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Etwas Blindflug bleibt immer

Constantin-Vorstandsmitglied Martin Moszkowicz über die Bausteine für einen Blockbuster

Constantin Film ist Deutschlands größter Kinoproduzent und -verleiher. Aber der Kinomarkt ist ein schwieriges Feld mit vielen Unwägbarkeiten, wie Vorstandsmitglied Martin Moszkowicz erzählt.

28.12.2011

Von MAGDI ABOUL-KHEIR

"Wickie auf großer Fahrt", ein prima Familienfilm und die teuerste deutsche Produktion 2011, zog nur 1,8 Millionen Kinozuschauer an. Der erste "Wickie"-Film hatte dagegen vor zwei Jahren noch 5 Millionen Besucher. Wie enttäuscht sind Sie?

MARTIN MOSZKOWICZ: Jeder Film und vor allem jeder deutsche Film, der über eine Million Zuschauer macht, ist zunächst mal ein Erfolg, und "Wickie auf großer Fahrt" liegt bei rund 1,8 Millionen Zuschauern und ist damit einer der erfolgreichsten deutschen Filme 2011. Die Frage ist, was man erwartet hat und wie groß das Potenzial eines Films ist. Da lag "Wickie" unter den Erwartung. Aber wie Filme laufen, hängt von vielen Faktoren ab, vom Wettbewerbsumfeld bis zum Wetter - und nicht nur vom Film selbst.

Die Einspielergebnisse sind ohnehin nur eine Seite des Geschäfts. "Wickie" hat zwar mehr als 12 Millionen Euro gekostet plus Marketing, aber zu den Kinoeinnahmen kommen DVD-Umsätze, Merchandising und TV-Rechte. Der Film wird also trotz allem schwarze Zahlen schreiben?

MOSZKOWICZ: Sicherlich. Der Film wird sich rechnen. Er hätte sich halt noch schöner rechnen können (lacht). Weltweit machen die Kinoeinnahmen heute ohnehin den geringsten Teil der Verwertungskette aus, viel wichtiger sind der Home-Entertainment-Markt, der in Deutschland sehr gesund ist, und der Fernsehmarkt.

Kann man sagen, dass zu jedem Euro, der an der Kinokasse verdient wird, noch ein Euro durch die DVDs kommt?

MOSZKOWICZ: Unter Umständen sogar mehr, weil die DVD ertragreicher ist. Denn bei der Kinoauswertung sind die Marketing- und Werbeausgaben höher, und dazu kommen noch die Kosten für Kopien.

Auf der Ausgabenseite ist es mit den Millionen für die Filmproduktion aber auch bei weitem nicht getan.

MOSZKOWICZ: In den USA liegen die durchschnittlichen Produktionskosten zwischen 60 und 70 Millionen Dollar, und die durchschnittlichen Vermarktungskosten, die hinzukommen, zwischen 50 und 60 Millionen pro Film - und das nur für den amerikanischen Markt. Davon sind wir in Deutschland, zum Glück, noch weit entfernt.

Manche Kritiker meinen, der zweite "Wickie"-Film sei weniger erfolgreich, weil er nicht von und mit Bully Herbig ist. Nun war Bully just der Star von "Hotel Lux": 8 Millionen Euro Budget, Riesenaufwand, ein interessantes Thema, jede Menge Medienpräsenz - und gerade mal 150 000 Zuschauer. Ein echter Flop?

MOSZKOWICZ: Der Film hat definitiv nicht sein Publikum gefunden.

Aber Sie haben den Film intensiv beworben, Bully saß im Herbst auf jedem Talkshowsofa des deutschen Fernsehens.

MOSZKOWICZ: Es gibt einfach Filme, die floppen. Wir haben in der Branche dann immer viele kreative Erklärungsversuche, aber wirklich wissen tun wir es nicht. Eine Erklärung halte ich allerdings für recht plausibel: Der Film ist ein ausgezeichnetes Produkt, doch er hat sich zwischen alle Stühle gesetzt. Das klassische Bully-Publikum war wohl nicht vom Thema angetan - und die Leute, die am Thema interessiert gewesen wären, wollen nicht unbedingt einen Film mit Bully sehen.

Und das konnte man sich nicht vorher denken?

MOSZKOWICZ: Das Problem und das Risiko waren uns von Anfang an klar, und wir haben das Marketing auch darauf ausgerichtet. Aber es war wohl die Quadratur des Kreises. Dennoch: Man muss in unserem Business auch mal Dinge wagen, die nicht völlig schematisch ablaufen und den Zuschauer überraschen. Denn einerseits wollen die Leute zwar wissen, was sie erwartet, wenn sie zehn Euro an der Kasse ausgeben, andererseits wollen sie nicht das Gefühl haben, etwas schon hundertmal gesehen zu haben. Und manchmal funktioniert gerade das Ungewöhnliche. Man denke an "Inception", gegen den hat alles gesprochen: eigentlich verkopftes Arthouse-Kino für 150 Millionen Dollar. Und er wurde ein Welthit - genauso wie zum Beispiel "Brokeback Mountain".

Was sind denn die wichtigsten Bausteine für einen Kinoerfolg?

MOSZKOWICZ: Da wir wegen des kleineren deutschen Kinomarktes nicht in der Lage sind, so viel Geld wie die Amerikaner ins Marketing zu stecken, suchen wir uns als deutsche Produktions- und Verleihfirma oft Stoffe, die ein eingebautes "Want to see", eine eingebaute Attraktivität haben - daher basieren viele unserer Filme auf Bestsellern, oder sie beziehen sich auf andere erfolgreiche Marken wie das Videospiel "Resident Evil". Und dann geht es um die Positionierung im Markt: Wann kommt der Film raus, mit wie vielen Kopien? Wobei man die Konkurrenz nie wirklich ganz einschätzen kann, das bleibt immer ein bisschen Blindflug. Ein Beispiel: Unser Actionfilm "Krieg der Götter" lief im Herbst gut, aber 20 Prozent unter dem, was hätte sein sollen. Warum? Weil unter anderem zu seinem weltweit festgelegten Starttermin drei große Videospiele rauskamen - die Zielgruppe der jungen Männer saß dann erstmal zuhause vor dem Spiel.

Ein weiteres Problem: Oft starten gleichzeitig Filme fürs gleiche Zielpublikum, die sich an der Kinokasse dann gegenseitig kannibalisieren.

MOSZKOWICZ: Ja, das ist ein Problem. Wenn man bedenkt, was derzeit alles für Kinder auf dem Markt ist: Das läuft alles unter Wert. Natürlich tun sich die Filme gegenseitig weh, weil die Leute an einem Wochenende nicht dreimal ins Kino gehen. Und die meisten Filme müssen ihr Geld schnell einspielen, weil schon bald die nächsten Produktionen starten.

Constantin Film ist auf dem internationalen Markt gut unterwegs. Man denke an die "Resident Evil"-Reihe. "Die drei Musketiere" hat 2011 in den USA zwar nur enttäuschende 20 Millionen Dollar eingenommen, aber in Deutschland waren es 1,2 Millionen Zuschauer, und weltweit macht er richtig Geld.

MOSZKOWICZ: "Resident Evil 4" war der erfolgreichste Constantin-Film überhaupt, mehr als 300 Millionen Dollar allein an den Kinokassen. Die "Musketiere" holen auch mehr als 150 Millionen. In Deutschland sind unsere Wachstumsgrenzen fast erreicht, auf dem internationalen Markt haben wir noch Potenzial - erstaunlich, was diese Filme in Russland, Brasilien, Mexiko oder Ostasien einspielen. Das sind riesige Märkte, die noch enorm wachsen werden.

Ist 2011 wirtschaftlich gesehen ein enttäuschendes Filmjahr?

MOSZKOWICZ: Es sind viele Filme unter Erwartung gelaufen, nicht nur bei der Constantin. Freilich werden die Umsätze der Branche - trotz stagnierender Zuschauerzahlen - höher sein als 2010, vor allem wegen der 3D-Zuschläge.

Ist der 3D-Boom nicht schon eher am Abklingen?

MOSZKOWICZ: 3D wird nicht mehr weggehen. Es ersetzt 2D nicht, aber es gibt einen stabilen Markt dafür. Leider haben anfangs viele versucht, den schnellen Euro zu machen und sind mit schlechten 3D-Produktionen auf den Zug aufgesprungen. Das war ungeschickt, nicht durchdacht und hat viele Kinofans enttäuscht.

Gehört zum Vorstand der Constantin Film: Martin Moszkowicz.

Martin Moszkowicz (53) ist seit 1991 bei der Constantin Film. Zunächst war er als Produzent und von 1996 bis zum Börsengang 1999 auch als Geschäftsführer tätig. Als Produzent hat er etwa bei„Salz auf unserer Haut?, „Das Geisterhaus?, „Fräulein Smillas Gespür für Schnee?, „Das Parfüm?, „Im Winter ein Jahr? und „Die Päpstin? mitgewirkt. Als Vorstand Film und Fernsehen ist Moszkowicz heute zuständig für die Geschäftsbereiche Produktion Film und Fernsehen, Kinoverleih/ Marketing und Presse, internationaler Lizenzhandel, internationaler Verleih und Vertrieb inklusive Marketing und Presse, Filmeinkauf deutschsprachiger Produktionen für den Kinorelease. Constantin Film wurde 1977 von Bernd Eichinger gegründet. Die AG ist sowohl als Filmverleih als auch als Filmproduktionsgesellschaft tätig, und das erfolgreich: Sechs Filme der Top Ten der letzten 30 Jahre wurden von Constantin Film produziert, 23 Filme der Top 50 der letzten 20 Jahre wurden von ihr in die Kinos gebracht. 2012 setzt die Constantin wieder auf einen breiten Mix: Das Programm beginnt mit dem Sido-Film „Blutzbrüdaz?, bietet Familienunterhaltung („Fünf Freunde?) und deutsches Arthouse (Doris Dörries „Glück?), aber auch Großproduktionen für den internationalen Markt wie „Resident Evil 5?. Die aufwendigsten langfristigen Projekte sind der 3D-Animationsfilm „Tarzan? und das Spektakel „Pompeji?.

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Erstellt:
28. Dezember 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Dezember 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2011, 12:00 Uhr

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