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Ewig unveränderlich

Burschenschaften als Relikte des Kaiserreichs

Als Geschichtsstudent und scharfer Verbindungskritiker weiß Lucius Teidelbaum (Name geändert), was Verbindungen so attraktiv und gleichzeitig gefährlich macht.

27.07.2010

„Burschenschaften“ und „Verbindungen“ sind keine Synonyme. Worin liegt der Unterschied?

Burschenschaften sind lediglich eine Teilmenge aus dem großen Topf der Studentenverbindungen. Vielleicht zehn bis 15 Prozent der Verbindungen in Deutschland gehören den Burschenschaften an, und davon wiederum gehören die meisten zum Dachverband „Deutsche Burschenschaft“. Besonders diese begreifen sich im Allgemeinen eher als politisch und sehen sich von der Geschichte her sogar in revolutionärer Tradition.

Politische Aktivitäten und ein revolutionärer Selbstanspruch sind nichts Ungewöhnliches, warum stehen Burschenschaften dennoch unter permanenter Kritik?

Wohl die meisten Studentenverbindungen sind den Wertevorstellungen aus ihrer Gründungszeit bis heute mehr oder weniger treu geblieben. Mit dem Wertecodex von vor 150 Jahren versuchen sie, ihre Mitglieder sozusagen zum zweiten Mal zu erziehen, was mit ziemlich rigiden Methoden geschieht, die man nicht unterschätzen sollte. Über Hierarchien, Ausschlussprinzip und Zwangsrituale werden ihre Werte durchgedrückt. Durch die „corporate identity“, also die Tatsache, dass zum Beispiel alle das Gleiche tragen, wird das Ganze unterstützt.

Wie sehen diese unterschiedlichen Erziehungsmethoden wie beispielsweise die strikte Hierarchie in etwa aus?

Bei den meisten Verbindungen gibt es die Hierarchie von Fux – Bursch – Alter Herr, wobei der Fux das Neumitglied ist, das für ein halbes bis ganzes Jahr quasi alles machen muss, was ihm aufgetragen wird. Ich habe vor Kurzem einem Gespräch mit einem Aussteiger aus einer Landsmannschaft, einer Form von Studentenverbindung, beigewohnt, in der der Fuxmajor, also der direkte Vorgesetzte des Fux?, den Fux durch Befehle anweisen konnte, Alkohol zu trinken.

Auch das Ausschlussprinzip sollte erklärt werden: 95 Prozent aller Verbindungen nehmen keine Frauen auf, christliche Verbindungen nehmen keine Nicht-Christen auf und je nach konfessioneller Ausrichtung auch keine Katholiken oder Protestanten. Bei den Burschenschaften steht es zwar nirgendwo festgeschrieben, aber sie nehmen häufig auch keine Menschen mit Migrationshintergrund auf. Sie bezeichnen das selbst als „vaterlandsbezogenen Volkstumsbegriff“, was bedeutet, dass jemand mit einer dunkleren Hautfarbe, egal ob er einen Pass hat oder nicht, ob er sich selbst sogar als Deutscher versteht, nicht aufgenommen wird. Dagegen wird man aber aufgenommen, wenn man aus dem Ausland kommt, aber deutschstämmige Vorfahren hat.

Nun nimmt der Männergesangsverein auch keine Frauen auf.

Das ist richtig, aber Verbindungen müssen permanent rudern, um Begründungen zu finden, ihre Prinzipien zu legitimieren. So heißt es, Frauen würden das innere harmonische Gefüge stören, und Ausländer könnten ja keine so große Vaterlandsliebe empfinden, um Teil einer deutschen Verbindung sein zu können. Das Problem dabei ist, dass Frauen damit von den Vorteilen, die eine Studentenverbindung bietet, ausgeschlossen werden. So hat Tübingen beispielsweise eine große Wohnungsplatznot. Jetzt gibt es in Tübingen 31 aktive Verbindungen, die fast alle ein eigenes Haus und damit rund 300 Plätze zu vergünstigten Mietkonditionen frei haben, von den meisten aber sind Frauen per se ausgeschlossen.

Das Frauenbild der Studentenverbindungen ist ohnehin ein sehr bipolares. Entweder wird eine Frau sehr höflich behandelt, jedoch lediglich als Dame, nicht als Individuum; auf der anderen Seite gibt es Werbeflyer von Verbindungen, die extrem sexistisch sind. Dort wird mit leicht bekleideten Frauenkörpern für Partys geworben. Die Frau ist also Heilige und Hure zugleich, aber in jedem Falle nachgestellt. Wobei man sicherlich dazu sagen muss, dass sexistische Werbung heutzutage eher der Normalfall ist.

Es gibt manchmal Studenten, die aus Verbindungen wieder austreten, und viele, die nie in Verbindungen eintreten würden, obwohl sie könnten, weil ihnen die Anforderungen zu hoch sind. Was für Anforderungen sind das?

Es ist ein Unterwerfungsritual; viele Verbindungen haben das Ritual, dass sie saufen oder fechten; häufig sind sie nicht-schlagend, aber zumindest pflichttrinkend. Dort wird aber nicht zum Genuss getrunken, sondern oftmals bis zum Erbrechen. Das passiert teilweise vier bis fünf Mal in der Woche mit Anwesenheitspflicht.

Warum gibt es denn überhaupt Studenten, die Gefallen am Verbindungsleben finden?

Verbindungen haben etwas zu bieten: Du bekommst einen billigen Wohnraum, einen Freundeskreis gratis, und solange du in der Probephase bist, also noch vor dem Fuchsenstatus, kümmert man sich intensiv um dich, weil man will, dass du Mitglied wirst. Und dadurch, dass die Alten Herren wichtige Positionen einnehmen, kommst du auch geschickt an wichtige Praktikumsplätze und Ähnliches.

Was genau bringt dich jetzt dazu, dich gegen Studentenverbindungen zu engagieren?

Als Historiker und ein Stück weit auch als Wissenschaftler stufe ich die Verbindungen als reaktionär, zumindest aber veraltet und überflüssig ein. Aus ihnen gehen Leute hervor, die später wichtige Positionen in der Gesellschaft einnehmen. Wenn korporierte Akademiker plötzlich wichtig werden in der Gesellschaft, können sie die reaktionären Werte der Verbindung quasi wieder in die Gesellschaft zurücktragen, was ich für gefährlich halte. Manchmal engagieren sich diejenigen Verbindungsstudenten, die sich für eine politische Laufbahn entscheiden, in der extremen Rechten. Für die Parteien des rechten Kaders wiederum ist der Zufluss aus den Verbindungen sehr wichtig, denn damit erhalten sie Personal, dass auch in der Lage ist, Impulse zu geben und über Stammtischgepöbel hinauszugehen. In der sächsischen Landtagsfraktion der NPD sitzen zum Beispiel zwei Burschenschafter, und das sind auch vor allen Dingen die, die die inhaltliche Arbeit machen.

Welche Protestformen oder Formen des Engagements gibt es, und wie beteiligst du dich daran?

Ich versuche inhaltlich aufzuklären, indem ich Vorträge halte und zu dem Thema Artikel publiziere. Leute, die in anderen Städten wohnen und interessiert sind, können über mich auch Infos erhalten. Ich war als Einzelperson auch schon an Gegenaktionen zum Bürgerschoppen oder zum Maisingen beteiligt. Ich denke, es ist wichtig, dass Protest-Aktionen kreativ und inhaltlich auch differenziert sind. Man sollte schon sehen, dass nicht alle Mitglieder von Studentenverbindungen Nazis sind.

Als Protestform finde ich von daher die Persiflage besonders schön; denn die Burschenschafter sind gerne uniformiert, ein Männerbund und oft betrunken, was man wunderbar persiflieren kann. Das „Corps Homophobia“ ist beim Bürgerschoppen beispielsweise in lila aufgetreten, was ja stark gegen die Männlichkeitswerte gerichtet ist.

Fragen: Sarah Arewa (19)

Die Persiflage als Protestform: Verbindungskritiker kamen zum Bürgerfrühschoppen als „Corps Homophobia“. Bild: Seemann

Dieser Flyer hängt bei der Normannia an der Wand – die als vergleichsweise liberale Verbindung gilt. Bild: Seemann

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Erstellt:
27. Juli 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Juli 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2010, 12:00 Uhr

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