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Ötzi, der kranke Mann aus dem Eis

Carsten Pusch fand Borreliose und erbliche Arteriosklerose

Wer waren Tutanchamuns Eltern? Woher kamen die Pharaonen? An welchen Gebrechen litten die Medicis? Der Tübinger Humangenetiker Carsten Pusch kennt die Antworten. Erst manche sind bereits veröffentlicht. Jetzt hat er mit Kollegen herausgefunden, wie krank jener Mann war, der vor 21 Jahren im Eis der Ötztaler Alpen entdeckt wurde, wo er vor 5000 Jahren starb.

29.02.2012

Von Uschi Hahn

Tübingen. Wäre Ötzi auf seinem Weg über die Alpen vor 5000 Jahren nicht an einer Pfeilspitze in der Schulter gestorben, hätte ihn wohl der plötzliche Herztod dahingerafft. Das ist zumindest die Diagnose von Carsten Pusch. „Ötzi war ein typischer Herzinfarktkandidat“, sagt der 45-jährige Privatdozent am Institut für molekulare Genetik der Tübinger Uni über den Mann, der als Gletschermumie bekannt wurde.

Eineinhalb Jahre haben Pusch und die drei Doktoranden aus seiner Tübinger Arbeitsgruppe sowie Kollegen aus Bozen und dem Saarland gebraucht, um das komplette Erbgut von Ötzi auszuwerten. Insgesamt drei Milliarden Gensequenzen, gewonnen durch nur eine einzige Probe aus dem Beckenknochen der ältesten Gletschermumie der Welt, mussten sortiert und untersucht werden.

Das Ergebnis löst so manches Rätsel, das der Mann aus dem Eis den Forschern zunächst aufgegeben hatte. Schon auf Röntgenbildern nämlich war zu sehen gewesen, dass der schlanke und durchtrainierte Mittvierziger völlig verkalkte Herzkranzgefäße hatte. Auch die großen Arterien in der Leiste waren ziemlich dicht. Die Genomanalyse ergab nun, dass es nicht an einem ungesunden Lifestyle lag. Vielmehr hatte der Berggänger eine „Erblast für eine koronare Herzkrankheit“, wie Pusch sagt. Und eben für Arterienverkalkung, also Arteriosklerose.

Zudem war Ötzi auch mit Borreliose infiziert. Allein diese Erkenntnis ist ziemlich aufregend. Denn mit dem Nachweis der durch Zeckenbisse übertragenen Borrelien in der Gletschermumie gelang Pusch und seinem Team der älteste Nachweis dieser Krankheit überhaupt.

Die DNA-Spuren des tückischen Erregers fanden sich „systemisch am Knochen“, so Pusch. Das heißt, Ötzi muss sich schon lange vor seinem Tod infiziert und ziemlich unter der noch heute gefürchteten Krankheit gelitten haben. Auch das könnte zu den bei der Eismumie beobachteten Gefäßwandschäden geführt haben, vermutet Pusch.

Der Humangenetiker, der sich in Tübingen habilitiert hat, machte mit seinen Forschungsergebnissen bereits 2010 Furore, als er maßgeblich an der Entschlüsselung des Erbgutes von Tutanchamun beteiligt war. Der jung gestorbene Star-Pharao war ähnlich wie Ötzi von Erb- und anderen Krankheiten geplagt – was wohl auch am inzestuösen Verhältnis seines Vaters Echnaton mit der eigenen Schwester lag.

Schon damals berichtete Pusch von weiteren Forschungsprojekten an ägyptischen Mumien. Manches davon liegt derzeit – auch wegen der Ägyptischen Revolution – auf Eis, zum Beispiel die Nachforschungen über die so berühmte wie schöne Pharaonen-Gattin Nofretete. Andere Projekte muss Pusch derzeit aus der Ferne begleiten. Und bleibt dank Internet doch ziemlich nah dran: „Wir sind auf Skype angewiesen“, berichtet er von Live-Konferenzen vor der Computerkamera.

Zwei wichtige Projekte stehen kurz vor dem Abschluss. Die Ergebnisse zur Erforschung der Ramses-Dynastie „werden demnächst veröffentlicht“, hofft Pusch. Er will da nicht vorgreifen, aber so viel kann er schon verraten: Die Anatomie, das Erscheinungsbild und die Genetik der Mumien weisen auf einen wahren Abgrund an „politischen Ränkespielen und Mord hin“. Manches davon vermutete man bereits, weil es sich mit Textfragmenten auf gefundenen Papyrusrollen deckt. Doch niemand konnte ahnen, dass die Überlieferung der Wahrheit so nahe kommt. So freut sich Pusch, dass „jetzt ein offenes Kapitel der Geschichte zu Ende geschrieben werden kann“.

Ein anderes Projekt ist die Erforschung des Ursprungs der Pharaonen. Woher kamen sie? Gibt es noch Nachfahren der Herrscher am Nil. Und wenn, wo leben sie heute? Das sind Fragen, deren Beantwortung im heutigen Ägypten politische Auswirkungen haben könnten. Auch deshalb liegt die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse derzeit auf Eis. Und Pusch, der sich, wie er sagt, „das Vertrauen der Leute dort erarbeitet“ hat, hüllt sich in Schweigen, solange nicht das Ok aus Ägypten kommt.

Weniger brisant aber historisch auch nicht uninteressant ist die Sache mit den Medicis. Aus Flozenz stammend, war die Familie eine der einflussreichsten Dynastien des 15. und 16. Jahrhunderts. Im Jahr 2004 begannen italienische Wissenschaftler die Gräber von fast 50 Mitgliedern des Clans zu öffnen, die Skelette zu untersuchen und die Ergebnisse mit den überlieferten ausführlichen Krankenakten zu vergleichen.

Auch dabei ist Carsten Puschs genetischer Sachverstand gefragt. Während die Ärzte der Renaissance nur die Symptome beschreiben konnten, erwiesen sich im Tübinger Labor die Ursachen für die „miese Gesundheit“, die Pusch den Medici attestiert. Neben dem humanen Genmaterial fanden sich Spuren von allerhand Krankheitskeimen. „Die haben sich viele Infektionen eingefangen.“ Welche genau? Wieder lächelt Carsten Pusch wissend und verweist darauf, dass vor der Veröffentlichung noch Gutachten ausstehen. Es hält sich eben ans wissenschaftliche Fair Play.

Die vielleicht größte Sensation aber könnten Funde im Leinetal bei Hannover bringen. Pusch und sein Team nehmen an, dass dort geborgene menschenähnliche Knochen mindestens 750 000 Jahre alt und damit der bisher nur in Afrika gefundenen Art Homo erectus zuzurechnen sind. Wenn das stimmt, wäre das Leinetal die „zweite Wiege der Menschheit“. Die ältesten menschenähnlichen Fossilien die bisher in Europa gefunden wurden, stammen vom Homo heidelbergensis und sind maximal 600 000 bis 200 000 Jahre alt.

Das alles hört sich unheimlich spannend an, was auch an der Begeisterung liegt, mit der Carsten Pusch erzählt. Und doch liegt über allem auch ein bisschen Wehmut. Denn wie lange er diese Arbeit noch machen kann, ist ungewiss. Sein Chef, Prof. Nikolaus Blien, geht Ende März in den Ruhestand, der Lehrstuhl wird nicht wieder besetzt, die Abteilung für molekulare Genetik aufgelöst. Carsten Puschs Arbeitsvertrag läuft im November 2013 aus. Etwas Neues hat er bisher nicht in Aussicht.

Seine Projekte bringen zwar wissenschaftliches Renommee und mögen für die Geschichtsschreibung auch interessant sein. Finanziell aber sind sie nicht einträglich. „Ötzi hat keinen Krankenschein, der bringt kein Geld“, macht Pusch klar. „Diese Forschung ist eben skurril“, sagt er dann noch und lächelt etwas traurig.

Ötzi in der Petrischale: Was der Erbgutspezialist Carsten Pusch hier in der Hand hält, sind Schnipsel von kopierter DNA. Das Original dazu stammt aus einem Fitzelchen Knochen, das der 5000 Jahre alten Gletschermumie entnommen wurde. Bild: Faden

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Erstellt:
29. Februar 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Februar 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Februar 2012, 12:00 Uhr

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