Shitstürmchen

CDU: 28 Hassmails wegen Moschee-Besuch

Auf die Leser der rechtslastigen Internet-Plattform „Politically Incorrect“ ist Verlass: Am Gründonnerstag um 16.48 Uhr stellten die „PI-News“ einen TAGBLATT-Artikel - ohne Erlaubnis des TAGBLATT-Verlags - über die Rottenburger CDU ins Netz – und gerade mal sechs Minuten später erschien der erste Kommentar von PI-Leser „Auge.um.Auge“: „Man weiß ja bald nicht mehr, in welchem Land man lebt."

22.04.2014

Bis zum Abend folgten fast 70 weitere Kommentare. Die meisten mit persönlichen Beschimpfungen – und manche gar mit Gewaltfantasien – gegen den jungen Rottenburger CDU-Stadtrat Ferdinand Truffner im Besonderen und gegen Muslime und Einwanderer im Allgemeinen. Die Einzelheiten wollen wir unseren Lesern ersparen.

Es ging um den geplanten Wahlkampf-Besuch der Rottenburger Christdemokraten in der hiesigen Moschee. Truffner und sein Parteifreund Ümit Arslan hatten den Besuch zunächst für Karfreitag terminiert, nach innerparteilicher Kritik aber auf den 9. Mai verschoben.

Für die „PI-News“ ist der angekündigte Besuch ein Zeichen dafür, „dass das C im Namen der CDU nicht mehr für ,christlich? steht, sondern wohl zutreffender den islamischen Halbmond darstellt“. Der anonyme PI-Autor bezeichnete die Rottenburger Christdemokraten als „Taufschein-Christen“, die sich bei „musliminischen Herrenmenschen“ anbiedern wollen – und verknüpfte das Ganze mit Ferdinand Truffners persönlicher E-Mail-Adresse.

Und dann ging?s los. 28 Nachrichten landeten in Truffners Mailbox – die meisten ähnlich unflätig. „Das waren keine Rottenburger. Ich kenne niemanden davon“, sagte der 24-Jährige auf Nachfrage über die Absender. „Ich habe auch nicht darauf geantwortet.“

Der vermeintliche „Milchbubi“ reagierte geradezu staatsmännisch. Der kleine Mail-Shitstorm sei „nicht schlimm“, sagte der junge CDU-Kandidat. Er habe in den vergangenen Tagen „viel Lebenserfahrung“ gewonnen.

Karl Schneiderhan, der CDU-Senior im Rottenburger Gemeinderat, nahm seinen Fraktionskollegen in Schutz: „Die Jungen dürfen auch mal einen Vorstoß machen.“ Truffner habe „schon viele gute Ideen gehabt“, “, lobte Schneiderhan am Telefon. Auch der Moschee-Besuch gehöre dazu – abgesehen vom zunächst geplanten Termin. „Jetzt ist es halt mal daneben gegangen. Darüber kann man reden.“

Schon am Gründonnerstag hatte der Rottenburger CDU-Stadtverband den TAGBLATT-Artikel auf seiner Facebook-Seite gepostet – ebenso wie Truffner selbst. Verbunden mit einer Entschuldigung: „Dass das Thema so Zunder hat, war uns leider nicht bewusst.“

Aus Rottenburg selbst erhielt Truffner nach eigenem Bekunden am Wochenende keine weiteren negativen Kommentare. Mit einer Ausnahme. Nicht per Internet, sondern ganz altmodisch: Spät in der Nacht klingelte sein Telefon in Bieringen. Ein Ortsgespräch. Der 24-Jährige nahm auch diese Beschimpfung gelassen: „Wahrscheinlich ein Betrunkener.“

Michael Hahn

Zum Artikel

Erstellt:
22. April 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. April 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. April 2014, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App