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Nach jahrzehntelanger Diskussion hebt der Bundestag alle NS-Kriegsverräter-Urteile auf

Das Ende des letzten Tabus

64 Jahre hat es gedauert. Jetzt ist das letzte Tabu gefallen. Nach jahrzehntelangen Diskussionen sind die wegen Kriegsverrats verurteilten Wehrmachtssoldaten im Bundestag pauschal rehabilitiert worden.

09.09.2009
  • ANDREAS CLASEN

Sie waren im Zweiten Weltkrieg Soldaten der Wehrmacht und kehrten nie zurück. Sie, das sind Friedrich Rath, Heinrich Warnken, Hermann Bode, Josef Salz und Dutzende, vielleicht Hunderte andere. Wie viele genau, weiß bis heute niemand. Sie sind nicht den "Heldentod" gestorben. Sie wurden erhängt, erschossen oder enthauptet. Von deutschen Kameraden. Ganz legal, weil sie "der feindlichen Macht Vorschub" geleistet "und der Kriegsmacht des Reiches oder seiner Bundesgenossen einen Nachteil" zugefügt hätten, wie das in den Urteilen der NS-Militärjustiz hieß. "Kriegsverrat" nannte man das auch, und dafür gab es seit 1934 im Deutschen Reich nur ein Strafmaß: den Tod.

Ein NS-Richter verurteilte Rath, weil er Juden zur Flucht verhelfen wollte. Bode musste sterben, weil er einen Flugblattaufruf zum Überlaufen anderen Kameraden zum Lesen gegeben hatte, und Warnken stand mit an der Wand, weil er Bode nicht verpfiffen hatte. Stabsgefreiter Salz hatte die deutsche Kriegsmacht mit regimekritischen Gedanken im Tagebuch geschädigt. Er wurde deshalb am 8. Februar 1944 in Stettin erschossen.

Ohne das Buch "Das letzte Tabu - Militärjustiz und Kriegsverrat" wüssten nur wenige Historiker von Salz, Bode und Co. Wolfram Wette, Professor für Neueste Geschichte in Freiburg und der Historiker Detlef Vogel haben es 2007 herausgegeben und lösten mit ihm eine neue Debatte unter den Bundestagsabgeordneten aus über die von nationalsozialistischen Richtern verurteilten Kriegsverräter. Diese Debatte ist gestern mit der pauschalen Rehabilitierung zu Ende gegangen.

Bis dato wurde nur einer rehabilitiert: General Walther von Seydlitz-Kurzbach. Er ist auch der einzige verurteilte Kriegsverräter, der das Dritte Reich überlebt hat. Er geriet 1943 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Im Auftrag der Sowjets rief er die deutschen Truppen in Flugblättern auf, sich gegen Hitler zu erheben. Dafür verurteilte ihn das Reichskriegsgericht 1944 in Abwesenheit als Kriegsverräter zum Tode. Nach seiner Rückkehr wurde das Urteil 1955 durch ein Landgericht aufgehoben. Die Strafkammer bescheinigte ihm, Widerstandskämpfer gewesen zu sein. Rath, Warnken, Bode, Salz und all die anderen waren bis gestern vorbestraft, die Urteile gegen sie rechtens.

Ludwig Baumann, 87, hat seit Jahren für die pauschale Rehabilitierung der Kriegsverräter gekämpft. Er weiß, wie es ist, zum Tode verurteilt zu werden. Er wurde es als Deserteur. Und er musste Jahrzehnte als Vorbestrafter im Nachkriegsdeutschland leben. "Dreckschwein" und "Vaterlandsverräter" nannten die Leute ihn, als er im Dezember 1945 zurück in seine Heimatstadt Hamburg kam. Sein Vater, ein Tabakgroßhändler, wollte ihn nicht mehr umarmen und starb 1947 aus "Kummer" über seinen Sohn, wie Baumann sagt. Einen vernünftigen Job bekam er auch nicht. Niemand wollte eine vorbestrafte "Kameradensau." Baumann brach zusammen. Er fühlte sich schuldig für den Tod seines Vaters und versoff sein Erbe.

Warum er 1942 desertierte, weiß Baumann nicht genau. Seit dem Tod seiner Mutter, da war er 15, hasste er Befehle. Außerdem nagten Fragen an seinem Gewissen. Was würde aus den Menschen im Osten, wenn die Deutschen ihren Lebensraum dorthin erweitern würden, und was geschah mit den russischen Kriegsgefangenen, die in der Wochenschau ohne Mäntel zu sehen waren? Lies man die im Winter 1941 alle erfrieren? Baumann und sein Freund Kurt Oldenburg wollten da nicht mehr mitmachen und flohen von einem Stützpunkt in Bordeaux. Aber sie wurden gefasst und zum Tode verurteilt. Zehn Monate rechnete er jeden Morgen mit seinem Ende. "Es war das Grauen." Das Urteil wurde zum Glück nie vollstreckt, dank seines Vaters. Der hatte mit Erfolg bei Großadmiral Erich Raeder interveniert.

Im Juni 1943 kam Baumann nach Fort Zinna in Torgau. Über 80 000 Gefangene gab es dort, über 1300 wurden vor Ort erschossen. "Wenn wir Arbeitszeug wechselten, bekamen wir oft Jacken an, die hatten vorne einen kleinen Flicken und hinten einen großen", erinnert sich Baumann. Viele Tausende starben an den Haftbedingungen. Die das überstanden, kamen zu den Strafbataillonen. Sie mussten den deutschen Rückzug decken. "Fast keiner von uns hat die Bataillone überlebt. Auch mein Freund Kurt nicht."

Erst als 1966 seine Frau bei der Geburt des sechsten Kindes starb, rappelte Baumann sich auf. Er fühlte sich schuldig, weil er ihr kein guter Mann gewesen war. Aber dieses Mal übernahm er Verantwortung - für seine Kinder und für die zu Unrecht verurteilten Soldaten. Baumann beschäftigt sich ab den 80ern mit der Materie immer intensiver, 1990 gründete er die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz. In den Folgejahren wandte sich die Vereinigung mit ihrem Anliegen an den Bundestag, um regelmäßig zu scheitern. Besonders die CDU/CSU-Fraktion war dagegen.

Erst 2002 konnte Baumann feiern. Da rehabilitierte der Bundestag per Gesetz die während des NS-Regimes verurteilten Homosexuellen und Deserteure pauschal. Die Kriegsverräter aber blieben außen vor. Würden sie noch leben, sie hätten sich weiter einer Einzelfallprüfung unterziehen müssen, um nicht mehr vorbestraft zu sein. Das Argument gegen ihre Berücksichtigung glich stark dem, das über Jahre gegen die Deserteure verwendet worden war: Sie hätten mit ihren Taten womöglich das Leben anderer gefährdet. Dass dies im Einzelfall passiert ist, kann auch niemand ausschließen, sagt der Historiker Professor Sönke Neitzel, weil 180 000 Akten der NS-Feldgerichte noch nicht systematisch ausgewertet worden sind. Bisher gibt es aber keinen Fall, in dem die Gefährdung bewiesen wurde, sagt der Militärgeschichtsexperte Professor Manfred Messerschmidt, 82. Er war stets für eine Rehabilitierung. Schließlich sei die NS-Militärjustiz genauso wenig rechtsstaatlich und ihre Urteile genauso Ausdruck der Nazi-Ideologie gewesen wie die Entscheidungen des Volksgerichtshofs, die bereits 1985 aufgehoben wurden. Insgesamt verhängte die NS-Militärjustiz in 30 000 Fällen die Todesstrafe gegen Wehrmachtssoldaten, 20 000 Mal wurde sie vollstreckt.

Baumann war gestern extra aus Bremen nach Berlin gereist, um bei der Rehabilitierung vor Ort zu sein. Das wollte er nicht verpassen, sagte er, wenn auch diesen Opfern der NS-Kriegsjustiz und ihren Angehörigen "endlich Gerechtigkeit widerfährt".

Das Ende des letzten Tabus
Standrechtliche Erschießung von

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09.09.2009, 12:00 Uhr
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