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Der Tübinger Wein

Das Aufleben einer nicht einfachen Tradition

Aus Platzgründen war der Förderverein Schwäbischer Dialekt aus dem Salzstadel ins Gemeindehaus Lamm umgezogen. Über hundert Besucher kamen am Samstag, als es um „Tübingen und den Wein“ ging, aufbereitet in Geschichten, Liedern und Kostproben.

09.11.2009
  • Fred Keicher

Tübingen. Das Thema des Abend „Erfolgsgeschichte mit Unterbrechungen“ brachte Beate Weingardt, eine der Organisatorinnen, auf den Nenner: „Niedergang gab‘s auch in Reutlingen.“ Große Heiterkeit beim sachverständigen, älteren Publikums.

Dabei sei einst der Weinbau in Tübingen auf einem sehr hohen Niveau betrieben worden. Susanne Feldmann berichtete wie „Stadtentwicklung und Weinbau Hand in Hand gingen“. Ende des 15. Jahrhunderts wurde auf fast 400 Hektar Wein von hoher Qualität angebaut, heute sind es in der Stadt Tübingen noch zwei.

Wein war wichtig für die Grundversorgung und Teil der Entlohnung. Feldmann verdeutlichte das an Beispielen. Im 16. Jahrhundert – der „Hauptzechperiode des deutschen Volkes“ – hatte das Evangelische Stift einen Weinvorrat von 72 000 Litern. Für Studenten gab‘s am Tag einen dreiviertel Liter, für Erwachsene das Doppelte.

300 Jahre Niedergang folgten. Das hatte zum einen klimatische Gründe, eine kleine Eiszeit ließ die Temperaturen sinken. Aber auch politische: In der Reformation wurden die Klöster aufgehoben, die als Grundherren einen ertragreichen Weinbau organisierten.

Der drastische Bevölkerungsrückgang im Dreißigjährigen Krieg (in Württemberg von 450 000 auf 160 000) setzte die Abwärtsspirale fort. Kaffee, Tee, Bier und Apfelmost machten dem Wein seine Rolle streitig. Immer mehr Rebflächen wurden anderweitig bepflanzt, zum Teil mit Streuobstwiesen. Die lieferten den Most für den Eigenverbrauch. „Trotz des Preisverfalls konnten sich die Weingärtner den eigenen Wein nicht mehr leisten.“

Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Rebkrankheiten dazukamen, hatte die Verelendung einen Höhepunkt erreicht. Der versuchte Sturm auf die Schweickhardtsche Mühle 1847 war der einzige Aufstand. Andere Auswege waren stiller: Auswanderung oder der Raupentod, der Selbstmord.

Ausgerechnet die Westfälin Susanne Feldmann aus Siegen hat die bislang umfang- und inhaltsreichste Geschichte des Weinbaus in Tübingen geschrieben. „Tübingen und der Wein“ ist 2005 erschienen. In ihrem Vortrag arbeitete sie die Besonderheiten des Tübinger Weins heraus: „Einer wie keiner.“ Das Publikum lauschte gebannt, es hörte seine eigene Geschichte.

Dazu gehöre das „ungleiche Verhältnis Oberstadt und untere Stadt“ und das Bild vom raubauzigen Gog. Dem wurden Pferdekräfte nachgesagt und höflich formuliert „starker Eigensinn und Selbstbewusstsein“. Hier rief einer stolz: „Jawoll, richtig!“

Der Weinhändler Fritz Schmid kommt aus einer weitverzweigten Weingärtnerfamilie. Er hatte Kostproben mitgebracht als Beispiele für die „Qualitätsoffensive“ im Tübinger Weinbau. Sein eigener frischer Schillerwein knüpft an eine alte Tradition an. Vom Weingut Gugel am Kreuzberg gab‘s einen bukettreichen Weißwein der Sorte Bacchus und einen kräftigen Rotwein mit mediterraner Anmutung der Sorte Acolon. Beides sind Neuzüchtungen, beide werden von einem jungen Wengerter angebaut, der den Neustart wagt.

Fritz Schmid hatte auch Dias mitgebracht über die Arbeiten in Weinberg und im Keller, die gingen bis in die 1960er-Jahre zurück. Für die Zuschauer war es wie beim einem Verwandtentreffen.

Das Aufleben einer nicht einfachen Tradition
Susanne Feldmann Bild: Keicher

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09.11.2009, 12:00 Uhr
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