Stuttgart · Wirtschaft

Daimler: Schreckliche Zahlen

Chef Ola Källenius hadert mit dem Ergebnis seiner Transporter. Auch in anderen Sparten bleibt zu wenig hängen. Die Mitarbeiter müssen es ausbaden.

12.02.2020

Von THOMAS VEITINGER

Wenn sich nur alles um solche Konzeptautos drehen würde: Chef Ola Källenius wäre wohl glücklich. Doch die Innovationskraft der Daimler-Ingenieure schlägt sich zu wenig in der Konzernkasse nieder. Foto: imago images/Sven Simon

Stuttgart. Er ist rot, vorne bullig und hinten offen. Auf Höhe des Stammwerks in Untertürkheim fährt am Dienstag eine X-Klasse – eines der vielen Probleme von Daimler. Auf die Ladefläche des Pick-ups peitscht der Regen. Der Pritschenwagen wurde 2017 auf den Markt gebracht. Eine Zeit, als Geld für den Konzern keine so große Rolle spielte. Jetzt wird die X-Klasse eingestellt. Statt des schwäbischen Car-Guys Dieter Zetsche sitzt mittlerweile der schwedische Car-Manager Ola Källenius am Steuer des Unternehmens. Und der muss beide Hände am Lenkrad halten, damit Daimler nicht noch stärker schlingert, sind sich Analysten sicher. Der Gewinn ist 2019 stark eingebrochen – und das im Vergleich zu 2018, als das Ergebnis bereits stark zurückgegangen war.

„Wir können mit dem Gewinn nicht zufrieden sein“, räumte Källenius dann auch unumwunden ein. Die Zahlen bei den Transportern seien sogar „schrecklich“. Erhebliche Sonderbelastungen hätten das Finanzergebnis beeinträchtigt. Daimler musste bereits Ende Januar per Pflichtmitteilung einen weiteren Milliardenaufwand für Rechtskosten im Abgasskandal veröffentlichen. Auf mehr als 4 Mrd. EUR summieren sich die Ausgaben für Rückrufe und Verfahren. Hunderte Millionen Euro flossen in die Neuausrichtung der Mobilitätsdienste, die Daimler zusammen mit BMW betreibt, in Rückrufe für defekte Takata-Airbags und die Abwicklung der X-Klasse.

Milliarden sind für die Entwicklung CO2-sparsamerer Modelle nötig. Diese sind Voraussetzung, um EU-Vorgaben einzuhalten. Sonst drohen Strafen. „Ich bin zuversichtlich“, sagte Källenius zwar, aber garantieren könne er nicht, dass man die gut 100 Gramm CO2 pro Kilometer schaffe. Zuletzt lag die Daimler-Flotte bei etwa 137 Gramm. Eine wichtige Voraussetzung sei, dass man es schaffe, nun schnell weitere Linien für die Batteriefertigung hochzufahren.

Dazu kommen Milliarden für die Entwicklung von Zukunftstechnologien wie der Digitalisierung und Vernetzung. Kein Robo-Taxi ohne Lenkrad und Pedale ist mehr vorrangiges Ziel, sondern eine Weiterentwicklung von Fahrassistenten. Motto: Nur was sich mit vertretbaren finanziellen Mitteln umsetzen und womit sich Geld verdienen lässt, ist sinnvoll. Beim autonomen Fahren sind es Lastwagen in den USA, wo die Straßen lang und gerade sind. Welche weiteren Modelle und Varianten noch eingestellt werden, müsse sich zeigen. Materialkosten sollen zurückgefahren, Investitionen gedeckelt werden.

Das Wort „Kosteneffizienz“ fällt bei Källenius – der die Bilanzvorstellung frei vorträgt – oft. Alles komme auf den Prüfstand. Es sei eine spannende Dekade der Transformation für Daimler, das Unternehmen werde in zehn Jahren ein völlig anderes sein. Aber es brauche eine Vielzahl von Maßnahmen, um den Umbruch zu schaffen. Trotz anderslautender Gerüchte bleibe es bei den 1,4 Mrd. EUR, die jährlich bis Ende 2022 allein beim Personal eingespart werden sollen. Wie viele Stellen dadurch vor allem in Management und Verwaltung wegfallen, wollte oder konnte der Vorstandsvorsitzende nicht sagen. Betriebsbedingte Kündigungen sind ausgeschlossen. Diese Einsparungen kosten zunächst Geld, etwa 2 Mrd. EUR, 1,2 Mrd. EUR davon in diesem Jahr.

130 000 Tarifbeschäftigte dürften sich ärgern. Nachdem 2019 knapp 5000 EUR Prämie ausgezahlt wurden, erhalten sie nun 1100 EUR. Die Aktionäre spüren die harten Zeiten ebenfalls. Für das abgelaufene Geschäftsjahr werden nur noch 90 Cent Dividende ausgeschüttet – nach 3,25 EUR im Jahr zuvor. Das sei zweifellos enttäuschend, sagte Finanzchef Harald Wilhelm. Aber auch deswegen nehme man nun so intensiv die Kostenseite in den Blick.

Die Jahre 2020 und 2021 werden anstrengend, prognostiziert Källenius. Danach könnte es besser werden. Daimler erwarte in diesem Jahr kaum Veränderungen beim Umsatz, dafür aber eine deutliche Steigerung des operativen Ergebnisses. Von seinen langfristigen Renditezielen bleibt der Konzern aber weit entfernt.

Foto: Grafik Reichelt, Quelle afp, Daimler

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Erstellt:
12. Februar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Februar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2020, 06:00 Uhr

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