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Christian Stürmer will vor dem Verfassungsgericht mehr Rechte für die Opfer des Medizin-Skandals erkämpfen

Contergan-Geschädigte hoffen auf Gerechtigkeit

Per Verfassungsbeschwerde will Christian Stürmer mehr Rechte für Conterganopfer erreichen. Für den 48-Jährigen war es ein langer Weg.

05.09.2009

Ostfildern Mühsam steigt Christian Stürmer mit seinen Krücken die Treppe in der Doppelhaushälfte in Ostfildern (Kreis Esslingen) hinauf. Jede einzelne Stufe ist eine Qual für den 48-jährigen Contergangeschädigten. Weil seine Mutter in der Schwangerschaft das übelkeitshemmende Schlafmittel einnahm, kam er 1961 mit schweren Behinderungen an den Beinen auf die Welt. 1961 nahm die Herstellerfirma Grünenthal das Medikament vom Markt, nach vier Jahren und weltweit rund 10 000 missgebildeten Kindern, 5000 davon in Deutschland. Der Wirkstoff Thalidomid hatte den Wachstumsprozess der Ungeborenen gestört.

Im ersten Stock befindet sich das Arbeitszimmer. Der enge Raum ist vollgepackt mit juristischen Fachbüchern und Ordnern. Einer davon enthält die Verfassungsbeschwerde, die Stürmer Ende Juni mit zehn weiteren Betroffenen eingereicht hat. "Das Gefühl, massiv ungerecht behandelt zu werden, war immer da", sagt er. Doch bislang habe er all seine Energie benötigt, um den Alltag zu bewältigen und das Jurastudium abzuschließen. Erst als die Reform des Conterganstiftungsgesetzes eine Beschwerde vor dem Verfassungsgericht ermöglichte, fand er die Kraft, den Verein Contergan-Netzwerk zu gründen und die Klage auszuarbeiten. Der kleine Verein prescht mit dem Schritt voran: Traditionell sind die Opfer im Bundesverband Contergangeschädigter organisiert, und nicht jeder hält Stürmers Vorstoß zum jetzigen Zeitpunkt für klug. Doch was er will, ist Gleichberechtigung, eine politische Diskussion auf Augenhöhe und die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben für sich und die anderen 2650 Contergan-Geschädigten, die in Deutschland noch leben.

Ein Rollstuhl, eine behindertengerechte Küche oder ein umgebautes Kraftfahrzeug seien etwa nötig für diese Eigenständigkeit. "Ohne Auto ist schon der Gang zum Briefkasten unmöglich." Wären in den 70ern nicht alle Ansprüche gegen Grünenthal ausgeschlossen worden, hätten die Geschädigten ein Recht auf Schmerzensgeld, auf Kuren und Umbauten. So bekommen sie je nach Behinderung eine monatliche Rente zwischen 252 und 1116 Euro aus dem Fonds der Conterganstiftung. "Brotkrumen" seien das, findet der Vater einer Tochter. Im Mai flossen zwar zusätzliche 100 Millionen Euro in die Stiftung, die Hälfte davon bezahlte Grünenthal. Das reiche nicht, sagt Stürmer. Monatlich bekomme er als mittelmäßig Geschädigter nur 191 Euro. "Wir leben auf Sozialhilfeniveau. Bei der Regelung der Versorgungspflicht hat wohl niemand gedacht, dass wir so alt werden." Reguläre Rentenansprüche hätten die Contergan-Geschädigten kaum, da viele spät eingeschult wurden und früh wieder aus dem Berufsleben ausschieden.

Als die Schmerzen immer schlimmer wurden, musste auch Stürmer die Arbeit aufgeben. Mit seiner Lebensgefährtin hatte er einen Kaffeeherstellungsbetrieb geführt. "Wir brauchen sofort Hilfe", betont er. "Kriegsversehrte, Impfgeschädigte oder Opfer von Gewalttaten sind viel bessergestellt als wir." lsw

Erst nach vielen Jahren hat Christian Stürmer die Kraft gefunden, für sein Recht zu kämpfen. Foto: dpa

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Erstellt:
5. September 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. September 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. September 2009, 12:00 Uhr

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