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Gesellschaft

„Chris“ und „Toni“ für alle Geschlechter

Vornamen, die für Jungen, Mädchen und divers passen, sind gefragt. Weil Eltern Wert auf Individualität legen, greifen sie auf Namen aus anderen Kulturkreisen zurück.

18.09.2018

Von DPA

Mainz. Chris“, „Leo“ oder „Toni“: Seit zwei Jahren registriert das namenkundliche Zentrum der Universität Leipzig „extrem viele Anfragen“ nach geschlechtsneutralen Vornamen. Oft riefen Menschen an, die ihr Geschlecht wechseln wollten und eine geschlechtsneutrale Alternative zu „Christian“, „Leonie“ oder „Antonia“ suchten, sagte die Namensberaterin Gabriele Rodriguez. Und Eltern, die einen Namen für ihr Kind mit Merkmalen beiderlei Geschlechts suchen. Das Personenstandsgesetz soll bis Ende des Jahres den Eintrag „divers“ erlauben.

Viele Standesbeamte bestehen nicht mehr wie früher auf einem Zweitnamen, der das Geschlecht eindeutig benennt. „Wir empfehlen es aber immer“, sagt die Studienleiterin Beate Tripp vom Bundesverband der Standesbeamten. Das Kind müsse den zweiten Namen nicht öffentlich machen, habe aber die Chance, ihn mit dem Erstnamen zu tauschen. Vom 1. November an kann man die Reihenfolge seiner Vornamen leichter ändern als bisher.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache erstellt jedes Jahr ein Ranking der beliebtesten Vornamen in Deutschland, getrennt nach Jungen und Mädchen. Laut ihrer Mitarbeiterin Frauke Rüderbusch steigt die Zahl der für beide Geschlechter möglichen Vornamen stetig, mittlerweile hält sie „gut die Hälfte“ der jeweils 200 Namen umfassenden Listen für unisex-fähig.

„Mika“ etwa liegt aktuell auf Platz 43 der beliebtesten Jungennamen. In Japan und den USA ist „Mika“ aber ein Mädchenname. Anders herum geht es „Lisa“ – hierzulande Platz 48 der Mädchennamen, in Teilen Afrikas traditionell ein Jungenname. Andrea ist in Italien ein bekannter Jungen-, in Deutschland ein bekannter Mädchenname.

Und Mädchen- und Jungenname gleichzeitig in einem einzigen Kulturkreis? Das komme nur in kurzen Phasen vor, sagt die Sprachwissenschaftlerin Miriam Schmuck. Unter 2000 von ihr untersuchten Namen fand sie nur 18 zeitweise übliche Überschneidungen, darunter „Sascha“, „Jordan“, „Alexis“ und „Janne“. Ansonsten würden in jedem Kulturkreis die Namen irgendwann mit einem Geschlecht stärker assoziiert.

Schmuck, die an der Universität Mainz zu geschlechtsneutralen Vornamen forscht, sieht einen Grund für deren Erfolg: „Viele Eltern legen Wert auf individuelle Namen für ihre Kinder. Deshalb greifen sie auf andere Kulturkreise zurück oder suchen etwas Exotisches.“

Zudem stellten die Mainzer Forscher eine phonetische Annäherung von Mädchen- und Jungennamen fest. Während zwischen „Gertrude“ und „Harald“ lautsprachlich Welten lagen, kommen sich „Mia“ und „Mika“ schon näher. Zudem sieht Schmuck einen Trend zu weichen Klängen mit den Konsonanten L, M und J und zu zweisilbigen Namen. Die seien per se eher für beide Geschlechter verwendbar.

Aber nicht für alle intersexuellen oder auch transsexuellen Menschen spielen die Unisex-Namen eine große Rolle. „Viele, die sich später für ein anderes Geschlecht entscheiden, wählen dann einen sehr weiblichen oder eben sehr männlichen Namen, mit dem sie ihr neues Geschlecht unterstreichen“, sagt Gerda Janssen-Schmidchen von der Beratungsstelle für Intersexualität in Niedersachsen.

Für Eltern aber sei die erleichterte Vergabe geschlechtsneutraler Namen an intersexuelle Kinder oft eine Erleichterung, sagt Janssen-Schmidchen. Sie könnten dem Kind damit den Weg öffnen, sich selbst später für ein Geschlecht zu entscheiden – ohne den Namen ändern zu müssen.

Bloß: Binnen einer Woche nach der Geburt müssen Eltern entscheiden, ob sie für ihr Kind einen Geschlechtseintrag, eine Freilassung oder künftig die Zuerkennung „divers“ vornehmen. „Diese Zeitspanne ist viel zu kurz“, sagt Janssen-Schmidchen. „medizinische Untersuchungen bei Zweifel am Geschlecht sind in dieser Zeit nicht zu schaffen.“ Christina Denz

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Erstellt:
18. September 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. September 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. September 2018, 06:00 Uhr

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