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4500 Teilnehmer ziehen beim Christopher-Street Day durch die Landeshauptstadt

Bunte Parade gegen Vorurteile

Die Parade zum „Christopher-Street-Day“ am Samstag war bunt, aber vor allem politisch. Erstmals nahm eine türkische Gruppe teil.

01.08.2016
  • UWE ROTH

Stuttgart. Selbstverständlich haben sich der „Operation Sichtbarkeit“, so das Motto des Christopher-Street-Day (CSD) in diesem Jahr, wieder zahlreiche bunte Exoten angeschlossen. Es waren lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen in Fantasievollen Kostümen mit sehr viel Platz für nackte Haut. Ihr Treiben sicherte den Zuschauern den Spaßfaktor im zwei Kilometer langen Umzug durch die Stuttgarter Innenstadt. Nach Polizeiangaben kamen rund 170 000 Besucher, die Veranstalter selbst sprachen gar von 200 000 Zuschauern. Wer mit dem Paraden-Teilnehmern ein Smartphone-Selfie machen wollte, musste die schillernden Kostümträger nicht lange überreden; dieser Service gehörte dazu, auch wenn deswegen der Zug manchmal ins Stocken geriet.

Selbstverständlich fehlten bei der mittlerweile 20. Stuttgarter CSD-Parade die Party-Trucks nicht, auf deren Ladeflächen Lautsprecher laut wummernde Bässe von sich gaben und Menschen auf engstem Raum tanzten sowie Kamellen an die Zuschauer verteilten. Das Bild der zweistündigen Veranstaltung prägten jedoch eindeutig Hunderte T-Shirt-Träger, die ihre politische Botschaft entweder direkt auf dem Kleidungsstück trugen oder auf Plakaten, die sie über ihren Köpfen hielten. Zu lesen waren Aufrufe für mehr Toleranz und Bekenntnisse, dass die Vielfalt sexueller Orientierungen zu einer offenen Gesellschaft gehört und ihr auch guttut. Sie forderten die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, ein gleichberechtigtes Adoptionsrecht und die Ergänzung des Artikels 3 des Grundgesetzes um das Merkmal „sexuelle Orientierung/Identität“. Ihre gemeinsame Botschaft lautete: Liebe kennt keine Geschlechter.

In jüngster Zeit werden allerdings vor allem aus rechten Kreisen wie der AfD Botschaften in die Gesellschaft getragen, die das genaue Gegenteil von „Liebe kennt keine Geschlechter“ behaupten und die alte Mann-Frau-Trennung zurückfordern. Weltweit nimmt antihomosexuelle Gewalt in Worten und Taten zu – ob in den USA, Russland, der Türkei oder auch in Polen.

Um dagegen ein Zeichen für Toleranz zu setzen, hatten sich unter den insgesamt 85 Formationen mit 4500 Teilnehmern neben Gewerkschaften zahlreiche internationale Unternehmen und öffentliche Einrichtungen zur Parade angemeldet: Daimler, Bosch und die Landeshauptstadt Stuttgart waren in den vergangenen Jahren bereits dabei, am Samstag neu hinzugestoßen sind Vodafone, HP Deutschland, Alleo GmbH/DB Fernverkehr und auch lokale christliche Organisationen wie die Diakoniestation Stuttgart. Allein der Untertürkheimer Autobauer Daimler hatte 75 Mitarbeiter zur Parade geschickt. „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ebenso vielfältig wie unsere Kundschaft. Darauf sind wir bei Daimler stolz“, erklärte dazu ein Sprecher.

Auch politische Parteien hatten sich mit Lkws in den Zug eingereiht, allen voran Die Linke. Ihr Vordenker Gregor Gysi hatte die Schirmherrschaft in diesem Jahr übernommen. Der 68-Jährige war allerdings nicht nach Stuttgart gekommen und bei der Kundgebung im Anschluss der Parade lediglich mit einer Audio-Rede vertreten. Die Sozialdemokraten hingegen waren mit ihrer künftigen Landesvorsitzenden Leni Breymaier, der Bundestagsabgeordneten Ute Vogt und mit der ehemaligen Sozialministerin Katrin Altpeter prominent präsent. Die FDP und die Grünen waren zwar da, hatten aber nicht die Spitzenprominenz zum Demonstrieren geschickt. Die Christdemokraten fehlten hingegen völlig. Ihre Absage der Teilnahme begründete die CDU mit den hohen Kosten für einen Lkw.

Aufsehen erregte eine türkische Gruppe in der CSD-Parade. Ihre Teilnahme war das große Thema bei der anschließenden Kundgebung auf dem Schlossplatz. Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der türkischen Gemeinde Baden-Württemberg und zugleich Bundesvorsitzender, hatte vor einem Jahr den Organisatoren die Teilnahme versprochen und wahrgemacht. „Ich freue mich, dass wir dazugehören“, betonte er und wünschte sich, dass die Teilnahme in den nächsten Jahren zur Normalität werde. Über die sozialen Medien habe er im Vorfeld „Hass, Beleidigungen erfahren und Drohungen bekommen“, so Sofuoglu. Solche Widerstände hätten ihm bestätigt, dass die Teilnahme an einer Demonstration für mehr Toleranz richtig ist. „Wir haben noch viel zu tun“, sagte Sofuoglu, um zu überzeugen, dass es „nicht nur eine Normalität im Leben gibt“.

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01.08.2016, 06:00 Uhr
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