dass die „altgewordenen Augen“ des Autors sich weiterhin dem Schönen wie dem Schrecklichen der Welt stellen und darüber Romane wie diesen schreiben.

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06.12.2017, 06:00 Uhr
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