Auto

Chip, Chip, woher?

Weil es an Halbleitern mangelt, stockt bei VW, Daimler und Audi die Produktion. Die Herstellung von Millionen Fahrzeugen ist gefährdet.

20.01.2021

Von THOMAS VEITINGER

Autos haben heute bis zu 100 Steuergeräte und benötigen dafür unzählige Computerchips. Foto: Audi

Ulm. Hat das wieder was mit Corona zu tun? Weil es derzeit nicht genug Computerchips auf dem Markt gibt, müssen mehr und mehr Auto-Hersteller ihre Produktion drosseln und Kurzarbeit anordnen. Von Audi über VW, Daimler bis hin zu Honda und Toyota ist ein Großteil der Automobil-Industrie betroffen. Auch Zulieferer wie Bosch und Conti haben Probleme. Audi schickt 10 000 Mitarbeiter in Ingolstadt und Neckarsulm in Kurzarbeit. Am VW-Stammwerk Wolfsburg und Bremen wird weniger produziert. Und Daimler hat am Werk Rastatt wegen fehlender Chips ebenfalls seinen Mitarbeitern eine dreiwöchige Auszeit verordnet. Wie kann das sein?

„Die Auto-Industrie ist seit Jahrzehnten auf Effizienz getrimmt. Alles, was vorgehalten wird, kostet Geld“, sagt LBBW-Autospezialist Gerhard Wolf. Das heißt: Wenn etwas nicht aktuell geliefert werden kann, kommt es beim Autobau schnell ins Stocken. Das war auch schon in der Vergangenheit etwa bei Sitzbezügen und Schlössern so. Eine große Lagerhaltung gibt es nicht mehr. Asiatische Produzenten haben im letzten Quartal des vergangenen Jahres zunehmend die hohe Nachfrage der Unterhaltungselektronik und IT nach PCs, Smartphones und Spielkonsolen und Medizintechnik befriedigt und sich von der volatilen Autobranche abgewandt. Zulieferer Continental berichtete bereits im November von knappen Elektronik-Bauteilen.

Weil gleichzeitig gegen Jahresende mehr Autos als erwartet verkauft wurden, spitzte sich die Lage zu. War etwa in China ein leichter Rückgang beim Produktionsvolumen erwartet worden, gab es mit 7,7 Millionen Fahrzeugen ein Plus von 7,6 Prozent. Heute werden etwa durch moderne Infotainmentsysteme und Sicherheitstechnik deutlich mehr Halbleiter verbaut als früher, besonders bei den boomenden E-Autos. „Die Auto-Hersteller haben aber weniger Chips geordert, weil sie nicht davon ausgehen konnten, dass der Absatz von E-Autos im neuen Jahr so stark weitergeht“, sagt Wolf.

Chip-Hersteller wiederum können nicht so schnell auf die rasch wachsende Nachfrage reagieren, „weil die Produktion solcher Bauteile Vorlaufzeiten zwischen drei und sechs Monaten haben“, sagt Vorstandschef Rolf Breidenbach des Zulieferers Hella. In einer Studie ist sogar ein Vorlauf von bis zu neun Monaten zu lesen. Dazu kommt, dass der Grundstoff Silizium zeitweise nicht beschafft werden kann. Möglicherweise besteht sogar ein Risiko für die weltweite Automobil-Produktion. Nach einer aktuellen LBBW-Studie könnten 2,2 Millionen Fahrzeuge weniger gebaut werden – ein Ausfall von 2,5 Prozent. Es dürfte eine Umschichtung von margenschwachen Fahrzeuge der Kompaktklasse hin zu Plug-in-Hybriden und E-Autos geben.

Insgesamt sollten die Auswirkungen auf die Ergebnis-Zahlen der Unternehmen aber „beherrschbar“ bleiben – wenn es durch die Pandemie nicht zusätzlich zu abgerissenen Lieferketten kommt, heißt es in der Studie. „Wir gehen davon aus, dass sich das Lieferproblem bei Halbleiter-Bauteilen für die Automobilindustrie ab Spätsommer weitgehend aufgelöst haben sollte“, schreibt Analyst Frank Biller. Mittlerweile loten der Verband der Deutschen Automobilindustrie und die Politik aus, wie sich die Lage entschärfen lässt.

Finanziell könnte sich der Chip-Mangel für die Autobauer weniger stark auswirken, weil sich Zulieferer wohl an den Kosten für Bandstillstände beteiligen müssen, sagt Wolf. Das Verhältnis der Auto-Zulieferer zu ihren Abnehmern ist traditionell durch eine große Abhängigkeit und harte Preisverhandlungen definiert. Wenn die Autobranche aber weniger für Halbleiter zahlen will, verkaufen die Chip-Hersteller ihre Produkte einfach an die Unterhaltungsindustrie.

Über 2 Millionen Autos könnten nicht gebaut werden

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Erstellt:
20. Januar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Januar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2021, 06:00 Uhr

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