Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sieben Katzen, ein Löwe

Cäsar war zum ersten Mal da

Seit einigen Jahren komplettiert ein Löwe die Varieté-Show von Eva Chris und Jaroslaw Kellner. Während ihre dressierten Stubentiger schon ganze Winter in Mössingen zugebracht haben, war es für Cäsar das erste Mal.

27.03.2012
  • Susanne Mutschler

Mössingen. „Meine Frau wollte heim“, erklärt Jaroslaw Kellner, von Beruf Trapezkünstler und Magier, warum jetzt seine kleine Truppe für ein paar Tage am Ortsrand von Mössingen kampierte. Bis Ende Februar hatten sie in der Nähe von Paris ein Engagement nach dem anderen gehabt. Bevor es am Sonntag mit dem Moskauer Staatszirkus wieder auf Tour durch die ganze Bundesrepublik ging, zog es Eva Puszkarew zu einem Abstecher ins Steinlachtal.

„Ich bin hier zu Hause“, sagt sie. Am Firstwald-Gymnasium hatte sie 1987 Abitur gemacht und dann in Tübingen angefangen, Theologie, Sport und Spanisch zu studieren. Als sie 1993 in Gomaringen Kontakt zu einem durchreisenden Zirkus bekam, war sie von diesem Augenblick an für jede bürgerliche Karriere verloren. Schon ein halbes Jahr später trat sie unter dem Künstlernamen „Eva Chris“ mit der Trapeztruppe „Chipperfield“ auf und ist seitdem ständig in der halben Welt unterwegs.

„Allein in Spanien waren wir zehn Jahre“, rechnet sie zusammen. Dort lernte sie ihren Mann Jaroslaw Kellner und den kleinen Boris kennen. Kellner ist ein Spross aus einer sehr alten, sehr großen und über ganz Europa verteilten Prager Artistenfamilie, deren Mitglieder sich seit Kaiser Rudolf II. ihr Brot mit Zirkus- und Varietéauftritten verdienen.

Boris ist eine Perserkatze, inzwischen 16 Jahre alt und ein wenig kapriziös geworden, aber immer noch der Star in Eva Chris Katzendressur. Er war der erste, der sich von ihr dazu bringen ließ, kaltblütig durch einen Feuerreifen zu springen, eine steile Pyramide hochzulaufen oder sich aus großer Höhe auf ein Samtkissen plumpsen zu lassen, das sie für ihn bereithält. Inzwischen beherrschen das auch einige ihrer anderen Katzen. Neugierig maunzend schauen sie aus dem Anhänger heraus, mit dem sie von einem Auftrittsort zum nächsten kutschiert werden.

„Die Katzen-Show ist meine Altersvorsorge“, sagt Chris. Schließlich könne sie nicht ihr ganzes Leben lang Artistik am Trapez machen. Zusammen mit Jaroslaw Kellner entwickelte sie die „Kelly-Revue“, eine Mischung aus Jonglage, Zaubertricks, Slapstick und Katzennummern. Hauskatzen seien zwar eigenwillig und leicht ablenkbar, aber nach zehn Jahren Dressurarbeit könne sie sich auf ihre Tiere verlassen. „Ich weiß jetzt, dass die arbeiten“, sagt Chris. In ihrem Team „muss jeder etwas tun“. Sogar Rambo, die weiße Ente, die Kellner bei seiner spanischen Zirkus-Verwandtschaft vor der sicheren Bratröhre rettete, hat eine Rolle in seiner Zaubervorstellung.

Nur Garfield, ein flauschiger Perser, führt ein bequemes Leben. Er soll mit Sissi, die früher Jaroslaws Tante in Wien gehörte, für Nachwuchs sorgen. „Aber er hat so einen gemütlichen Charakter“, seufzt Chris.

Der Löwe Cäsar, der Mössingens Stadtrandlage offensichtlich nicht besonders inspirierend fand und sich faul in seinem Gehege räkelte, kam 2005 in Prag zur Welt. Der Direktor des Zooparks – man ahnt es schon – ist ein Onkel von Kellner. Weil die Löwenmutter ihr Junges nicht mochte, zog Kellner den kleinen Cäsar im Wohnwagen auf und verlor dabei sein Herz an den Riesenkater. „Er hat alles kaputt gemacht, die Sitze, die Vorhänge und die Teppiche“, erzählt er begeistert.

Einen der beiden Lastwagen, mit denen Eva Chris und Jaroslaw Kellner unterwegs sind, reklamiert der Löwe inzwischen komplett für sich allein. Seinen Mundvorrat führt die Truppe in einer 120-Liter-Tiefkühltruhe mit. Vier Kilo Rindfleisch sind seine Tagesration.

Eva Chris trainierte den kleinen Löwen genauso wie ihre Katzen. Cäsar lernte brav, wie man von einem Hocker zum nächsten springt. „Raubtiere im Zirkus sind ruhig“, erklärt Kellner. Da sie gut gefüttert werden, lohne sich für sie das Kämpfen nicht. Außerdem ist Cäsar ein sanfter Kastrat, was auch sein mähnenloses Aussehen erklärt. Trotzdem beendete das Artistenpaar seine Auftritte in der gitterlosen Manege, als das Tier eineinhalb Jahre alt war.

Seither hat der Löwe andere Aufgaben. In Jaroslaws Zaubershows hört er auf den Namen „Simba“ und lässt sich aus dem Nichts herbei zaubern. Bei seinem Erscheinen sitzt er sicher verwahrt in einer vergitterten Kiste. „Schon wenn er die Musik hört, freut er sich“, beobachtet Chris. „Und wenn er mal nicht mitmachen darf, ist er sauer.“

Im Auftrag des Vereins „Wunschinsel“ erfüllte Cäsar den sehnlichsten Traum eines schwerkranken Mädchens, das unbedingt einmal in seinem Leben einen Löwen streicheln wollte. Kellner blieb mit Cäsar gleich eine ganze Woche in der Gemeinde am Bodensee, damit das Kind immer wieder zu „seinem“ Löwen kommen konnte.

2009 wurde Cäsar von einem Wuppertaler Festplatz gestohlen. Jugendliche hatten den Lastwagen geknackt, ohne auch nur zu ahnen, dass hinter ihnen im gut verschlossenen Gehäuse friedlich ein Löwe schlief. Weil sie eine Kurve nicht kriegten, ließen sie das Fahrzeug stehen. Auch der Abschleppdienst merkte nichts von dem stillen Passagier. Anderntags allerdings machte die Nachricht vom geklauten Löwen und den verblüfften Polizeibeamten dicke Schlagzeilen. Den Bericht in der Wuppertaler Rundschau darüber hat Eva Chris aufbewahrt.

Info Für den kommenden Winter sucht die Dompteurin dringend nach einer Scheune im Steinlachtal, in der Cäsar samt Lastwagen unterkommen könnte.

Cäsar war zum ersten Mal da
Eine Löwe in Mössingen: Jaroslaw Kellner mit dem siebenjährigen Cäsar. Bild: Franke

Cäsar war zum ersten Mal da
„Ich bin hier zu Hause“: Eva Puszkarew mit Katze.Bild: Franke

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

27.03.2012, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular