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Cooler Style für Annabell
Landwirt Uwe Bauer hübscht Kühe für Ausstellungen und Auktionen auf

Cooler Style für Annabell

Der Landwirt Uwe Bauer aus Salem ist Kuh-Friseur. Für landwirtschaftliche Ausstellungen und Auktionen holt er mit Schermaschine, Föhn und Haarspray aus Kühen heraus, was an Schönheit vorhanden ist.

08.03.2016
  • PETRA WALHEIM

Salem. Annabell ahnt noch nicht, was mit ihr in den nächsten zwei Stunden geschehen wird. Die zweieinhalbjährige rot-bunte Holsteinerin steht in einer Box mit Stroh und schaut neugierig heraus. Landwirt Uwe Bauer legt ihr einen Strick um den Hals, führt sie behutsam vor die Box und in den Scherstand. In aller Ruhe zurrt er den Kopf der Milchkuh am Gestänge fest, hängt rechts und links die Streben ein, so dass das Tier nur noch wenig Bewegungsfreiheit hat. Annabell nimmt alles gelassen hin und wartet ab.

Davor durfte sie schon eine warme Dusche aus dem Dampfstrahler genießen. "Natürlich ohne Druck", sagt der Landwirt. Nur so kriegt er den Stalldreck aus Annabells dickem Winterfell heraus. In der nächsten Stunde wird es fallen - und ihre Konturen freigeben.

Uwe Bauer ist Kuh-Friseur - oder Kuh-Fitter, wie der Fachbegriff heißt. Annabell hübscht er für eine Zuchtvieh-Auktion in Bad Waldsee auf. "Ich hebe die Stärken der Kuh hervor und kaschiere die Schwächen", sagt er ganz offen. Damit potenzielle Käufer die Kuh bewerten können, müssen sie unter anderem ihren Körperbau, ihr Euter und ihre Beine gut sehen können. Deshalb muss das Fell runter. Einer von Annabells Mängeln ist, dass sie keine gerade Rückenlinie hat - auch Topline genannt. Da ist ein Knick in der Linie, den der Landwirt mit einigen Hilfsmitteln und allen verfügbaren Haaren zumindest optisch ausgleichen will. Dumm nur, dass Annabell genau an der Stelle nur wenig Haare hat.

Der Kuh-Friseur macht sich an die Arbeit und wirft die Schermaschine an. Die ersten Haare fallen an Annabells Hinterteil. Sie hält still und lässt es geschehen. Uwe Bauer entfernt die Haare am linken Hinterbein, dann am rechten und arbeitet sich über Bauch und Rücken nach vorne. Nur auf der Topline lässt er die Haare stehen. Annabell bleibt einigermaßen ruhig, bis der Landwirt das surrende und vibrierende Schergerät am Kopf ansetzen möchte.

Das ist ihr dann doch zuviel und sie bockt heftig. Bauer, der seine Kühe kennt, spricht mit ihr, versucht sie zu beruhigen. Es hilft. Um Annabells Puschelohren zu rasieren, muss dann aber doch Bauers Vater Rudi mithelfen. Er hält Annabells Kopf fest, während die Schermaschine das Fell runterholt. Nein, sie friert nicht, behauptet Bauer.

Ohne Fell wirkt Annabell etwas nackt, aber so kann jeder sehen, dass sie schöne schlanke Beine hat. Ein wichtiges Kriterium für den Verkauf. Unter Landwirten heißt das, die Kuh hat ein "trockenes Fundament". Als das weiße Fell am Euter fällt, sind die dicken Adern, "Würmer" genannt, gut zu sehen. "Je mehr Würmer sie am Euter hat, umso besser." Das zeige, dass die Blutversorgung gut sei. Mit gestutztem Fell stechen Rippen und die kräftigen Hüftknochen deutlich heraus. "Es ist wichtig, dass das Skelett gut sichtbar ist." So erkenne der potenzielle Käufer, dass die Kuh das Futter in Milch, nicht in Fleisch umsetzt. Seit seinem zwölften Lebensjahr bearbeitet Uwe Bauer Kühe mit Schermaschine, Föhn und Haarspray. "Jedes Tier ist anders, jede hat ein anderes Fell", sagt er.

Um die Stärken einer jeden Kuh hervorheben zu können, brauche es viel Routine. "Da hilft nur üben, üben, üben." Nach 26 Jahren Üben hat er fast jede Kuh im Griff - und viele Anfragen von Landwirten. Da Bauer nach seiner Aussage der einzige Kuh-Friseur im Land ist, könnte er viele Kühe scheren. Doch die Zeiten, in denen er wochenlang und im ganzen Bundesgebiet unterwegs war, sind vorbei. Er absolviert nur noch vier bis fünf Außentermine im Jahr. Der 38-Jährige hat Frau und Kind, einen Betrieb mit 100 Kühen samt Nachzucht. Er verdient sein Geld mit der Milchproduktion und der Rinderzucht. "Der Betrieb hat Priorität." Einer dieser Außentermine ist die jährliche Landesschau in Ilshofen. Da frisiert er innerhalb von drei Tagen 40 Kühe. "Bei der Schau geht es nur um die Schönheit. Da werden die schönsten Tiere des Landes vorgestellt."

Auf die Idee, Kühen einen professionellen Haarschnitt zu verpassen, ist er im Jungzüchter-Club gekommen. In einer Jungzüchterschule in Belgien konnte er auch auf diesem Gebiet einiges dazulernen. Alles andere hat er sich selbst beigebracht.

Uwe Bauer ist bei der Feinarbeit angekommen. Er hat die Haarpracht auf der Rückenlinie geföhnt und mit einer Bürste nach oben frisiert. Mit einer ordentlich Ladung ultrastarkem Haarspray wird sie stabilisiert und mit einer Schere in Form gebracht. Trotz der wenigen Haare schafft er es, den Knick in der Rückenlinie auszugleichen. Nach gut zwei Stunden ist Annabell fertig. Vielleicht auch im übertragenen Sinn. Denn nachdem Uwe Bauer sie aus dem Scherstand entlassen hat, legt sie sich in ihrer Box erst mal hin und käut wider. "Vom Scheren kommen, sich hinlegen, widerkäuen - und alles ist gut", sagt Bauer.

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08.03.2016, 08:30 Uhr
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