Werkverträge als Zankapfel

Das Beispiel Daimler schürt den Streit unter den Tarifpartnern

Die Arbeitgeber fürchten mehr Fremdbestimmung, die Gewerkschaften um den Verlust von Einfluss: Die Debatte um die unregulierten Werkverträge droht zum Konfliktherd zwischen den Tarifpartnern zu werden.

11.06.2013

Von ANDREAS BÖHME

Stuttgart 8,19 EUR hat ein Fernsehjournalist verdient, der sich über eine Zeitarbeitsfirma bei Daimler unerkannt ans Band schlich. Der Kollege neben ihm, auch wenn sich Ausbildung und Tätigkeit nur optisch ähneln, kam mit sämtlichen Nacht- und Spätzulagen auf mehr als das Doppelte, weil er seit Jahren beim Autobauer fest angestellt ist. Der umstrittene Fernsehfilm hat zumindest für eine Belebung der Debatte um die Arbeitsorganisation in großen Konzernen geführt.

Für die einfachen Jobs wie Transportaufgaben setzen die Konzerne zunehmend auf Werkverträge. Je geringer die Fertigungstiefe ist, also die Eigenproduktion der Einzelteile, umso höher ist der Anteil fremder Arbeit. Bei Daimler ist die Fertigungstiefe besonders hoch, bei Porsche, dessen Fabrikation als hochflexibel gilt, extrem niedrig.

Auch ohne den eigenen Mitarbeiterstand hochzufahren, gibt es vielfältige temporäre Jobmöglichkeiten: Neben dem Einsatz von Zulieferern, die ganze Komponenten bei sich produzieren und dann fertig ans Band liefern, sind das Zeitarbeiter, die nur für eine bestimmte Frist auf der Lohnliste des Unternehmens stehen, mittlerweile aber alle Zuschüsse und viele Vergünstigungen der Stammbelegschaft erhalten. Zumindest während der Vertragslaufzeit sind sie finanziell kaum schlechter gestellt als die Festen. Hinzu kommen Leiharbeiter, die bei Fremdfirmen zu deren Tarifen angestellt sind und zum Ausgleich von Produktionsspitzen oder einzelnen Projekten an die Konzerne ausgeliehen werden.

Aufgrund zahlreicher Restriktionen in diesen Fällen weichen die großen Konzerne gerne auf Werkverträge aus; nicht nur in der Produktion, sondern bis hin in die Entwicklung. Mit den Werkvertragspartnern rechnet der Konzern hinterher pauschal ab, was vorher an Arbeitsumfang vereinbart wurde. So wie ein Privatmann ein Malerunternehmen zum Streichen engagiert. Eine direkte Weisungsmöglichkeit hat das Unternehmen gegenüber dem Werkvertragsnehmer nicht.

Wie viele Mitarbeiter dieser Dienstleister dann zu welchem Lohn beschäftigt, wie er die Arbeiten ausführt und ob er weitere Firmen hinzuzieht oder sich seinerseits Personal leiht, ist allein sein Ding - Hauptsache, er erbringt die vereinbarte Leistung. Das kann die weiße Wand sein oder, wie in vielen Unternehmen, der Betrieb der Kantine. Bei Daimler waren es Zylinderköpfe, die vom Band genommen und verpackt werden und hernach zur nächsten Montagestation zu transportieren sind. Der Grund: Nicht jeder, der in einem Metallverarbeitenden Betrieb arbeitet, soll die hohen Löhne der Metaller einstreichen.

Die Zahl der Leiharbeiter wird in vielen Branchen oft auf einen Bruchteil der Stammbelegschaft begrenzt und Zeitarbeiter verdienen quasi den normalen Lohn, für Werkverträge aber fehlt jede gesetzliche Basis. Es gibt noch nicht einmal eine Informationspflicht des Unternehmens, beklagt die Gewerkschaft IG Metall. Ausnahme: Der Stuttgarter Autobauer engagiert sich in einem Pilotversuch, bei dem der Betriebsrat Werkverträge überprüft. Sind sie nicht korrekt, werden sie in andere Vertragsformen mit höherer Kontrolle und Mitsprache der Arbeitnehmervertretung umgewandelt.

Der IG Metall genügt dies nicht, sie stört sich an den Lohnunterschieden. Erich Klemm, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats, erklärt: "Ein Stundenverdienst von 8,19 EUR in unseren Fabriken ist unerträglich", gleichgültig, auf welcher Vertragsbasis. Die Politik müsse gesetzliche Grundlagen schaffen, dass Betriebsräte eingreifen können.

Peter-Michael Dick, der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, widerspricht: "Einen echten Regelungsbedarf sehen wir nicht." Zumal - das räumt auch eine Studie über prekäre Arbeit ein, die der Deutsche Gewerkschaftsbund vorgelegt hat - verlässliche Daten weder über das Ausmaß von Werkverträgen vorliegen noch über einen angeblich zunehmenden Missbrauch. Auf der dünnen Basis nach neuen Regulierungen rufen sei absurd, meint Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, selbst Chef eines Autozulieferers.

Die juristisch saubere Trennung zwischen dem, was erlaubt ist bei Werkverträgen und was nicht, ist schwer. Allein in Stuttgart hat Südwestmetall hunderte von Schulungen abgehalten. Die Entscheidung, was ein Unternehmer im eigenen Hause macht und welche Leistung er zukauft, sei Kern des freien unternehmerischen Handelns, sagt Oliver Zander vom Dachverband Gesamtmetall. Missbrauch sei schon verboten, mehr gesetzliche Regelungen führten zu mehr Macht der Gewerkschaften, nicht aber automatisch auch zu mehr Gerechtigkeit.

Ein Daimler-Beschäftigter arbeitet an einer Mercedes-Benz B-Klasse. Der Konzern geriet in die Schlagzeilen, weil er auch Werkverträge einsetzt. Foto: dpa

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Erstellt:
11. Juni 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Juni 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2013, 12:00 Uhr

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