Kulturgeschichte

Das Delirium des alpinen Tourismus

Alle reden von Ischgl, dem geradezu mythischen Corona-Hotspot. Der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner zeigt den ganzen Wahnsinn des winterlichen Ballermanns.

01.08.2020

Von JÜRGEN KANOLD

Saufen bis zur Besinnungslosigkeit in Ischgl. Foto: Lois Hechenblaikner

Ischgl. Ein Kellner in der Lederhose: Im Latz, ja, genau dort, steckt die angeschwollene Geldbörse. Und genau darum geht es: Alkohol, Sex, Umsatz. Seit drei Jahrzehnten fotografiert Lois Hechenblaikner den ausartenden Alpentourismus: die geschundene, zur Kulisse degradierte Natur, die vermeintliche Hütten-Folklore, die der 62-jährige „Rustikalkarzinome“ nennt – und die hemmungslosen Akteure eines Dauer-Karnevals. „Delirium Alpinum“ sagt Hechenblaikner dazu, der sich als Aufklärer versteht und dem in seiner Heimat Tirol der Ruf eines Nestbeschmutzers anhängt.

Dann kam Corona. Ischgl im Paznauntal mit der Silvretta-Arena erwuchs im März vom Lifestyle-Mekka zum Hotspot der Corona-Pandemie. Tausende Erkrankungen weltweit sollen ihren Ursprung im „Tal der sündigen Schneehasen“ haben, wie die „Bild“-Zeitung titelte. Der Covid-19-Ballermann in den Bergen. „Kitzloch“ oder „Schatzi Bar“ heißen die Etablissements. Ischgl: der erste Mythos im Corona-Zeitalter. Vor „Mini-Ischgls“ warnen die Politiker im Urlaubssommer.

Bunte Gegenwartsfarce

Was im Winter passierte? Man kann sich das ausmalen beim Durchblättern des Fotobuchs von Hechenblaikner: „Ischgl“, vom Steidl Verlag aktuell veröffentlicht, mit einem klug-nüchternen Essay des Journalisten Stefan Gmünder. Es ist viel mehr als eine Betroffenheitsgeschichte: eine Studie über männliche Schamlosigkeit, eine grellbunte Gegenwartsfarce, sarkastisch, trashig fotografiert. Im Schnee liegen die Skitouristen und nuckeln an Schnapsfläschchen, pissen dann an die Zäune und geilen sich an Plastikpuppen auf, die sie mit Müll penetrieren.

Es gibt auch ein anderes Ischgl, und Hechenblaikner zeigt, wie zur Besänftigung, ab und an doppelseitig ein friedvolles Weiß aus der Ferne mit Menschen, die nur Ski fahren. Dann sticht er hinein in die Wunde. Après Ski mit Go-Go-Girls. „Abwedeln“ mit der „perfekten Frauenquote“ im Livingroom. Massenkonsum, aber auch eine Flasche Montrachet in der Champagnerhütte für 2990 Euro. Wenn Ischgl ein Tier wäre, wäre es ein Weißer Hai, sagte Andreas Steibl, der Geschäftsführer des lokalen Tourismusverbands – besoffen vom Erfolg.

„Relax. If you can“ heißt der Slogan von Ischgl: 1600 Einwohner, 1,4 Millionen Übernachtungen. 250 Millionen Euro Umsatz in einer Gegend, die im 19. Jahrhunderts zu den ärmsten Österreichs gehörte. Auch im Paznauntal schickten die Bauern in der Not die Kinder fort nach Süddeutschland: „Schwabenkinder“ nannte man sie, in Friedrichshafen oder Ravensburg wurden sie auf Märkten verkauft wie Sklaven, als Viehhirten oder Erntehelfer.

In den 1960er Jahren kam der Aufschwung: die erste Seilbahn. In den 90ern begann die Eventisierung, Hoteliers wie Günther Aloys forderten dazu auf, „mit dem Penis zu denken“, auch glaubte er erkannt zu haben, wie Gmünder in seinem Essay referiert, dass der „neue Gast“ ein „eitler, körperbewusster, ungehorsamer, schönheitsfanatischer Egoist“ sein werde, „der nicht mehr weiß, was er will“. Auf jeden Fall nicht nach unmäßigem Alkoholkonsum, wie die Fotos „aus der Partnergemeinde von Sodom und Gomorrha“ zeigen.

Aloys flog Promis wie Ex-Präsident Bill Clinton ein. In „Top of the Mountain“-Konzerten auf 2320 Metern traten Robbie Williams oder Tina Turner vor Zehntausenden auf. Ski gefahren wird in Ischgl auch. Aber danach tragen Junggesellenabschied-Teams Hemden mit dem Aufdruck: „Bei Orientierungslosigkeit bitte abliefern . . . Pension Bergfrieden“ .

Hechenblaikner hat schon 2015 ein Foto geschossen, das das Phänomen „Ischgl“ trefflich bilanziert: ein Akteur mit Clubkarte der „Muschifreunde Karlsruhe“ hält eine Flasche „Corona extra“ in der Hand. Prosit!

„Ischgl“ ist im Steidl Verlag erschienen: 240 Seiten, 34 Euro. Foto: Steidl Verlag

„Delirium Alpinum“ nennt Lois Hechenblaikner die Party-Auswüchse in Ischgl. Foto: Lois Hechenblaikner

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Erstellt:
1. August 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
1. August 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. August 2020, 06:00 Uhr

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