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Das Ende der Ära Castro
8. Januar 1959: Fidel Castro feiert den Sieg der Revolution. Foto: EPA FILE dpa
Kuba

Das Ende der Ära Castro

Heute übergibt Fidels Bruder Raúl sein Präsidentenamt an einen vom Parlament gewählten Nachfolger. Von Aufbruch ist aber nichts zu spüren. Flügelkämpfe lähmen das Land.

19.04.2018
  • SANDRA WEISS

Havanna. Zum ersten Mal seit fast 60 Jahren wird auf Kuba kein Castro an der Staatsspitze das Sagen haben, wenn heute Präsident Raúl Castro sein Amt offiziell an den vom Parlament bestimmten Nachfolger übergeben wird. Doch die kommunistische Führung ist bemüht, aus dem historischen Ereignis ein Nicht-Event zu machen. Keine Artikel, keine Plakate, keine Aufmärsche zur Unterstützung der neuen Führung – nichts geschieht, was Erwartungen schüren könnte.

Und das aus gutem Grund: Die Insel steckt tief in Problemen. Die Wirtschaft schrumpft, die Partei ist intern zerstritten, und der Reformstau schürt zunehmend Unmut in der Bevölkerung. Das „Timing“ für die vom 86-jährigen Castro angekündigte „Verjüngung“ an der Staatsspitze ist denkbar ungünstig. Denn sein Nachfolger wird zwar die Probleme, nicht aber das Charisma oder die historische Legitimation der Castros erben.

„Als US-Präsident Barack Obama 2016 in Havanna war, da herrschte Aufbruchstimmung, wir alle schöpften Hoffnung, dass es jetzt vorangeht“, erzählt der inzwischen pensionierte Angestellte des staatlichen Pharmaunternehmens, Jorge Mecías. Doch zwei Jahre später sind die Träume verpufft. Der Parteitag 2016 bremste die liberalen Wirtschaftsreformen aus, Hurrikan Irma zerstörte 2017 die touristisch wichtige Infrastruktur des Nordteils der Insel und viel landwirtschaftliche Anbaufläche. Und US-Präsident Donald Trump machte die Embargo-Lockerungen seines Vorgängers rückgängig.

Mecías baute nach der Pensionierung seine Wohnung in Havanna zur Privatunterkunft aus. Die ersten Jahre lief das Geschäft blendend, seit 2017 ist es eingebrochen. Es kommen weniger US-Touristen, seit Trump die Sanktionen verschärft hat. „Was kann da unser neuer Präsident schon ausrichten?“ fragt Mecías. „Er ist Geisel des Konfrontationskurses der USA und wird gegängelt von Partei und Militär.“

Einen Gorbatchow, eine kubanische Perestroika, kann sich im Land kaum einer vorstellen. „Kurzfristig wird hier gar nichts passieren“, sagt Claudia García, Redaktionsleiterin des Magazins „OnCuba“, eine der unabhängigen Online-Publikationen, die im Zuge des Reformkurses entstanden sind, von wohlhabenden Exil-Kubanern finanziert und bislang von der Führung noch geduldet, weil sie sich vor allem touristischen und kulturellen Themen widmet. „Die neue Führung wird sich erst eine eigene Machtbasis schaffen müssen, bevor sie vielleicht in vier oder fünf Jahren Veränderungen in Angriff nehmen kann.“ Aber hat Kuba so lange Zeit?

Der venezolanische Kollaps schwebt wie ein Damoklesschwert über der neuen Führung. Noch immer liefert das südamerikanische Erdölland täglich 42 000 Fass Öl. Doch schon jetzt wird das Benzin knapp. An Tankstellen ist es rationiert. Die mühsam umgeschuldeten Auslandsschulden in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar häufen sich wieder, ausländische Investoren klagen über eine miserable Zahlungsmoral des Staates und Hindernisse bei der Rückführung ihrer Gewinne. Im Landesinnern kommt es häufiger zu Stromausfällen, der öffentliche Transport ist prekär. Und ein neuer Verbündeter, der die Insel und ihre marode Mangelwirtschaft aushalten würde, ist nicht in Sicht.

Kein Strom, kein Hotdog

Santa Clara, die Hochburg der Revolution und Standort des Mausoleums mit den Gebeinen des Freiheitskämpfers Ernesto „Che“ Guevara, wirkt wie ein Freilichtmuseum. Pferdekutschen und Fahrräder bestimmen das Bild. Bei Aufmärschen halten Kinder in Uniform Transparente hoch. Die zeigen den Nationalhelden und den 2016 verstorbenen Fidel Castro, der gerade zum neuen Mythos wird.

Von Aufbruch ist nichts zu spüren: „Immer gibt es einen Schuldigen, ich kann es nicht mehr hören“, schimpft Taxifahrer Osvaldo, der an einem Hotdog-Stand frustriert in einer Schlange steht. Die Verkäuferin offenbart ihm, dass sie weder kalte Getränke hat, weil der Strom ausgefallen ist, noch Hotdogs, weil es kein Brot gibt – „wegen dem US-Embargo“. Der 40-Jährige würde gerne das Land verlassen, doch auch dieses Ventil existiert nicht mehr, seit Obama in seiner letzten Amtshandlung das automatische Bleiberecht in den USA für Kubaner gestrichen hat.

Auch der Jugend fehlt es an Enthusiasmus. Was er von der neuen Staatsführung erwarte? Boxtrainer Yasiel blickt irritiert auf. „Billigeres Internet?“, stottert der 22-Jährige. „Bessere Gehälter, damit wir auch mal in die Devisen-Disko können“, fällt sein Freund Joel ein. Seine Freundin Violeta hält dagegen: „Hier hast du Bildung, Gesundheit und tolles Wetter gratis, und hart arbeiten musst du auch nicht“, sagt sie und strahlt.

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19.04.2018, 06:00 Uhr
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