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Da darf man pathetisch werden
Auf dem Radarschirm der Opernliebhaber: Stuart Skelton als Tristan im Festspielhaus Baden-Baden. Foto: Monika Rittershaus
"Tristan und Isolde" und mehr: Die Berliner Philharmoniker im Festspielhaus Baden-Baden

Da darf man pathetisch werden

Der Luxusklang der Berliner Philharmoniker ist derzeit bei den Osterfestspielen in Baden-Baden zu erleben und zu bewundern: in Orchesterkonzerten und in Richard Wagners Oper "Tristan und Isolde".

24.03.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Baden-Baden. Sie stehen auf der trostlosen Kommandobrücke eines Kriegsschiffs, aber endlich dürfen sich Tristan und Isolde der Lust hingeben. Doch es ist freilich nur die Liebesnacht vor dem Tod. Es geht nicht um irdisches Glück, sondern um eine Sehnsucht nach ganz anderen Regionen: "himmelhöchstes Weltentrücken". So fährt auf der Breitwandbühne des Baden-Badener Festspielhauses eine Leinwand herunter fürs große Kino: eine Kamerafahrt in und über den Wolken, hinauf zu den Gestirnen, der Sonne entgegen und noch weiter hinaus in ferne Planetensysteme - bis ins schwarze Nichts.

Der Gesang und Richard Wagners schwelgerische Romantik, diese Musik aus dem Urgrund des menschlichen Gefühls, erwächst nicht nur zum wunderbaren Soundtrack einer Star-Wars-Romanze, diese Orchesterklänge gewinnen geradezu kosmische Erhabenheit. Man staunt, man träumt. Und die Berliner Philharmoniker denken vielleicht: So muss Oper sein! Die Sänger hinter der Kulisse, die Stimmen eingebunden ins Orchestergewoge - und hat Wagner nicht eigentlich nur Sinfonien komponiert?

Nein, so konzertant ereignet sich "Tristan und Isolde" in Baden-Baden dann doch nicht. Auch wenn die Berliner, die ja nur einmal im Jahr, bei den Osterfestspielen an der Oos, im Opern-Graben sitzen, kaum zu bremsen sind, wenn sie ihren Luxusklang entfalten. Stuart Skelton, der Tristan, besitzt einen gut geschmiedeten Tenor, aber gegen die ernste emotionale Wucht der Philharmoniker im dritten Akt kam er in der Vorstellung am Dienstag nicht an, er brach fast ein. Selbst Eva-Maria Westbroek, die grandiose Wagner-Sopranistin, die so funkelnd-schön wie durchschlagend hochdramatisch auftreten kann, kam beim finalen "Liebestod" höchstens auf ein Remis im Kräftevergleich mit dem Orchester.

Nun darf man gerne über sängerdienliches Spiel philosophieren, ertappt sich als Zuhörer aber freilich dabei, wie man von diesem orchestralen "Tristan" fasziniert ist: dieses volltönende Aufbrausen und diese helle Brillanz der Streicher, aber auch dieses lederne Bassfundament; dazu der warm-perfekte Bläserklang. Und diese Leidenschaft. Sir Simon Rattle, der Chef, entfaltete schon im (gesangsfreien) Vorspiel einen herben, mitreißenden Liebeskampf und dirigierte dann so durchdacht wie existenziell.

Und bei aller Überwältigungsstrategie: Man hat die Berliner tatsächlich schon eigensinniger gehört, Rattle gelang es, ein wahres Musikdrama zu gestalten. Das Sängerensemble hatte Klasse: Sarah Connolly als Brangäne; eindrucksvoll in seiner Kühle den Verrat Tristans anklagend Stephen Milling als König Marke. Auch steckt die sehr cineastische Inszenierung des polnischen Regisseurs Mariusz Trelinski auf der Bühne Boris Kudlickas anregend den Handlungsrahmen ab: dunkel, abgründig, Tristan und Isolde im Screen von Radar und Zielfernrohr. Sie brauchen eigentlich keine Zaubertränke und auch keine mordenden Gegner, sie sind suizidal entschlossen. Endzeitstimmung wie in Lars von Triers "Melancholia".

"Gutes böses Geld" heißt in Baden-Baden aktuell eine Große Landesausstellung über die Kunst und die Ökonomie - der hohe Wert der Berliner Philharmoniker lässt sich in diesen Tagen dort jedenfalls gut taxieren, auch in Sinfoniekonzerten. Zum Beispiel ein Programm unter der souveränen Leitung von Manfred Honeck, früher GMD in Stuttgart: sensationell diese Klangpräsenz, diese Demonstration mannschaftlicher Virtuosität, vom gehauchten Piano bis zur martialischen Attacke.

Die Berliner zeigen gerne, was sie können, sie wollen herausgefordert sein, sie prüfen aber auch, wie Werke funktionieren und wirken. Das Cellokonzert Robert Schumanns: Da muss man nicht glänzen, da hält man sich verlässlich zurück; Yo-Yo Ma begeisterte mit unbändiger Spielfreude als Solist. Dann Tschaikowskys "Pathétique": Der 2. Satz erklang so schön harmlos, wie er komponiert ist; der Marsch im 3. Satz aber überwältigte mit Highspeed-Tempo, Präzision und atemraubendem Furioso. Und der letzte Satz: tief erschütternd. Musik aus der "Tristan"-Kategorie.

Kurios, dass nächstes Jahr Kirill Petrenko, der künftige Chef der Berliner, sich beim Gastspiel in Baden-Baden ebenfalls Tschaikowskys 6. Sinfonie vornehmen wird. Werbespruch: "Da darf man schon mal pathetisch werden." Das stimmt bei diesem Orchester aber sowieso.

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24.03.2016, 08:30 Uhr
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