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Oxford College streitet über Statue des Staatsgründers Rhodesiens: Erinnerung an die Geschichte oder Verherrlichung des Kolonialismus?

Cecil Rhodes soll fallen

Ein Streit beschäftigt die Briten - weit über das Oriel-College in Oxford hinaus. Er geht darum, ob eine Statue des Imperialisten Cecil Rhodes auch in Zukunft über dem College-Portal stehen soll.

01.02.2016

Von PETER NONNENMACHER

Umstritten - als Mann und als Denkmal: Cecil Rhodes in Stein an der Fassade des Oriel-College. Foto: imago

An Cecil Rhodes scheiden sich die Geister auf der Insel. Ein Teil der Briten hält den Gründer Rhodesiens, die heutige Republik Simbabwe im Südosten Afrikas, für so verabscheuenswert, dass sie seine steinerne Präsenz hoch über dem Portal des Oxford-College nicht länger ertragen wollen. Die anderen sehen in ihm eine historische Figur und einen Wohltäter der Universität Oxford.

Der Mann, um den sich der Streit entwickelt, war ein Pastorensohn aus dem südenglischen Hertfordshire, der kurz in Oxfords Oriel-College studierte, bevor er in Südafrika mit Diamantengruben Geld machte und zum Vorkämpfer des britischen Kolonialismus in diesem Teil Afrikas wurde. Rhodes gründete nicht nur den Staat, der später Rhodesien genannt wurde, sondern legte auch die Fundamente der Apartheid in Afrikas Süden. Er glaubte an die Überlegenheit der angelsächsischen Rasse. Später, als reicher Mann, stiftete er ein Rhodes-Stipendium, das jungen Leuten aus den britischen Kolonien Studien in Oxford eröffnen sollte. Dankbar stellte sein altes College eine Statue von ihm auf. Um sie geht es nun. Manche Studenten, unter ihnen afrikanische Rhodes-Stipendiaten, wollen sie aus Protest gegen die "beharrliche Heldenverehrung" dieses "Rassisten" vom Sockel holen. An Rhodes kecker Pose macht sich ihr Unmut über den konservativen, ihrer Ansicht nach "rassistisch gefärbten", Uni-Betrieb in Oxford fest.

Für Brian Kwoda von der "Rhodes-Must-Fall"-Kampagne etwa war der Brite "verantwortlich für Landraub, Massaker an zehntausenden Schwarzafrikanern, ein Regime unglaublicher Ausbeutung in den Diamantengruben und die Entwicklung früher Apartheidsysteme" in Afrika. Die Statue, meint Kwoda, zeige den "blinden Fleck" der Briten beim Blick auf ihr vormaliges Empire.

Der Vorwurf hat in den vergangenen Wochen eine Flut wütender Reaktionen ausgelöst. "Fanatische Bilderstürmer" nennt der frühere Tory-Vorsitzende und Rhodes-Verehrer Sir Michael Howard die Aktivisten. Der Oxforder Emeritus R.W. Johnson verglich die Kampagne "mit dem, was Al-Kaida und IS so tun" - in ihrem Bereich. Überhaupt, argumentiert Johnson, seien viele historische Persönlichkeiten "noch viel schlimmer als Rhodes" gewesen. Auch Australiens konservativer Ex-Premier Tony Abbott, in jungen Jahren Rhodes-Stipendiat, findet, die Oriel-Studenten sollten lieber "stolz auf die Errungenschaften" Cecil Rhodes sein. Im Übrigen war Rhodes, im Urteil des Australiers, einfach "ein Mensch seiner Zeit".

Das sieht der "Guardian" etwas anders. In seinem Nachruf von 1902 stufte das liberale Blatt Rhodes als Mann ein, der "mehr als sonst ein Engländer seiner Epoche" das Empire "in Verruf gebracht" und "dessen Zukunft gefährdet" hatte. Angesichts der seinerzeit schon existierenden Kritik an Rhodes, meint die Zeitung heute, hätten Oriel und Oxford sich damals ja keineswegs für die Schenkung entscheiden müssen - und auch nicht dafür, ihm ein Denkmal zu setzen.

Die alte Stimme des Establishments, die Times, findet indes fast täglich Platz, um den "viktorianischen Tycoon" in Schutz zu nehmen und dessen "fanatische Kritiker" zu geißeln. Unter anderem hat die Times einen Brief des letzten weißen Präsidenten im Apartheid-Staat Südafrika, Frederik Willem de Klerk, veröffentlicht, der die Kampagne als "verrückt" bezeichnete. Wie viele Statuen, fragte de Klerk, könne man in Großbritannien mit gutem Gewissen auf ihren Sockeln stehen lassen, wenn man überall derart moralische Messlatten anlege?

Immerhin hatte selbst Nelson Mandela mal bei einem Besuch in London erklärt, er sehe keinen Grund, eine in Westminster Abbey aufgestellte Rhodes-Statue zu entfernen: "Nur so können wir etwas lernen, wenn wir die Fehler der Vergangenheit in Erinnerung behalten." Auch die US-Feministin Naomi Wolf, ebenfalls ehemalige Rhodes-Stipendiatin, äußerte sich missbilligend über das ihr unerfindliche Bedürfnis einer neuen Generation von Studenten, auf der Geschichte "herumzutrampeln".

Über eine andere Form kollektiver Trampelei hat derweil einer der Anti-Rhodes-Aktivisten Grund zu klagen. Ntokozo Qwabe, der es wagte, Oxfords "eurozentrische Lehrpläne" und "ungerecht denkende" Eliten zu attackieren, sieht sich in sozialen Medien auf übelste Weise beschimpft und mit rassistischen Beleidigungen überzogen. Auch Schläge haben ihm Unbekannte angedroht.

Ob Rhodes nun "in Erinnerung" behalten werden soll: Darüber will das Oriel-College bis zum Sommer entscheiden. Von Februar an findet eine sechsmonatige "Anhörungsperiode" statt. Eine diplomatische Lösung für den Fall der Fälle hat sich der immer auf Kompromisss bedachte "Guardian" ausgedacht: Die Statue könne ja in ein geeignetes Museum übersiedeln.

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Erstellt:
1. Februar 2016, 08:30 Uhr
Aktualisiert:
1. Februar 2016, 08:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Februar 2016, 08:30 Uhr

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