Auto

Daimler im Kreuzfeuer der Kritik

Die Verkäufe nehmen wieder zu. Dennoch plant der Konzern weitere Einschnitte, ohne Konkretes zu nennen. Aktienbesitzer kritisieren Strategie und fehlende Elektro-Modelle.

09.07.2020

Von THOMAS VEITINGER

Demonstranten forderten am Mittwoch einen sozial-ökologischen Umbau des Autokonzerns und einen Export-Stopp für Militärfahrzeuge. Foto: Tom Weller/dpa

Ulm. Daimler scheint die Kurve gekriegt zu haben, plant aber weitere Einschnitte. Auf Seite drei des Redemanuskripts von Ola Källenius steht zwar der erlösende Satz: „Bereits im Juni lagen die globalen Pkw-Auslieferungen im Verkauf wieder leicht über dem Vorjahresniveau.“ Der Vorstandsvorsitzende bremst aber bei der im Internet übertragenen Hauptversammlung zu hohe Erwartungen. So werde die Pandemie in diesem wie im nächsten Jahr deutliche Spuren im Konzern hinterlassen.

Seit Jahresbeginn wurden fast 19 Prozent weniger Autos als im Vorjahreszeitraum abgesetzt, bei Lastwagen sogar 38 Prozent. Nach einem Gewinneinbruch im ersten Quartal rechnet der Konzern für das zweite Jahresviertel gar mit roten Zahlen beim operativen Ergebnis. Im Gesamtjahr dürfte der Gewinn unter dem schon schwachen Wert des Vorjahres bleiben.

Von April bis Juni sei allerdings wieder etwas Boden gutgemacht worden, sagt Källenius. Im extrem wichtigen Markt China habe Mercedes-Benz sogar das beste zweite Quartal seiner Geschichte erreicht. Dass die wirtschaftliche Lage angesichts der Pandemie immerhin „gut und robust“ sei, ist laut Vorstandschef der schnellen Reaktion des Konzerns zu verdanken. „In kurzer Zeit haben wir eine Vielzahl von Maßnahmen auf den Weg gebracht“. Produktionsdrosselung, Kurzarbeit, Veränderungen bei Investitionen und neue Kredite für 12 Milliarden Euro hätten die Handlungsfähigkeit erhöht. Dazu passt die von 3,25 Euro im vergangenen Jahr auf 90 Cent reduzierte Dividende.

Genaue Angaben über weitere Schritte waren von Källenius nicht zu hören. Mehr als 10 000 Stellen sollen auf jeden Fall wegfallen, Investitionen gekappt und Prioritäten neu sortiert werden – so hatte es der Vorstandschef schon im vergangenen Herbst angekündigt. Um der weltweiten Rezession etwas entgegenzusetzen „schärfen wir unseren Kurs nach“, sagte der Daimler-Chef nun. Verhandlungen mit Arbeitnehmervertretern liefen. Das Pkw-Werk im französischen Hambach soll verkauft werden. Källenius: „Der Weg zum Vorkrisenniveau ist noch lang.“

Viele Aktionäre, die ihre Fragen nur vorab schriftlich einreichen konnten, halten den Kurs des Auto-, Bus- und Lkw-Herstellers für zu kurvig. Für Janne Werning von Union Investment gibt Daimler derzeit ein „schwaches Bild“ ab. Die Kritik der Aktienbesitzer entzündet sich an Zahlungen und Rückstellungen für den Diesel-Skandal, der Aufkündigung der Zusammenarbeit mit BMW beim Autonomen Fahren, dem Kursniveau der Aktie und fehlenden Modellen mit Elektroantrieb. Für Werning war das vergangene Jahr daher ein verlorenes für Aktionäre sowie das Unternehmen.

Teuer werden könnte den Untertürkheimern die Größe ihrer Autos. Durch das „höhere Flottengewicht“ wird es schwierig, die EU-Grenzwerte für den Kohlendioxid-Ausstoß einzuhalten. Dieser muss in diesem Jahr mit „kleinen Erleichterungen“ seitens der Politik bei etwa 100 Gramm statt 95 Gramm pro Kilometer liegen. Derzeit sind es 137 Gramm. Strafzahlungen drohen.

Kooperationen sollen Geld sparen und Know-how ins Unternehmen bringen. Mit Volvo wird ein Brennstoffzellen-Lkw geplant. Der Technik-Spezialist Nvidia soll beim automatisierten Fahren und Software-Updates helfen, damit das Auto ständig dazu lernt und sich Wünschen der Kunden anpasst. Auf der neuen S-Klasse ruhen viele Hoffnungen.

Daimler-Chef Ola Källenius will den Kurs nachschärfen. Foto: Marijan Murat/dpa

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Erstellt:
9. Juli 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Juli 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Juli 2020, 06:00 Uhr

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