Politik

Bye-bye, gerne auch mit Pathos

Donald Trump muss abtreten – jetzt könnte man mit einer wirklich patriotischen amerikanischen Musik feiern, mit Aaron Coplands 3. Sinfonie.

20.01.2021

Von JÜRGEN KANOLD

Illustration: ©doddis77/Shutterstock.com Foto: Illustration: ©doddis77/Shutterstock.com

Washington. Die patriotischen Amerikaner: Ihre Nationalhymne „The Star-Spangled Banner“ singen sie an diesem 20. Januar. Und gewiss auch „My Country, 'Tis of Thee“, die uralte Ode an die Freiheit – Aretha Franklin tat das 2009 vor dem Kapitol in Washington bei der Amtseinführung von Barack Obama: Jetzt macht das wieder Sinn, wenn der Demokrat Joe Biden an diesem Mittwoch übernimmt.

Endlich ist es vorbei: vier Jahre Donald Trump im Weißen Haus. Er war die Karikatur von einem US-Präsidenten, aber leider echt. Die Cartoonisten haben sich an dieser orangenen Locke abgearbeitet, aber jetzt will man das alles nicht mehr sehen. „Make America Great Again“, war Trumps Schlachtruf. Das gilt nach ihm erst recht.

Für die Kultur war der unkultivierteste US-Präsident ever, der auch keine Bücher, sondern offenbar nur im Twitter-Format liest, eine enorme Herausforderung. Abgesehen davon, dass er die „linken“ Intellektuellen mit Hass überzog oder diese sowieso nicht wahrgenommen wurden. Immer galt: Die Fiktion im Fernsehen oder im Kino hatte – von der Seifenoper bis zum Thriller – kaum eine Chance gegen Trumps politische Reality-Show. Und noch diese Bilder seiner Anhänger beim Sturm auf das Kapitol, der in den Büros der Senatoren herumfläzende Mob – da kann jede Kunstaktion über Massenwahn, jede provokante Satire über Volksidiotie einpacken.

Illustration: © creatifolio/Shutterstock.com Foto: Illustration: © creatifolio/Shutterstock.com

Feiern wir nun also mit Musik. Was tatsächlich in Washington ablaufen wird, ist angesichts der Höchstsicherheitsstufe relativ geheim. Was passte zum Finale? Neil Young freut sich zum Beispiel, dass sein Hit „Rockin‘ In The Free World“ nicht mehr im Trump-Wahlkampf missbraucht wird. Aber da wäre jetzt nach aller Trump-Trivialität etwas Klassisches zu nennen: Aaron Coplands 3. Sinfonie – es ist die „amerikanische Sinfonie“ schlechthin. Dieses Werk ist ein musikalisches US-Monument der Moderne, aus der Mitte des 20. Jahrhunderts (in Deutschland leider eher unbekannt).

Copland (1900-1990) war ein Sohn jüdischer Einwanderer aus Litauen, denen in New York, in Brooklyn, ein Warenhaus gehörte. Seine Eltern waren wohlhabend, er durfte nach Paris und Musik studieren, er bewunderte Igor Strawinsky, er komponierte avantgardistisch, war vom Jazz inspiriert und bald bekannt. Aber in den 1930er Jahren setzte Copland sich ein neues Ziel: mit seinen Werken auch den „common man“ anzusprechen, die einfachen Leute, ohne deshalb banal zu werden. Er verkomponierte populär die amerikanische Landschaft, die Folklore, die Historie: von „Appalachian Spring“ bis zu Ballettmusiken wie „Billy The Kid“ und „Rodeo“. Für seine Filmmusik erhielt er auch einen Oscar. Zudem hatte Copland großen Einfluss auf Generationen von US-Komponisten, zu seinen Freunden und Schülern zählte Leonard Bernstein.

Donald Trump war nur eine Karikatur von einem US-Präsidenten, aber leider echt. Ein aufgeblasener Kopf, nicht viel mehr dran als eine Krawatte: Die Street-Art in Bushwick (Brooklyn, New York) zeigt die wahre Größe des US-Präsidenten. Foto: Jürgen Kanold

Es war dann auch Bernstein, der 1946 in Boston die 3. Sinfonie uraufführte. Ein „einfaches Stück“ sollte es sein, für jedermann. Copland hatte sie 1944 begonnen, im Zweiten Weltkrieg, getragen aber auch vom patriotischen Geist des New Deal. Im letzten Satz, rhythmisch mitreißend, aber auch ziemlich schwer zu spielen, zitiert der Komponist seine „Fanfare For A Common Man“: eine euphorisch hymnische, so pathosvoll zukunftsfrohe wie tief anrührende Musik; aufgerissen und gefeiert von den Blechbläsern, von der Pauke ins Bewusstsein getrommelt.

Euphorische Klänge

Zur 3. Sinfonie gehören musikalische Landschaftsmalerei und Großstadtwirbel, sie handelt von einem liberalen, hoffnungsvollen Amerika – und dann folgt eben dieses Finale wie aus einem Hollywood-Epos, das eine bessere Welt beschwört. Eine Musik, die aufrüttelt, euphorisiert. Also wenn schon US-Pathos, dann mit Aaron Copland.

Bye-bye,
gerne auch mit Pathos

Illustration: © Samrit Pholjan/Shutterstock.com Foto: Illustrationen: © Samrit Pholjan, creatifolio, doddis77, egorkeon /Shutterstock.com

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Erstellt:
20. Januar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Januar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2021, 06:00 Uhr

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