Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Streibhaus wird abgerissen

Das 400 Jahre alte Mössinger Gebäude soll einem Neubau weichen

Nur knapp entging das Mössinger Streibhaus vor zwölf Jahren seinem Abriss, weil es unter Denkmalschutz gestellt wurde. Doch seither passierte wenig – nur das 400 Jahre alte Gebäude verfiel weiter. Die Baugenossenschaft Pfullingen möchte das Streibhaus von der Stadt Mössingen kaufen und abreißen. Auf dem 10 Ar großen Grundstück plant sie zwei Mehrfamilienhäuser.

31.05.2014

Von Susanne Wiedmann

An der Stelle des Streibhauses (Bild unten) soll dieser Neubau mit Satteldach entstehen.Zeichnung: Architekturbüro Mehl

Wenn das Streibhaus irgendwann zusammengefallen wäre, hätte es Andreas Mehl noch stärker geschmerzt. „Dass wir es beseitigen müssen, liegt in der Natur der Sache“, sagt der Mössinger Architekt. „Es bringt nichts, wenn lauter Ruinen rumstehen.“

Im Jahr 1616 wurde das stattliche Haus in der Waibachstraße gebaut – mit repräsentativem Ziergiebel, zwei Wohnstuben und ungewöhnlicher Raumhöhe. Oft schon wurde es als „Kleinod“ bezeichnet. Zumindest war es das einmal.

Vor rund einem Jahr ließ die Stadt ein Gutachten erstellen. „Das Ergebnis war: Man kann das Streibhaus nicht mehr sanieren“, betont der Mössinger Stadtbaudirektor Gebhard Koll. „Wesentliche Bauteile sind in zu schlechtem Zustand.“ Vergangenes Jahr verlor das Gebäude seinen Denkmalschutz. Wenn man mehr als 50 Prozent der Substanz ersetzen müsse, beharre die Denkmalbehörde nicht mehr auf den Schutz, erklärt der Architekt Andreas Mehl. Dennoch hieß es immer wieder, das Fachwerk aus Flößerholz sei größtenteils gut erhalten. „Das darf man ja nicht isoliert betrachten“, findet Koll. Und genauso wenig dürfe man vergessen, dass die Stadt das Streibhaus vor über zwölf Jahren zum Abbruch erworben habe.

Diesen verhinderten einige historisch interessierte Mössinger in letzter Minute. Es war zugleich die Geburtsstunde des Denkmalvereins, der das Streibhaus zu seinem Logo wählte. Bauhistorische Untersuchungen des Mittelalterarchäologen Tilmann Marstaller führten letztlich dazu, dass das Gebäude 2002 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Seither habe die Stadt versucht, einen Investor zu finden, der eine Sanierung übernehme, sagt Koll. „In mehreren Gesprächen haben wir aber gehört: Das tue ich mir nicht an!“ Nun ist das Schicksal des Streibhauses besiegelt. Und die Pläne für zwei Neubauten liegen auf dem Tisch des Mössinger Architekten Andreas Mehl. Auf dem Areal zwischen Waibachstraße und Burgstraße sollen zwei Mehrfamilienhäuser entstehen, eines anstelle des Streibhauses. Es soll ein Gebäude mit tief heruntergezogenem Satteldach und „einem imposanten Giebel mit Wiedererkennungseffekt“ werden, sagt Mehl. „Das war unsere Vorgabe“, betont der Stadtbaudirektor. Wenigstens die Formensprache sollte der Architekt in seinen Entwurf ansatzweise aufnehmen, um an das Streibhaus zu erinnern. Fünf Wohnungen sollen in dem Neubau Platz finden: vier Zwei-Zimmer-Appartements und eine Drei-Zimmer-Wohnung – zwischen 45 und 73 Quadratmetern.

In der Tiefe des Grundstücks, wo derzeit noch eine Scheune steht, wird ein dreigeschossiges Mehrfamilienhaus mit drei Zwei-Zimmer-Appartements, einer Drei-Zimmer-Wohnung und zwei Vier-Zimmer-Wohnungen, zwischen 45 und 93 Quadratmetern errichtet.

Bereits zwei Wohnungen seien fest reserviert, mit weiteren drei Interessenten sei er derzeit im Gespräch, berichtet Immobilienmakler Wolfgang Felger, der das Neubauprojekt vermarktet. Es gebe noch Interessenten, die bei dem Neubau – direkt gegenüber dem Streibhaus – nicht zum Zuge gekommen seien. Dort, in der Waibachstraße 29, stellte die Baugenossenschaft Pfullingen im März ein Sechsfamilienhaus fertig. Seit 1902 stand dort das Wohn- und Geschäftshaus des ehemaligen Uhrmachers Maier. Die Baugenossenschaft Pfullingen hatte Grundstück samt Haus aufgekauft und kurz vor Weihnachten 2012 abbrechen lassen. „Alle sechs Wohnungen sind belegt, hauptsächlich von Mössingern“, sagt Felger. Und er sagt auch. „Die Nachfrage ist da.“

Wenn es nun – auf dem Streibhaus-Areal – für 50 Prozent der Wohnfläche Interessenten gibt, wird die Baugenossenschaft Pfullingen laut Geschäftsführer Hans-Ulrich Kiefer das Grundstück von der Stadt kaufen, „schnellstmöglich“ den Bauantrag stellen und mit den Arbeiten beginnen.

„Wenn alles gut läuft“, sagt Kiefer, „ist im Herbst der Abbruch des Streibhauses.“ Architekt Andreas Mehl sieht das Projekt als Chance für ein neues Quartier. Er hofft auf „eine Initialzündung“, um den alten Ortskern nahe der Peter- und Paulskirche zu beleben. Dadurch werde auch „der merkantile Wert“ der bestehenden Häuser steigen. Selbstverständlich sei es das Ziel gewesen, das Streibhaus zu erhalten, das schon so lange zur Disposition gestanden habe, betont Mehl. „Es ist außergewöhnlich für sein Baujahr.“ Doch dann hätte früher etwas passieren müssen. „Die letzten zehn Jahre waren einfach zu viel.“

Immer wieder musste sich die Stadtverwaltung Vorwürfe anhören, sie lasse das Haus verfallen bis es nicht mehr zu retten sei. Koll widerspricht: „Die Problematik liegt weit zurück. Das Haus ist über viele Jahrzehnte schlecht behandelt worden.“

Wenn das dörfliche Mössingen verschwindet: „Die Stadt hat die Verpflichtung, das alte Ortsbild zu erhalten“: Kritische Stimmen zum Abbruch 31.05.2014 Kommentar zum Streibhaus-Abriss: Mössingen: Gesichts- und geschichtslos 31.05.2014 Streibhaus wird abgerissen: Das 400 Jahre alte Mössinger Gebäude soll einem Neubau weichen 31.05.2014

Zum Artikel

Erstellt:
31. Mai 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
31. Mai 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. Mai 2014, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+