Pandemie

Covid-freie Luft für alle?

Grüne und Linke fordern für jedes Klassenzimmer die elektrischen Reiniger. Die Empfehlung des Umweltbundesamtes geht jedoch in eine andere Richtung.

14.09.2021

Von MICHAEL GABEL

Mobiler Luftreiniger im Klassenraum: Das Umweltbundesamt empfiehlt die Anschaffung nur, wenn sich die Fenster nicht vollständig öffnen lassen. Foto: Miele

Der Herbst kommt, und damit steigt auch wieder die Gefahr von Corona-Infektionen in Innenräumen. In den Schulen sollten deshalb die Klassenzimmer regelmäßig gelüftet werden. Jetzt räche sich, dass die Schulen über den Sommer hinweg nicht mit genügend Luftreinigungsgeräten versorgt worden seien, kritisieren Grüne und Linke.

Ist der flächendeckende Einsatz von Lüftungsanlagen in Klassenzimmern sinnvoll? Nein, versichert das Umweltbundesamt. Die Behörde empfiehlt die Verwendung ausschließlich in Klassenräumen, die unzureichend gelüftet werden können, etwa weil man die Fenster nur kippen kann. Lassen sich die Fenster dagegen weit öffnen, sei der Einsatz der Geräte „nicht nötig“, heißt es in einer Handreichung. Vom längeren Aufenthalt in Räumen, die überhaupt nicht zu belüften sind, rät das Amt während der Corona-Pandemie vollkommen ab.

Was ist beim Aufstellen mobiler Luftreiniger zu beachten? „Zum einen sollten die Geräten alle drei Monate überprüft werden, um festzustellen, ob sie noch einwandfrei arbeiten“, empfiehlt Claus Haendel, Technikexperte beim Fachverband Gebäude-Klima. Zudem stehe alle ein bis zwei Jahre ein Filterwechsel an. Bei schlechter Wartung leide mit der Zeit die Abscheideleistung, und die Infektionsgefahr steige, sagt Haendel. Außerdem müssen die Luftfilter im Raum richtig aufgestellt werden, sodass auch Viren von weit entfernt sitzenden Schülern aufgesaugt werden können.

Was kosten die Geräte? Laut Haendel sind leistungsfähige und geräuscharme mobile Geräte ab 3000 Euro zu bekommen. Fest installierte Anlagen mit Lüftung über die Außenluft kosten je nach Größe mit Einbau zwischen 8000 und 15 000 Euro, wobei für diesen Preis Geräte mit Wärmerückgewinnung Standard sind. Eine weitere Variante sind reine Abluftanlagen, wie sie früher in einfachen Gaststätten verwendet wurden. Deren Einbau koste ebenfalls „3000 Euro aufwärts“.

Wer ist für die Versorgung mit Luftreinigern zuständig? Die Schulträger. In Flächenländern sind das die Kommunen, in Stadtstaaten die Landesregierungen.

Wer bezahlt das Ganze? Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten. So haben die Landesregierungen jeweils eigene Förderprogramme aufgelegt, um Schulen die Anschaffung zumindest von mobilen Luftreinigern oder auch CO2-Ampeln zu ermöglichen. Vorrangig wird dieses Geld vielerorts eingesetzt, um Klassenräume, die sich nur eingeschränkt belüften lassen, für Pandemiebedingungen fit zu machen. Zudem hat die Bundesregierung im Sommer ein 200-Millionen-Euro-Förderprogramm beschlossen, mit dem die Kommunen weitere mobile Luftreiniger für Kitas und Grundschulen anschaffen können. Die Förderung muss aber vor Ort zu 50 Prozent kofinanziert werden. Beantragt werden die Mittel über die Länder. Eine weitere Fördermöglichkeit für fest installierte Raumentlüftungsanlagen gibt es über das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, das dem Bundeswirtschaftsministerium unterstellt ist. Dort können Kommunen, aber auch die Schulen, Kitas oder Horte selbst die Anträge stellen. Mit diesem Programm stehen ebenfalls 200 Millionen Euro zur Verfügung. Laut Haendel kommen fest installierte Anlagen allein schon wegen des langen Planungsvorlaufs am ehesten bei Schulneubauten und umfassenden Sanierungsprojekten infrage. Die Anschaffung fest installierter Anlagen fällt jedoch nach Angaben Haendels zahlenmäßig noch kaum ins Gewicht.

Reichen diese Mittel? Während Bundes-, aber auch Landesministerien meist voller Stolz auf ihre jeweiligen Förderprogramme verweisen, hagelt es von Seiten der Bundestags-Opposition Kritik. So fordert Dietmar Bartsch, Linken-Fraktionschef im Bundestag, „Luftfilter für alle Schulen“. Auch die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock bemängelt, es sei versäumt worden, „Luftfilteranlagen für jeden Klassenraum in diesem Land“ anzuschaffen. Allerdings: Das grün-schwarz-geführte Baden-Württemberg liegt bei der Ausstattung der Klassenzimmer mit Lüftungsgeräten gerade mal bei rund 15 Prozent. Und in Thüringen mit seinem Ministerpräsidenten von den Linken sieht es nicht besser aus.

Werden die Lüftungsgeräte nach der Pandemie noch gebraucht? Beim Umweltbundesamt ist man skeptisch und empfiehlt als mittel- und langfristige Lösung den Einbau fest installierter Lüftungsanlagen. Denn diese seien „auch nach der Corona-Pandemie noch von großem Nutzen“. Sie senken nicht nur die Menge an Krankheitserregern, sondern beseitigen auch sonstige Schadstoffe.

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Erstellt:
14. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. September 2021, 06:00 Uhr

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