Corona

Pandemie in Deutschland: Das Ende scheint in Sicht

Erst die gescheiterte Osterruhe, dann die Bundes-Notbremse: Die Pandemie hatte Deutschland zuletzt fest im Griff. Jetzt aber deutet sich an, dass es in absehbarer Zeit besser werden könnte.

06.05.2021

Von HAJO ZENKER

Hoffnung aus der Spritze: Corona-Impfstoff, hier von Biontech. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Berlin. Weniger Neuinfektionen, eine sinkende Sieben-Tage-Inzidenz, ein niedriger R-Wert und etwas weniger Intensivpatienten – mehrere Experten halten das für Anzeichen, dass Deutschland ein guter Sommer bevorsteht.

Wie sind die Ansteckungszahlen? Das Robert Koch-Institut (RKI) meldet 18 034 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden – ein Rückgang um 19 Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Auch die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Ansteckungen pro 100 000 Einwohner sinkt: Die Inzidenz liegt nun bei 132,8 (Vortag: 141,4; Vorwoche: 160,6). Das Besondere zudem: In der vergangenen Woche sank laut RKI „die Sieben-Tage-Inzidenz erstmals wieder in allen Altersgruppen“, also auch bei Kindern und Jugendlichen, die gerade besonders von Ansteckungen betroffen sind.

In allen Bundesländern ist eine Abnahme der Fallzahlen im Vergleich zur Vorwoche zu beobachten. Schleswig-Holstein (minus 21 Prozent), Bayern (minus 20), Niedersachsen und Brandenburg mit jeweils 18 Prozent Rückgang liegen vorn. Am Ende stehen das Saarland (minus 1), Thüringen (minus 6) und Baden-Württemberg (minus 8).

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert genannt, die beschreibt, wie viele Menschen ein Erkrankter ansteckt, liegt derzeit bei 0,82 (Vortag: 0,88). Rein rechnerisch stecken also 100 Infizierte 82 weitere Menschen an. Liegt der R-Wert für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab. Bereits seit über einer Woche, nämlich seit dem 27. April, liegt der R-Wert unter 1.

Wie steht es um die schweren Fälle? Der Anstieg der Zahl der Covid-Patienten auf deutschen Intensivstationen „scheint aktuell gestoppt“, teilt das RKI mit. Die Zahl der schwer Erkrankten in den Kliniken ist wieder unter 5000 gefallen. In den Intensivstationen werden nun 4838 solche Fälle behandelt, 117 weniger als am Vortag, geht aus dem Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hervor.

Die Entwicklung in diesem Jahr ist ein Auf und Ab: Gab es am 3. Januar noch 5745 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, und damit so viele wie noch nie, waren es am 13. März lediglich 2713. Vor einem Monat waren es 4144, vor einer Woche 5047.

Für DIVI-Präsident Gernot Marx ist die Lage zwar weiterhin angespannt, aber er hofft, dass die Zahl bis Ende des Monats deutlich sinkt. „Das ist unser Licht am Horizont.“ Deutschlandweit wurden innerhalb von 24 Stunden 285 neue Todesfälle verzeichnet. Vor genau einer Woche waren es 312 Tote.

Worin liegt der positive Trend begründet? Nach Ansicht mehrerer Experten handelt es sich um einen Ursachenmix. So verweist die Pysikerin Viola Priesemann aus Göttingen auf den Fortschritt beim Impfen. In Deutschland haben jetzt 29,5 Prozent der Menschen mindestens eine Corona-Impfung erhalten. Die volle Immunisierung haben 8,3 Prozent.

Auch die Präsidentin der Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, betont, die Impfungen hätten stark an Fahrt aufgenommen, „vielleicht sehen wir hier schon Effekte“. Der Mobilitätsforscher Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin hält neben den Impfungen, „die einen schnellen Einfluss haben“, auch die vielen Schnelltests in Schulen und Unternehmen sowie die Ausgangssperre für Gründe – und das langsam wärmer werdende Wetter.

Letzterem kann auch Priesemann folgen. Dass viele Menschen Treffen nach außen verlagern, könne für den R-Wert einen Effekt von rund 20 Prozent ausmachen. Kai Schulze vom RKI, der auch an der Universität von Cambridge forscht, betont, dass die Ansteckungswahrscheinlichkeit im Freien im Vergleich zu Innenräumen um mehr als 80 Prozent – „wenn nicht mehr“ – reduziert sei.

Für den SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach haben sogar die Debatten um die gescheiterte Osterruhe zu einem vorsichtigerem Verhalten in der Bevölkerung geführt. „Dann halfen der klare Appell der Wissenschaftler vor der Notbremse und die Notbremse selbst.“ Auch er betont die Rolle der Impfungen: „Jeder Geimpfte fällt sowohl als Quelle weiterer Infektionen als auch als Opfer der Infektion aus.“

Wie geht es weiter? Für den Virologen Alexander Kekulé aus Halle ist nun tatsächlich der Punkt erreicht, an dem das Ende des Tunnels in Sicht sei und an dem „wir mit ein bisschen Disziplin und deutscher Gründlichkeit in der Lage sind, uns bis zum Sommer, wenn es wieder wärmer wird und die Fallzahlen runtergehen, irgendwie durchzuhangeln“.

Die Virologin Sandra Ciesek aus Frankfurt/Main ist ebenfalls zuversichtlich: Wenn es Deutschland schaffe, weiter schnell und gezielt zu impfen „und vielleicht in vier Wochen schon die Hälfte der Erwachsenen die erste Dosis bekommen haben“, werde sich die Situation weiter entspannen. Und für Schulze sind die aktuellen Fallzahlen schlicht „der Anfang vom Ende der Pandemie in Deutschland“.

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Erstellt:
6. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Mai 2021, 06:00 Uhr

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