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45 Millionen Euro investiert

Chemie-Hochhaus auf der Morgenstelle offiziell übergeben

Alles neu, großzügig, modern, labor- und lüftungstechnisch auf dem aktuellen Stand: Im Chemie-Hochhaus auf der Morgenstelle wurde gestern das Ende der jahrelangenSanierung offiziell gefeiert.

23.11.2010

Von Ulrike Pfeil

Tübingen. Wie marode das 35 Jahre alte Gebäude A auf dem Naturwissenschafts-Campus vor seiner Erneuerung war, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Doch von verschiedenen Festrednern wurde dieser Zustand gestern noch einmal drastisch in Erinnerung gerufen: Der seinerzeitige Finanzminister Gerhard Strathaus wurde mit dem Vergleich zitiert, hier sehe es aus „wie in der russischen U-Boot-Flotte“. Uni-Bauamtsleiter Bernd Selbmann sprach von „chemisch zersetztem“ Mobiliar; was den Bauverantwortlichen jedoch mehr zu schaffen machte, waren fehlende Fluchtwege und ungenügende Luft-Abzüge. Selbst die Versorgung mit Gas, Wasser, Strom war nicht mehr sicher regelbar.

Weil aber auch funktionell einiges nicht stimmte, wurde nicht nur die Technik ausgetauscht, sondern auch die Raumaufteilung komplett neu durchdacht. Das Gebäude wurde bis auf sein Stahlbetonskelett auseinandergenommen. Nun unterscheidet es sich auch mit einer neuen, hellgrauen Fassade vom Morgenstellen-Ensemble. Und es trägt ein zusätzliches 14. Geschoss wie einen dunklen Koffer auf dem Dach: Darin ist die neue Klimatechnik untergebracht.

45 Millionen Euro investierte das Land in den Umbau, plus sieben Millionen für die Erstausstattung. Nach einer langen Planungsphase nahmen die eigentlichen Bauarbeiten drei Jahre in Anspruch, eine „vergleichsweise kurze Zeit“, betonte Selbmann.

Der Baubeauftragte zog in die Baracke

Dafür lobte er den Planungsstab aus seinem eigenen Haus und den Generalübernehmer Lindner aus Arnstorf; vor allem aber den Baubeauftragten der (früheren) Fakultät für Chemie und Pharmazie: Prof. Ulrich Nagel wurde schon vor zehn Jahren, als er „zufällig“ Dekan war, massiv mit den akuten Baumängeln konfrontiert. Von der damaligen Planung, sagte Nagel rückblickend, sei allerdings kaum etwas übrig geblieben. Er habe aber von den Bauleuten gelernt, dass die papierenen Organisationspläne gar nicht das Wichtigste seien: „Das muss alles im Kopf laufen.“

Der Umbau brachte Um- und Ausquartierungen mit sich; ein Jahr lang war das Hochhaus völlig unbenutzbar. Der benachbarte, sehr viel kleinere H-Bau bot als Ausweichquartier aber so wenig Platz, dass die studentischen Praktika umschichtig „in einer Art Bohrinselbetrieb“ konzentriert werden mussten. Einzelne Praktika wurden sogar ins Berghof-Institut nach Lustnau ausgelagert.

Nagel selbst schlug sein Quartier in einer schon zum Abriss vorgesehenen Uni-Baracke im Wald auf dem Steinenberg auf: So konnte er jeden, der sich über Unbequemlichkeiten beschwerte, leicht unterbieten. Anstatt zusätzliche Mitarbeiter für die Bauzeit einzustellen, stützte sich der Baubeauftragte lieber auf studentische Hilfskräfte – „die haben ihre Augen und Ohren überall“, zum Beispiel auch im Senat. Für seine Umsicht und sein reibungsarmes Wirken als Baubeauftragter wurde Nagel gestern von Uni-Prorektor Herbert Müther die Universitätsmedaille in Bronze verliehen, die höchste Kategorie für Angehörige der Universität.

Im erneuerten Gebäude sind nun alle chemischen Teilbereiche unter einem Dach, was die Kommunikation fördert. Die Werkstätten und manche Praktika bleiben im H-Bau, so dass im Hochhaus zusätzlich Platz gewonnen wurde. Mit Wärme-Rückgewinnung aus der Abluft und einer gedämmten Fassade wurde der CO2-Ausstoß um die Hälfte reduziert.

Offiziell wurde das Chemie-Gebäude gestern nicht an seine Nutzer übergeben, sondern vom Finanzministerium an das Wissenschaftsministerium. Die Vertreterin der Finanzbehörde, Gisela Meister-Scheufelen, lobte dabei die Zukunftsfähigkeit der einstigen Morgenstellen-Planung und die Reputation der Uni Tübingen. Sie erinnerte daran, dass in den letzten zehn Jahren 400 Millionen Euro in den Ausbau von Uni und Klinikum geflossen sind; davon 38 Millionen aus dem Konjunkturprogramm. Klaus Tappeser vom Wissenschaftsministerium äußerte die Vermutung, dass ein drei- bis vierjähriger Bachelor im Fach Chemie als Studienabschluss nicht ausreichend sei; man müsse hier den Master als Regel anpeilen.

Neuer Wissenschaftscampus: Die Morgenstelle bleibt noch für viele Jahre Baustelle

Drei Jahrzehnte nachdem die naturwissenschaftlichen Institute der Universität in ihre neue Wissenschaftsstadt auf der Morgenstelle zogen (1974), mussten mehrere Gebäude bereits umfänglich saniert werden: Wegen PCB-Belastung und Brandschutz-Problemen wurden die Institutsgebäude von Mathematik und Physik (C und D) grundlegend überholt.

Nach der Fertigstellung der Chemie wird als nächstes das Hörsaalzentrum erneuert.

Kräne und Bauzaun weisen aber derzeit vor allem auf die Campus-Erweiterung hin: Neubauten für das Zentrum für die Molekularbiologie der Pflanzen und ein Zentrum für die Geowissenschaften sind in Arbeit. Es wird die letzten noch im Talcampus verbliebenen Naturwissenschaftler auf den Berg holen. Zwischen diesen Neubauten und dem Bestand der Morgenstelle soll ein neuer Campus-Platz entstehen.

Erst wenn die Neubauten fertig sind, wird die Sanierung der Alt-Gebäude B (Pharmazie) und E (Biologie) in Angriff genommen.

Bei der Übergabe des Chemie-Gebäudes sahen sich die Gäste in den neuen Labors um. Hier zeigt der Baubeauftragte der Fakultät Prof. Ulrich Nagel (ganz rechts) ein Praktikumslabor. Die Studierenden üben gerade, die Polarisierbarkeit eines Lösemittel-Gemischs zu bestimmen. Der Abgesandte des Wissenschaftsministeriums Klaus Tappeser schaut ihnen dabei über die Schulter. Neben ihm (im grünen Jackett) seine Kollegin aus dem Finanzministerium, Ministerialdirektorin Gisela Meister-Scheufelen. Bild: Sommer

Chemie wird auch zur Herstellung von Farben benötigt. Daran erinnert die auffällige Farbgebung auf den Etagen (giftgrün) und im Treppenhaus (magentarot) des erneuerten Gebäudes. An trüben Tagen hellt sie auch die Stimmung auf. Bild: Sommer

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Erstellt:
23. November 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. November 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. November 2010, 12:00 Uhr

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