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Feiern zum 25-jährigen Bestehen der Deutschen Einheit: Es hätte auch anders kommen können

CDU-Politiker Claus-Peter Grotz über einen historischen „Glücksfall“

25 Jahre Deutsche Einheit feierte der Kreisverband der CDU am Samstag in der Alten Aula. Die Redner zeichneten das Bild einer erfolgreichen Vereinigung, vereinzelt waren aber auch kritische Töne zu vernehmen.

05.10.2015
  • Philipp Koebnik

Tübingen. „Für uns ist es Lebensgeschichte, für unsere jungen Freunde ist es Geschichte“, begann Klaus Tappeser, Kreisvorsitzender der CDU, seine Begrüßungsrede. Rund 60 Besucher/innen waren am Samstag in die Alte Aula gekommen. Der CDU-Kreisverband Tübingen und der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) hatten dazu eingeladen, das 25-jährige Jubiläum der Deutschen Wiedervereinigung zu feiern.

„Die Einheit war immer das Ziel der CDU. Wir haben daran geglaubt, auch als andere es schon aufgegeben hatten“, betonte Tappeser. Und er ergänzte: „Es wird oft vergessen, dass die Menschen im Osten uns die Einheit gebracht haben – diesen Menschen gebührt eigentlich unser Dank.“ Die Ostdeutschen mussten quasi über Nacht ihre Lebensentwürfe ändern, so Tappeser, „und auf Westniveau kommen“. Das sei nicht immer einfach gewesen: „Psychologen wissen, wie lange eine Verhaltenstherapie dauert.“

Die Tübinger CDU-Bundestagsabgeordnete Annette Widmann-Mauz erinnerte daran, dass zahlreiche DDR-Bürger vor dem 9. November 1989, als die SED die deutsch-deutsche Grenze öffnete, ihr Land verlassen hatten. „Sie gaben ihre gesamte Existenz auf und verließen ihre Familie für eine ungewisse Zukunft im Westen.“

Widmann-Mauz spannte den Bogen zur aktuellen Fluchtbewegung: „Die Ostdeutschen kamen nicht aus einem Kriegsgebiet oder einem zerbombten Land. Doch trieb sie nicht nur Wohlstandserwartung, sondern auch der Drang nach Gedankens- und Entscheidungsfreiheit.“ Die CDU stehe für Eigenverantwortung, aber auch für Mitmenschlichkeit. „Als christliche Demokraten und als Bundesbürger dürfen wir heute nicht sagen: Flüchtlinge gehen uns nichts an.“ Sofern Schutzsuchende „unsere Werte“ akzeptierten, sollten sie sich hier etwas aufbauen können.

Dann ergriff Prof. Claus-Peter Grotz das Wort. Er war im Jahr 1990 Bundestagskandidat der Tübinger CDU gewesen. Grotz machte deutlich, dass man sich dem 3. Oktober auf unterschiedliche Weise nähern könne: Da gebe es erstens den nüchternen Blick zurück auf die Ereignisse zwischen dem Herbst 1989 und der Wiedervereinigung. Schon vor 1989 hätten die Menschen in Osteuropa für Demokratie gekämpft. „Die Charta 77 und die polnische Gewerkschaft Solidarnosc waren die Wurzeln dieser Freiheitsbewegung.“ Dann gab es die großen Proteste in der DDR, so in Leipzig, wo im Oktober 1989 rund 70 000 Menschen gegen die Politik der SED demonstrierten.

Es seien die DDR-Bürger gewesen, die zur Einheit drängten: „Schnell wurde aus dem Ruf ‚Wir sind das Volk‘ die Parole ‚Wir sind ein Volk‘“, sagte Grotz. Bundeskanzler Helmut Kohl habe sich in dieser Zeit vorsichtig geäußert und erfolgreich um das Vertrauen der anderen europäischen Länder und der Sowjetunion geworben. „Seine Umsicht, gepaart mit Zielstrebigkeit, machte die Einheit möglich.“

Daneben stellte Grotz die historische Fiktion: Was wäre, wenn die beiden deutschen Staaten sich nicht vereinigt hätten? „Viele warnten seinerzeit vor einer schnellen Vereinigung – und manche wollten die Einheit gar nicht.“ Jeder könne sich selbst ausmalen, wie schwierig eine Vereinigung geworden wäre, hätte man später mit Wladimir Putin darüber verhandeln müssen. „Die Gelegenheit bestand nur kurz und es war Kohls Verdienst, das erkannt zu haben.“

Drittens gebe es die persönliche, emotionale Erinnerung an die damaligen Entwicklungen. Grotz machte im März 1990 Wahlkampf für die Ost-CDU in Leipzig. „Unsere Infotische wurden förmlich überrannt, die Ostdeutschen waren sehr an der Demokratie interessiert.“ Überall habe Aufbruchstimmung geherrscht: „Es war der Wahnsinn.“

Manche Wessis witterten das große Geschäft

Alle drei Zugänge führten zu einem Schluss: „Die Einheit in Frieden und Freiheit, für die die CDU immer gekämpft hatte, war ein Glücksfall für alle Deutschen“, so Grotz, der an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen Politikwissenschaft lehrt.

Nachdenklich äußerte sich in der anschließenden Diskussion die CDU-Politikerin Elke Picker, die in der Wendezeit im Osten unterwegs war. „Ich habe miterlebt, wie Immobilienhaie aus dem Westen versuchten, die Leute übers Ohr zu hauen.“ Die Westdeutschen hätten sich nicht immer optimal verhalten, es habe viele Verletzungen auf ostdeutscher Seite gegeben.

Auf TAGBLATT-Nachfrage sagte Grotz, im Einigungsprozess seien kaum Fehler gemacht worden. Hatte die Politik der Treuhand nicht zu einer Deindustrialisierung ganzer Regionen geführt? „Es war eine Abstimmung am Kaufregal“, so Grotz. Allerdings: „Beim nächsten Mal wüssten wir vieles besser.“

CDU-Politiker Claus-Peter Grotz über einen historischen „Glücksfall“
„Die Einheit ist ein Glücksfall für alle Deutschen“: Claus-Peter Grotz bei seiner Rede vor Mitgliedern des CDU-Kreisverbands am Samstag.Bild: Rippmann

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05.10.2015, 12:00 Uhr
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