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Geschichte

Das Erbe der Menschensammler

In der Kolonialzeit wurden Gebeine nach Deutschland verschleppt und liegen zum Teil bis heute in den Depots. Auch die Universität Freiburg muss ihre Vergangenheit aufarbeiten.

17.08.2019

Von LENA GRUNDHUBER

Ein historisches Bild aus Deutsch-Südwestafrika 1904/1905. Es zeigt, wie Schädel von getöteten Hereros für den Transport nach Berlin verpackt werden. Foto: picture-alliance/akg-images

Freiburg. Kolonialherren verpacken Schädel in Kisten, ein grausiges Bild einer grausigen Geschichte: Viele Gebeine getöteter indigener Menschen wurden in der Kolonialzeit auch nach Deutschland verschifft, um Rassenforschung daran zu betreiben. Etliche der Schädel, die man damals vermessen hat, dürften noch in Freiburg liegen – und Dieter Speck, der sie als Leiter des Universitätsarchivs betreut, liegen sie auf der Seele.

Seit die Debatte um die Kolonialzeit intensiver geführt wird, wird auch der Umgang mit menschlichen Überresten heiß diskutiert. Aktivisten und Historiker kritisieren mangelnden politischen Willen zur Rückgabe und fordern eine gesetzliche Regelung. In Baden-Württemberg hat Wissenschaftsministerin Theresia Bauer jüngst ihre Institutionen aufgerufen, die Bestände zu durchsuchen, um Rückgaben veranlassen zu können. Im Frühjahr hat Baden-Württemberg Schädel an Australien übergeben, die wohl von Aborigines stammen. Und anscheinend beginnt das Thema endlich ins Bewusstsein zu dringen. Jedenfalls wurden vor ein paar Wochen zwei Totenschädel anonym in Freiburg abgegeben. „Vielleicht hat jemanden das schlechte Gewissen gepackt“, sagt Dieter Speck.

Auf die Anfrage aus dem Ministerium habe er bereits geantwortet, sagt er. Doch das mit dem Zurückgeben sei nicht so einfach – zumindest im Fall der Alexander-Ecker-Sammlung, die er betreut. Als er sie 2001 übernahm, war sie fast 150 Jahre alt, hatte zwei Weltkriege, mehrere Leiter und noch mehr Ortswechsel erlebt. Sie war geschrumpft, gewachsen, wieder geschrumpft und mit diversen Beschriftungen versehen worden. Kurz gesagt: Sie war in desolatem Zustand. Etwa 1500 Objekte zählt sie heute. Zwei Drittel sind archäologische Funde aus Deutschland, ein Drittel stammt von überall her, vielleicht aus der Südsee, vielleicht aus Afrika. Das eben gilt es herauszufinden.

Denn der Anatom und Anthropologe Ecker, 1816 geboren, war „ein Kind seiner Zeit“, wie Speck sagt: „Er hat gesammelt, was das Zeug hält, Nippes, Nepp und Schrott.“ Und Schädel, Gebeine, sogar Weichteile – vom „Scelet“ eines afrikanischen Eunuchen bis zu den Genitalien einer bärtigen Europäerin. Infiziert vom Darwinismus, wollte Ecker die Abstammung von „Menschenrassen“ klären, sagt Speck. „Ein Irrweg, wie man heute weiß.“

Natürlich habe der Mann Ansichten vertreten, die wir heute als rassistisch bezeichnen, „aber ihn als Vordenker der NS-Rassenideologie zu bezeichnen, ist grottendaneben“, findet Speck. Bei Eckers Nachfolger Eugen Fischer sehe das anders aus: „Fischer ist ein Rassist, da gibt's keinen Zweifel.“ Zur Zeit des Ersten Weltkriegs übernimmt Fischer, der unter den Nazis Karriere machen wird, die Sammlung. Bereits 1908 macht er sich zu Forschungszwecken in das damalige Deutsch-Südwestafrika auf, 1913 veröffentlicht er die Studie „Rehobother Bastards und das Bastardisierungsproblem beim Menschen“, mit der er die Überlegenheit der Weißen belegen will. Außerdem sammelt er Gebeine, wohl auch in den bereits aufgelösten Konzentrationslagern, in denen Herero und Nama litten und starben. Zwei Schädel, die wahrscheinlich aus einem Lager stammen, hat Freiburg 2014 mit zwölf weiteren an Namibia repatriiert.

Menschenverachtend

Herero-Frauen mussten die Schädel getöteter Männer vor dem Transport mit Scherben „vom Fleisch befreien“, so steht es unter der hier abgebildeten Fotografie. Fischer regte gar an, zum Tode Verurteilte lebend nach Deutschland zu schicken, um an ihre Weichteile zu kommen. Die Menschenverachtung der Weißen kannte kaum Grenzen, das muss man sich vor Augen halten, um die berechtigte Emotionalität und politische Wucht dieser Debatte zu verstehen. Vorangetrieben wird sie von Kritikern, die nicht müde werden, das Unrecht anzuprangern, das einst an Menschen verübt und bis heute nicht wieder gutgemacht wurde.

Denn wieso dauerte es mehr als hundert Jahre seit dem Völkermord an den Herero und Nama, bis man 14 Schädel an Namibia zurückgab? Wieso wurden Anfragen aus den Herkunftsgesellschaften zum Teil jahrelang nicht beantwortet? Fragt sich Heiko Wegmann, der das Projekt „Freiburg postkolonial“ umtreibt. Bereits in den 90ern, sagt er, habe Australien erfolglos nach menschlichen Überresten in Freiburg gefragt. Und warum überhaupt müssen Herkunftsgesellschaften erst fragen, um zu bekommen, was ihnen zusteht? „Da hat man eine Bringschuld“, sagt Wegmann, „man muss proaktiv herangehen und nicht erst auf Druck reagieren.“ Er fordert eine Clearingstelle auf Bundesebene und eine Datenbank, um die Bestände in Deutschland für die Herkunftsgesellschaften offenzulegen.

Für proaktive Forschung fehlten die Mittel, sagt wiederum Speck. Im Archiv sei er der einzige Wissenschaftler, Provenienzforschung müsse er nebenher betreiben. Für alles weitere müsse er Drittmittel beantragen, und bis die da sind, könnten Jahre ins Land gehen. Erst jetzt könne er eine neue Förderung beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste beantragen. Alles umgehend aufzuarbeiten, wie Wissenschaftsministerin Bauer das möchte, sei bei einer so schlecht dokumentierten Sammlung nicht realistisch. Denn eines will Dieter Speck unter allen Umständen vermeiden: eine Rückgabe an das falsche Land. „Dann hätten wir Europäer ein zweites Mal betrogen.“

Um das auszuschließen, arbeitet er mit Ursula Wittwer-Backofen, Professorin für biologische Anthropologie in Freiburg. Die Lücken in der Dokumentation versucht sie mit naturwissenschaftlichen Methoden zu füllen. UV-Licht, erklärt sie, könne alte Beschriftungen sichtbar machen, an Knochenmerkmalen könne man Alter und Geschlecht bestimmen, Isotopen-Analyse könne etwas über das Wasser verraten, das ein Mensch getrunken hat. „Das ist wie eine Unterschrift des Bodens“, sagt Wittwer-Backofen. Die Region könne man vielleicht eingrenzen, doch hundert Prozent gebe es nie. Und Ethnien? „Nein, ob jemand ein Herero oder ein Nama war, lässt sich am Schädel nicht festmachen.“

Ein Glücksfall ist der Fund, den Dieter Speck jüngst gemacht hat, ein Inventarbuch aus Eckers Zeiten. Zwar seien die Herkunftsverweise mit Vorsicht zu genießen, sagt der Historiker, denn die Händler nahmen es nicht so genau: „Wenn ein Sammler damals einen Herero wollte, hat er einen Herero gekriegt, egal ob das stimmte.“ Aber solche Angaben können ein Teil im Puzzle namens Provenienzforschung sein.

Am Ende führt Dieter Speck ins „Uniseum“, das Universitätsmuseum, das er aufgebaut hat. Unter der Überschrift „Das Jahrhundert der Menschensammler“ wird die Ecker-Sammlung thematisiert. Unter anderem ist ein Straßenschild zu sehen: Die Freiburger Eckerstraße wurde 2018 umbenannt. Speck ärgert das. Geschichte könne man nicht eliminieren, sagt er, man müsse sie kommentieren: „Wir haben eine schwierige Vergangenheit und sollten dazu stehen.“ Die Schädel sind heute nicht mehr ausgestellt. Sie lagern im Keller, für die Öffentlichkeit sind sie nicht zugänglich. Ihre letzte Ruhe aber haben sie noch lange nicht gefunden.

Die Gebeine sind heute unzugänglich für die Öffentlichkeit in der Uni Freiburg aufbewahrt. Foto: Karl-Heinz Zurbonsen/Uni Freiburg

Dieter Speck (l.) und Heiko Wegmann halten die Kiste mit den zuletzt abgegebenen Schädeln. Foto: Harald Neumann/Uni Freiburg

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Erstellt:
17. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. August 2019, 06:00 Uhr

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