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Als Freiwild der virtuellen Welt ausgesetzt?

Cybermobbing trifft zunehmend auch Lehrer

Facebook ist eine Herausforderung für Lehrer. Darf man mit seinen Schülern eigentlich befreundet sein? Wie sich das soziale Netzwerk selbstständig machen kann, musste ein Lehrer jetzt erfahren.

18.02.2013

Von UTE GALLBRONNER

Herr Schmid hat eine Facebook-Seite. Darauf steht nicht nur zu lesen, dass er ein Lehrer ist und als solcher froh, die 9d bald aus seinem Leben verschwinden zu sehen. Nein, auch, dass Herr Schmid "schöne Schülerinnen" für "kleine Taten selbstverständlich bevorzugt" erfahren die Nutzer, und zwar jeder, der es wissen will, nicht nur die Freunde von Herrn Schmid.

Herr Schmid heißt nicht Schmid, seinen Namen will er aufgrund dessen, was in den vergangenen Monaten passiert ist, nicht auch noch in der Zeitung lesen. Lange Zeit hatte der Gymnasiallehrer der Seite keine große Bedeutung zugemessen. Ein Scherz, zwar ein ziemlich mieser, aber schließlich konnte jeder leicht erkennen, dass es sich hier um eine Fake-Seite handeln musste. Eine Seite, die jemand anders in fremdem Namen platziert hat.

"Fälle von Identitätsdiebstahl kenne ich zum Glück nur wenige. Doch es gibt genug andere üble Aktionen, fiktive Profile bei einer Partnervermittlung etwa", sagt Gregory Grund. Der Medienpädagoge bildet an der Goethe-Universität Frankfurt künftige Pädagogen im Bereich "Neue Medien" aus. Die Diskussion über die Facebook-Frage verfolgt er mit Interesse.

Im vergangenen Jahr war sie hochgekocht, als der CDU-Medienpolitiker Thomas Jarzombek eine Facebook-Pflicht für Lehrer forderte, Johann-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, dagegen ein Freundschafts-Verbot für Lehrer. Marie-Theres Johannpeter, eine junge Lehrerin aus Nordrhein-Westfalen, wurde als fortschrittliches Beispiel herumgereicht: Sie hat im sozialen Netzwerk zwei Identitäten - eine als Mensch und eine als Lehrerin. In Passau wurde wenig später ein Pädagoge suspendiert, weil er "außerschulischen Kontakt zu Schülerinnen" über soziale Netzwerke gepflegt hatte. Das Verfahren wurde eingestellt, weil es keinerlei Anzüglichkeiten gegeben hat.

"Die Debatte ist nicht zu Ende", sagt Grund, weil man weit von einer Lösung entfernt sei. Das Grundübel ist für ihn, dass es keine Richtlinien für Lehrer gibt. Lehrer bräuchten unbedingt einen Rahmen, in dem Mindestanforderungen festgelegt werden, gerade weil die Einstellung zu sozialen Medien unter den Pädagogen sehr heterogen sei: Die einen sind selbst mit Facebook aufgewachsen, für andere ist Facebook Teufelszeug, und der PC der Auslöser für die zunehmende Demenz der Gesellschaft.

Marius Weinkauf, Schulleiter in Ulm, hat dagegen ein Profil bei Facebook: "So erfahre ich wenigstens, wenn über mich irgendwas gepostet wird." Über das, was seine Schüler so ins Netz stellten, wundere er sich gelegentlich: Nicht jedem sei klar, dass sich auch Lehrer über Facebook informieren - ähnlich wie Arbeitgeber. "Viele Schüler halten Facebook für eine lehrerfreie Zone", bestätigt Gregory Grund. Auch deshalb würden die Grenzen im Umgang miteinander überschritten.

Unter den Schülern sind Lehrer als Facebook-Freunde umstritten. Der 18-jährige Leander Badura hat kein Problem damit: "Und wenn sie auch keins damit haben, bin ich auch mit ihnen befreundet. Von meinem Englischlehrer aber weiß ich beispielsweise, dass er zwei Profile hat, eins für sich und seine Freunde und eins für Schüler." Lena Löffler geht das schon zu weit: "Lehrer sind Lehrer und keine Freunde." Durch den Dauerkontakt werde die Privatsphäre beider Seiten gestört, glaubt die Schülersprecherin eines Gymnasiums.

Facebook ist vor allem für Lehrer eine Grauzone. Was tun, wenn ein Schüler noch keine 13 ist, also gar nicht auf Facebook sein darf? Was, wenn man merkt, dass Schüler im Netz gemobbt werden? Was hat welche Konsequenzen? "Wir brauchen eine gesamtschulische Strategie für alle diese Themen. Denn die Fragen über den Facebook-Gebrauch von Lehrern geht nahtlos ins Thema Cybbermobbing über. Davon sind Lehrer wie Schüler zunehmend betroffen", sagt Gregory Grund.

Im Fall von Herrn Schmid hat das Mobbing das Netz verlassen. Eine Reihe von anonymen Briefen tauchte auf. Darin fordern "besorgte Eltern" die Entlassung des Lehrers. Offiziell hat sich an die Schulleitung wegen des Facebook-Profils jedenfalls niemand gewandt.

Der Lehrer hat Anzeige erstattet und die Seite entfernen lassen. Letzteres dauerte Wochen, in denen munter weiter schlüpfrige Dinge gepostet und gern gelesen wurden. "Wenn wir den Urheber erwischen, wird er der Schule verwiesen", sagt die Rektorin - sofern er oder sie überhaupt an der Schule seien. Die Chancen sind gering: Der Server, von dem aus die Seite erstellt und gefüttert wurde, steht in Irland.

Immer öfter werden nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer Opfer von Cybermobbing in sozialen Netzwerken. Foto: Armin Weigel/dpa

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Erstellt:
18. Februar 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Februar 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2013, 12:00 Uhr

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