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Im Südwesten überfahrene Raubtiere bald in Museen zu sehen

Comeback als Skelett-Wolf

Die beiden überfahrenen Wölfe aus dem Land sind bald wieder da – im Museum. Gerade werden die Kadaver präpariert. Dafür müssen auch Käfer ran.

04.07.2016

Von ANIKA V. GREVE-DIERFELD, DPA

Albrecht Manegold, Kurator für Wirbeltiere beim Naturkundemuseum Karlsruhe arbeitet an den Knochen eines Wolfs, der vor etwas mehr als einem Jahr nahe der Autobahn 5 bei Lahr (Ortenaukreis) überfahren wurde. Die Knochen des Raubtiers werden seit Monaten in dem Museum aufbereitet. Der Kadaver war reichlich mitgenommen. Ihn mit Fell zu präparieren war nicht mehr möglich. Foto: Uli Deck/dpa

Karlsruhe. In den Kisten ist es warm und dunkel, Speckkäfer wuseln herum, ihre Larven knuspern leise an Geweberesten von Wolfsknochen. Im Karlsruher Naturkundemuseum wird ein im vergangenen Sommer nahe der Autobahn 5 bei Lahr (Ortenaukreis) überfahrener Wolf präpariert. Nach seinem Tod landete er zunächst tiefgefroren im Museum. Der Kadaver war reichlich mitgenommen. Das Tier mitsamt seinem Fell zu aufzubereiten, war nicht mehr möglich.

Jetzt ist sein Skelett großteils entfleischt, gekocht, entfettet und gebleicht. „Der Schädel ist fertig, die meisten Teile des Extremitätenskelettes ebenfalls“, sagt Kurator Albrecht Manegold. Nur an der Wirbelsäule, an den Pfoten und Handwurzelknochen sowie den Rippen klebten nach der Kochprozedur noch Gewebereste – das ist der Job der Speckkäferlarven. Sie werden extra für diesen Zweck gezüchtet und eingesetzt, um die Knochen blank zu futtern. Bis zum Herbst muss das Skelett fertig sein. Dann ist eine Sonderschau rund um den Wolf geplant.

Auch in Stuttgart ist im Herbst der Wolf los – im dortigen Naturkundemuseum wird gerade der zweite Wolf, der vergangenes Jahr tot in Baden-Württemberg entdeckt wurde, fachmännisch präpariert. Allerdings als Ganzes und nicht als Skelett. „Wir hatten Glück“, sagt Ulrich Schmid, Vize-Direktor des Museums. Obwohl auch dieser Wolf überfahren wurde, ist sein Fell so intakt, dass er als sogenannte Dermoplastik zum Leben erweckt werden soll:. „Aufrecht im gemütlichen Wanderschritt“, sagt Schmid. „Nicht als gefährliches Raubtier, aber eben auch nicht niedlich.“ Im Herbst zum Ausklang der zurzeit laufenden Ausstellung „Naturdetektive“ könne man ihn dann bewundern.

Fachleute haben die Haut dieses nach einem Zusammenstoß mit einem Auto auf der Autobahn 8 bei Merklingen gefundenen Tieres schon mitsamt Lefzen und Krallen abgezogen und an einen speziellen Gerber geschickt. „Wir werden eine weiche Haut zurückbekommen mit Fell wie von Omas Nerz“, sagt Schmid. Der Korpus wird mithilfe eines besonderen Schaumstoffes wiederaufgebaut. Dann kommt das Fell drüber, Kunststoffzähne in den Kiefer, ein von Spezialisten gefertigtes Glasauge in die Augenhöhle. Klingt einfach, ist aber „eine höchst diffizile Arbeit“, sagt Schmid. Zwei Präparatoren werden in den nächsten Wochen viele Stunden an der Erweckung des Wolfes arbeiten.

Unterdessen mampfen in Karlsruhe hunderte Larven weiter am Lahrer Wolf. „Die kleinen Larven sind sehr gut für die Feinarbeit, die größeren für die gröberen Gewebereste“, sagt Manegold. Täglich wird kontrolliert, wie die Larven verschiedener Generationen bei ihrer „Fressarbeit“ vorankommen. Knochen mithilfe dieser Insekten zu säubern, ist eine verbreitete Methode – „gerade für Skelettteile, an die nicht leicht heranzukommen ist“, erzählt der Kurator. Für die Larven ist es eine Standardmahlzeit: Auch in der Natur legen Speckkäferweibchen ihre Eier an eingetrockneten Kadavern ab.

Im vergangenen August kam der Wolf ins Museum. „Im Januar wurde er entfleischt und abgekocht“, die meisten Knochen mit dem Lösungsmittel Aceton entfettet. Zum Schluss werden die Knochen noch mit der Chemikalie Wasserstoffperoxid gebleicht. „Das sieht schöner aus, und man bekommt dann auch noch die letzten Geruchsreste gut weg“, sagt Manegold.

Der Fund der beiden toten Wölfe, Brüder aus dem gleichen Rudel, war eine Sensation und der Beweis, dass Wölfe inzwischen auch im Südwesten wieder vorkommen – ebenso wie die Sichtung eines lebenden im Mai dieses Jahres, den ein Privatmann im Schwarzwald-Baar-Kreis für ein paar Sekunden filmte. Es war der erste in Baden-Württemberg lebend gesehene Wolf seit 150 Jahren.

„Wir haben danach unglaublich viele Meldungen bekommen, dass er nochmals gesehen wurde“, sagt Wildtierökologin Mara Sandrini von der Freiburger Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. „Meistens war es aber dann doch nur ein Hund.“ Ob der Wolf, der auf den Aufnahmen angegriffen und nicht fit wirkte, lebt oder tot oder schlicht weggewandert ist? Reine Spekulation, sagt Sandrini. „Er könnte überall sein.“

Blitzblank poliert und gebleicht: Albrecht Manegold vom Naturkundemuseum Karlsruhe mit dem Schädel des Lahrer Wolfs. Weil der Kadaver recht mitgenommen war, wird er als Skelett ausgestellt. Foto: dpa

Albrecht Manegold, Kurator für Wirbeltiere beim Naturkundemuseum Karlsruhe arbeitet an den Knochen eines Wolfs, der vor etwas mehr als einem Jahr nahe der Autobahn 5 bei Lahr (Ortenaukreis) überfahren wurde. Die Knochen des Raubtiers werden seit Monaten in dem Museum aufbereitet. Der Kadaver war reichlich mitgenommen. Ihn mit Fell zu präparieren war nicht mehr möglich. Foto: Uli Deck/dpa

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Erstellt:
4. Juli 2016, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Juli 2016, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Juli 2016, 06:00 Uhr

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