Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Chinas "schwarze Kinder"
Mit Mao im Rücken: Die Chinesin Mei Qiuyu (l.) bittet öffentlich darum, dass ihre beiden Kinder (hier ihr Sohn Wang Zhongsheng) offiziell registriert werden. Foto: dpa
Was die Ein-Kind-Regel mit den Zweit- und Drittgeborenen gemacht hat

Chinas "schwarze Kinder"

Chinas restriktive Ein-Kind-Politik hat Millionen von Zweit- und Drittgeborenen zu Illegalen gemacht. Die Regierung hat die fragwürdige Regelung zwar kürzlich aufgehoben. Die Tragödien aber bleiben.

12.12.2015
  • FELIX LEE

Peking. In ihrer Kindheit musste sie sich ständig verstecken. Während ihre ältere Schwester zur Schule durfte und später zur Ausbildung in die Stadt geschickt wurde, musste sie zu Hause bleiben und ihrer Mutter auf dem Feld helfen. Bildung blieb der heute 27-jährigen Lin verwehrt, ebenso Arztbesuche. Auch mit der Eisenbahn durfte sie nie fahren. Denn für den Ticketkauf wird der Ausweis gebraucht. Den hat sie aber nicht. Denn sie gilt als illegal.

Die Ein-Kind-Regel gehört in China jetzt der Vergangenheit an. Nach fast 35 Jahren dieser höchst restriktiven Bevölkerungspolitik darf seit Anfang November jedes Ehepaar zwei Kinder auf die Welt bringen. Doch mit den Folgen der alten Regel, die Millionen Familien grausame Tragödien beschert und ihre Kinder ins Unglück getrieben hat, muss sich das Land auch künftig auseinandersetzen.

Zumindest eine der schlimmsten Folgen will die chinesische Führung mildern. Die Regierung hat angekündigt, dass sich alle unregistrierten Bürger anmelden dürfen. "Das Problem der unregistrierten Bürger soll umfassend gelöst werden", teilte eine Reformarbeitsgruppe unter Präsident Xi Jinping mit.

Bei den unregistrierten Bürgern handelt es sich zumeist um Zweit- oder Drittgeborene. Konnten ihre Eltern die hohe Strafe für ihren Frevel nicht zahlen, verweigerten die Behörden den Kindern die Registrierung. Sie galten als illegal und mussten versteckt werden. Auch als sie älter wurden, hatten sie weder das Recht auf kostenlose Bildung noch konnten sie zu einem Arzt gehen. Ein Bankkonto wurde ihnen ebenso verweigert wie ein Reisepass. Nicht einmal heiraten konnten sie, geschweige eine Ausbildung machen.

Weil diese "schwarzen Kinder" für arme Familien eine große Last darstellten, wurden viele verstoßen oder verkauft. "Viele dieser Kinder wuchsen als Waise oder Obdachlose auf", schreibt der in den USA lehrende Soziologe und Demographie-Experte Cai Yong. Offiziell betrifft das rund 13 Millionen Menschen.

Dieses Unrecht hat die chinesische Führung lange Zeit unter den Teppich gekehrt. Noch vor einigen Jahren sind diese Menschen nicht einmal als Schätzwerte in der offiziellen Statistik aufgetaucht. Entsprechend war es ein Tabu in China, über sie zu berichten. Dabei sind sie aus dem Stadtbild etwa von Peking oder Guangzhou gar nicht wegzudenken. Viele der Obdachlosen unter 35 sind "schwarze Kinder".

Allerdings finden sich auch Menschen, die es trotz dieser Umstände geschafft haben, sich ein wirtschaftlich stabiles Leben aufzubauen. In chinesischen Zeitungen wird in diesen Tagen berichtet, wie sie sich als Straßenhändler, Fabrikarbeiter oder Näherin eine Existenz aufbauen konnten.

Die Abschaffung von Chinas höchst umstrittenem Haushaltsregistrierungssystem "Huko" bedeutet der Schritt aber nicht. Die Bürger können nur dort Rechte und Sozialleistungen in Anspruch nehmen, wo sie registriert sind. Und das ist in der Regel in ihrem Heimatdorf auf dem Land. Damit wollte die chinesische Führung die unkontrollierte Landflucht und Slums in den Großstädten vermeiden.

Ein Großteil der Chinesen ist wegen der besseren Arbeitsmöglichkeiten trotzdem in die Städte gezogen. Und das sind viele: Rund 270 Millionen Menschen in Chinas Städten steht keine freie medizinische Versorgung zur Verfügung. Sie müssen ihre Kinder zu ihren Verwandten aufs Land zur Schule schicken.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.12.2015, 08:30 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Gästeführer (1): Manfred Bayer Ein Gedicht ist immer dabei
Renate Angstmann-Koch über Gästeführerinnen und -führer Tübingen-Liebhaber und Menschenfreunde
Konzert: Von Wegen Lisbeth Gefährder im Weinberg
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular