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Berliner Gemäldegalerie zeigt spanische Kunst des 17. Jahrhunderts

Da war nichts golden

Von wegen Prado: Die Berliner Gemäldegalerie holt jetzt mit 123 Werken aus der Velázquez-Ära zum grandiosen Rundumschlag aus.

12.07.2016

Von CHRISTOPH MÜLLER

Goldenes spanisches Zeitalter? Die Ausstellung in Berlin zeigt ein zutiefst melancholisches Menschenbild hier „Der tote Christus“ von Gregorio Fernandez. Foto: dpa

Berlin. Mit den so genannten „goldenen Zeitaltern“ in der nationalen Geschichte der Kunst ist das so eine Sache. Fast jedes europäische Land meint, ein solches verdient und gehabt zu haben. Am sprichwörtlichsten wurde es für die Niederländer: Ihr 17. Jahrhundert bildet den Inbegriff eines hundertprozentigen „goldenen Zeitalters“ in Gesellschaft und Malerei. Aber auch schon die Italiener des 15. und 16. Jahrhunderts, also der Hochzeit der Renaissance, fühlten sich „golden“. Dänemark nimmt mit seiner Kopenhagener Malschule der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein „goldenes Zeitalter“ für seine Plein-air-Maler in Anspruch. Und Frankreich mit den Impressionisten möchte die stilbildende Nummer Eins in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen sein, mit Paris als Hauptstadt nicht nur der Kunstwelt.

Und was ist mit Spanien? Ist nicht, im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert, der Einzelgänger Goya ihr Allergrößter? Gab es da aber nicht schon vorher Velázquez als den Maler aller Maler? Und El Greco als einen farbglühenden Manieristen, der den ganzen Expressionismus und damit ein potenzielles deutsches „goldenes Halbjahrhundert“ vorwegnahm? Dazu noch den atemraubend skulpturalen Helldunkel-Gotteskrieger Zurbarán und den mit volkstümlichen Straßenkinder-Genres und süßlichen Madonnen-Orgien sich profilierenden Murillo? Sie alle wirkten parallel zu den Niederländern im 17. Jahrhundert. Sie alle und noch dutzendweise andere nicht minder interessante Maler, Grafiker und ja: auch Bildhauer, die hyperrealistisch einen Jeff Koons vor Neid erblassen lassen können, sind es, mit denen die Berliner Gemäldegalerie verdienstvolle Entdecker-Arbeit leistet: mit der perfekt inszenierten Großausstellung „El Siglo de Oro – die Ära Velázquez“.

So ganz neu ist die Idee freilich nicht, denn vor sechs Jahren hat sich die Londoner National Gallery schon des streng Gegenreformatorischen, Körperhaft-Sakralen dieser speziellen spanischen Kunst angenommen, die mit blutig und tränenreich glatt-glitzernder Lebensechtheit ihrer Heiligen- und Märtyrerfiguren auch die dritte Dimension erobert. Aber so vielseitig alle Regionen Spaniens einzeln aufführend und so erschöpfend ausführlich – 123 Werke sind zu sehen – wie jetzt in Berlin war die Londoner Schau nicht. Sie findet ihren Höhepunkt in bestechend scharf gezeichneten, ganz nüchternen Stillleben.

Und das Überraschendste: Fast ein Drittel der Werke stammt aus eigenem Besitz! Für gewöhnlich hängt kaum mehr als ein halbes Dutzend in der Sammlung, der gewaltige Rest schlummert im Depot und musste großteils erst einmal schön restauriert werden, um jetzt prunken zu können. Zugegeben: Nicht alle wird man unbedingt als Meisterwerke bezeichnen. Manchmal, gegen das hochbarocke Ende hin, wimmeln beispielsweise bei Claudio Coello die purzeligen Engel allzu rosig um das flatternde stahlblaue Gewand einer unbefleckten Marien-Empfängnis.

Spanische Bilder, wenn sie nicht gleich programmatisch vor pechschwarzem Hintergrund düster glühen, zeigen ostentativ trotz aller himmelwärts gerichteten Frömmigkeit ein tief melancholisches Menschenbild. Es wird einem nicht warm ums Herz, wenn man zum Beispiel den todtraurig dreinblickenden zwergenhaften Hofnarren von Velázquez in einem für ihn erdrückend dicken weißen Buch blättern sieht. Und der Leichnam Christi ist nicht nur am Kreuz ein durchgängiges Standard-Thema der größten Wert auf die offenen Wundmale legenden Bildhauer. Da kann?s einen schon schauern!

Es war alles Auftragskunst. Entweder von der königlichen Hofgesellschaft oder von der um ihre Vorrechte kämpfenden Kirche. Die von ihnen bezahlten Pathos-Künstler sollten dem gleichzeitigen Niedergang der ins Rutschen geratenen, zusätzlich von Epidemien heimgesuchten Habsburger-Weltmacht Spanien Durchhalte-Hilfen bieten. Kunst und politische Wirklichkeit, zwei Paar Stiefel. Nichts war, so gesehen, golden an diesem Zeitalter. Der ästhetisch unwiderstehliche Kunstzauber eines geradezu bildwütigen Glaubensüberschwangs im Urvertrauen auf himmlische Mächte und ergo wider alle irdische Vernunft fand erst mit Goya sein Ende und eine künstlerische Wende. Aber diesen Vollstrecker wird natürlich niemand, nicht einmal als Epilog dem „Siglo de Oro“ zurechnen können, obwohl man ihn sich dauernd als notwendiges Gegengewicht dazu denkt.?.?.

Die Gemäldegalerie hat ihr Depot geplündert. Foto: epd

Im Herbst auch in München

Schau Die Ausstellung „El Siglo de Oro – die Ära Velázquez“ ist bis 31. Oktober in der Berliner Gemäldegalerie (Matthäikirchplatz) zu sehen (Di-So 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr). Danach wandert sie nach München in die dortige Hypo-Kunsthalle, wo sie vom 25. November 2016 bis zum 26. März 2017 gezeigt wird.

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Erstellt:
12. Juli 2016, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Juli 2016, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2016, 06:00 Uhr

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