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Damit der Helm raucht
Welches Messer darf es sein? Die Rüstmeisterin Sofie Safranek vor ihrem Fundus. Foto: Susanne Wiedmann
Handwerkerin und Künstlerin: Sofie Safranek ist Rüstmeisterin an den Staatstheatern

Damit der Helm raucht

Ihr Platz ist in einer Männerdomäne: Als erste Rüstmeisterin an den Stuttgarter Staatstheatern sorgt Sofie Safranek für Bühneneffekte und Sicherheit.

15.08.2016
  • SUSANNE WIEDMANN

Stuttgart. Wenn auf der Bühne ein Schuss fällt, hat Sofie Safranek – oder einer ihrer vier männlichen Kollegen – den Täter instruiert. Aber dabei bleibt es nicht, denn manchmal schießt sie auch selbst: Von einem versteckten Winkel am Bühnenrand aus greift sie in die Inszenierung ein, ohne dass das Publikum es ahnen könnte. So stand sie bei der Oper „Der Freischütz“ wieder einmal auf ihrem Beobachtungsposten – und was sah sie? Der Jagdbursche spannte den Hahn nicht. „Und wenn er den Hahn nicht spannt, kommt kein Schuss.“ Trotzdem würde anschließend eine Zielscheibe herabfallen. „Also habe ich geschossen“, erzählt sie. Nach der Vorstellung ging sie auf den Schützen zu: „Hast du es gemerkt?“, fragte sie ihn. „Ja“, antwortete er: „Ich habe ein bisschen zu früh geschossen.“ – „Nein“, erwiderte Safranek: „Ich habe geschossen.“

Die Rüstmeister am Staatstheater sind für alle Waffen zuständig: für Schreckschusswaffen sowie Speere, Schwerter, Lanzen und Hellebarden, die so bearbeitet werden, dass sie stumpf und ungefährlich sind. Meist hantieren die Schauspieler, Opernsänger oder Balletttänzer achtsam mit ihren Waffen. Aber es kann auch passieren, dass nichts passiert – oder etwas Überraschendes. „Einmal hatte ein Darsteller das Gewehr versehentlich verkehrt umgehängt, daraufhin hat sich die Sicherung gelöst und das Gewehr auf der Bühne entladen“, schildert die 51-Jährige. „Das sind die kleinen Aufregungen während der Vorstellung.“

Wenn es auf der Bühne knallt und kracht, brennt und blitzt, steht nicht nur die Feuerwehr bereit. Bei der Oper „Rigoletto“ kauert Sofie Safranek im letzten Akt mit Löschdecke und Feuerlöscher im toten Winkel auf der Drehbühne, weil ein offenes Feuer angefacht wird. Zuverlässig kümmern sich die Rüstmeister um die Sicherheit auf der Bühne. Tagsüber bewegen sie sich zwischen Drehbank, Bohr-, Fräs- und Poliermaschine, Sägen und Hämmern. Was nach traditioneller Werkstatt aussieht, ist auch ein Kreativlabor.

Bei jeder Produktion besprechen sich die Rüstmeister mit Kostümbildnern und Bühnenbildnern: Welche Kostüme sind vorgesehen? Oft müssen Safranek und ihre vier Kollegen Röcke mit einem Metallunterbau versteifen oder einen spektakulären Kopfputz kreieren. Sie sollen einen Schirm herstellen, aus dem Wasser sprudelt, oder einen Helm, aus dem Rauch quillt. Fantasievolle Kostüme sind immer gefragt. Einen elektrischen Katzenschwanz, der mit Fernsteuerung bewegt wird, hat Safraneks Kollege gebaut. Weil sich der Darsteller aber ständig darauf setzte, brannte die Sicherung durch. „Innerhalb von einer Minute musste ich das reparieren und steckte bis zum Ellenbogen im Hintern der Katzenfigur“, sagt Safranek. Bald stand fest: Für dieses Hinterteil würde es keine Bühnenpremiere geben.

Derzeit arbeitet sie an einer Maske für das Schauspiel „Chelsea Hotel“: ein metallenes Siebgewebe mit zwei Gucklöchern und einem Staubsaugerschlauch vor dem Mund. Vermutlich habe man sich im 19. Jahrhundert so einen Raumfahrer vorgestellt, sagt Safranek. „Da mache ich Rillen rein, sonst kriegt man ja keine Luft.“ Es kann kurios zugehen in der Rüstmeisterei: Für die Schauspiel-Produktion „Salome“ musste Safranek metallene Brustwarzen für eine Schauspielerin ziselieren, die diese anschließend auf der Haut trug. Und für das Ballett „Nussknacker“ bohrte sie eine Woche nur Walnüsse an, die auf Hosen genäht wurden.

Sofie Safranek ist gelernte Silberschmiedin. Gar keine schlechte Voraussetzung, findet sie. Nachdem sie ihre Ausbildung im Allgäu beendet hatte, wollte sie nach Stuttgart. Ihr damaliger Lebensgefährte hatte sich auf den Job als Rüstmeister bei den Staatstheatern beworben. Als er nach Hause kam und davon berichtete, dachte sie: „Wow, das ist mein Job.“ Nicht, dass sie zuvor häufig ins Theater gegangen wäre. Das war für die junge Frau, die in Frickenhausen aufgewachsen ist, zu weit entfernt. Sie bewarb sich ebenfalls – und bekam die Stelle. Ihr Lebensgefährte ging leer aus und fand es nicht einmal so schlimm.

Anfangs waren die Kollegen unsicher, wie viel ihr zuzumuten sei. „Aber relativ schnell war klar, dass sie mich so nehmen können“, sagt sie und lacht. Sie lacht viel. Jetzt ist sie 26 Jahre hier. „Es ist ein großes Glück. Es ist super und spannend.“ Warum? Weil sie ständig experimentiert, weil sie ausprobiert, wie man dies oder jenes umsetzen könnte. Weil sie Neues entwickelt, aber zuverlässig auf den Theaterfundus und ihren Fundus an Erfahrungen zurückgreifen kann. Und genauso Künstlerin wie Handwerkerin ist.

Die Abteilung hätte ihren Namen nicht, wäre sie nicht auch für Rüstungen zuständig. „Aber sie kommen gar nicht so häufig vor“, sagt Safranek. Ausnahmen bestätigen die Regel. „Hamlet war eine ziemliche Nummer“: 21 Vollrüstungen, sehr vieles musste ergänzt werden. Aus Tiefziehblech stellten die Rüstmeister Helme, Handschuhe, Arm- und Beinteile, Brust und Rücken her. Selbstverständlich müssen sie auch reparieren, wenn sich Rost angesetzt hat oder Leder auseinanderbricht wie ein Keks. Riemen zu schneiden, sei sehr anstrengend, wenn das Leder dick ist, berichtet Sofie Safranek. „Zarte Hände und schöne Fingernägel kann man sich hier nicht halten. Aber die Arbeit macht Mut, zuzugreifen. Ich habe auch daheim eine Werkstatt.“

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15.08.2016, 06:00 Uhr
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