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Eine verdammt schöne Zeit

Bürgermeister Peter Rist verlässt Reutlingen und kehrt ins Allgäu zurück

Acht Jahre lang war er Finanzdezernent in Reutlingen. Am 5. Juni räumt Peter Rist, 44, seinen Schreibtisch. Aufmerksamkeit hat er in dieser Zeit als „singender Bürgermeister“ erlangt. Musik, sagt er, sei seine Leidenschaft und seine Zukunft – wie das Leben auf dem Fillebänkle.

25.05.2013

Von Bernd Ulrich Steinhilber

Reutlingen. Maierhöfen ist bayerisch und katholisch, Isny württembergisch und evangelisch. In Isny war Peter Rist Kämmerer und Betriebsleiter der Eigenbetriebe, bevor er in Reutlingen Bürgermeister wurde. Oberhalb von Maierhöfen, einer der höchsten Erhebungen im Westallgäu, ist er als jüngstes von sieben Geschwistern in einem Gasthaus, das heute „Allgäuer Fillebänkle“ heißt, aufgewachsen – im Württembergischen zwar, erreichbar aber nur über bayerisches Gebiet. Der Vater Musiker, die Mutter Wirtin und eine begnadete Entertainerin – zwei Menschen, die ihn prägten, so wie die Fille, der Platz vor dem Allgäuer Bauernhaus, auf dessen kleiner Bank man den Feierabend genießt. Ein Ort mit herrlicher Aussicht über das Westallgäu, über den Bodensee bis zu den Schweizer Alpen. Es ist die Heimat von Peter Rist.

Reutlinger Bürgermeister Peter Rist gab sein Schlagersänger-Debut
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Reutlinger Bürgermeister Peter Rist gab sein Schlagersänger-Debut --

01:42 min

Dorthin kehrt er zurück. Dabei hatte Rist in Reutlingen noch einiges vor. „Die zweite Amtszeit war gesetzt“, das Ziel, Erster Bürgermeister zu werden, nicht ganz aus den Augen – auch wenn ihm seine Arbeit durchaus ambivalent vorkam. Bewegt von dem „starken Drang“, eine große Organisation zu führen, hatte sich der Diplom-Verwaltungswirt aufgemacht, Bürgermeister zu werden, und in Reutlingen ein „tolles Dezernat“ mit rund 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorgefunden. In Isny, das immerhin mit einer Million Übernachtungen punkten kann, waren es gerade mal 50.

So lässt denn Rist keinen Zweifel daran, dass ihm die Arbeit Spaß machte, das Geschäft mit einem Team, das „viel geleistet hat“ – das „gute Miteinander“, die „verdammt schöne Zeit“. Wenn da nur nicht etwas anderes von ihm verlangt worden wäre, von dem er sagt: „Das liegt mir weniger.“

Eine Verwaltung führen, eine große Organisation, das Hauptgeschäft eines Bürgermeisters also, war seins. Das andere aber, das politische Geschäft, „ist meine Sache nicht“. Verwaltung und Politik: „Das sind zwei paar Stiefel“. Und als ob es noch einer Bekräftigung bedurft hätte, wiederholt er es im TAGBLATT-Gespräch mehrmals: „Ich bin ein schlechter Politiker.“

Dass er dennoch ein guter Bürgermeister sei, begründet Rist mit der Fülle der Aufgaben, die ihm die Verwaltung abverlangt: „Gemeinderat und Finanzausschuss sind nur einmal im Monat.“ Warum also nicht noch einmal acht Jahre?

Finanzdezernent Peter Rist sagt Reutlingen ade. Am 2. August kommt er als Schlagersänger wieder, im Gepäck die neue CD mit 14 Eigenkompositionen. Bild:Haas

Dass er seine Arbeit als „Erbsenzählerei“ beschrieben habe, sei die von einer jungen Journalistin produzierte Falschmeldung. „Ich habe es auch nie so empfunden.“ Die größte „Zeitungsente“ aber sei gewesen, dass ihm der Liedtitel „Was kostet die Welt“ just in dem Moment eingefallen wäre, als der Kämmerer im Gemeinderat über den Schuldenstand referiert habe.

Dass freilich der Doppelhaushalt 2013/14 von ihm singend eingebracht wurde, sei keine Zeitungsente. Den „mit Abstand problematischsten Etat der Stadt“ vorzulegen, habe ihm viele schlaflose Nächte bereitet. „Dann kam der Tag der Einbringung des Haushalts, so unvollkommen wie er war. Da habe ich das künstlerisch verarbeitet.“

Und schon wieder Rist über Rist: „Ich bin kein Politiker, ich konnte es nicht diplomatisch geschliffen machen. Aber das andere kann ich.“ So wurde denn zum ersten Mal in der Geschichte ein Etat von einem Barden eingebracht, von einem Finanzbürgermeister, der sichtlich unter der Last der Zahlen gelitten hat.

Dabei hatte nicht nur der Gemeinderat die musikalische Begabung seines Dezernenten schon bei vielen Anlässen kennengelernt, etwa wenn es darum ging, einen Weihnachtsmarkt zu eröffnen oder bei Geselligkeiten Posaune zu spielen. Oder als er 2010 bei der Gemeinderatsklausur im Lonsinger „Grünen Baum“ zur allgemeinen Erheiterung ein Gstanzl zum Haushaltsplan vortrug, dem gerade 30 Millionen Einnahmen weggebrochen waren. Das haben alle verstanden. Da haben sie mitgemacht. Auch „richtig gut zusammengeschafft“, wie es immer dann der Fall sei, wenn der Gemeinderat in nicht öffentlicher Sitzung seine Tagesordnungen abarbeitet. Von wegen also „Erbsen zählen“. So hätte es weitergehen können, wenn da nicht . . .

Es war noch nicht die selbst eröffnete Aussicht auf eine Schlagersängerkarriere, die Rists Pläne über den Haufen warfen. Es waren die Rufe der Familie und der Heimat. Vor drei Jahren versammelten die Eltern ihre sieben Kinder um sich. „Wir werden älter. Ihr müsst euch um uns kümmern“, lautete die Botschaft, „Peter, du machst das“, des Vaters Wunsch. „Ich war der Favorit“, sagt Rist, als wenn er sich um diese Aufgabe beworben hätte, „weil ich der Musiker der Familie bin“. Es war klar, „dass wir das machen. Es gibt nichts Schöneres, als für die Eltern da zu sein“, die Frau „eine Wirtin und ich als ihr Hiwi – und Volksmusiker“.

Erst danach fiel die Entscheidung, der großen Organisation und der ungeliebten Politik den Rücken zu kehren – dem inneren Ruf zu folgen und Schlagersänger zu werden. „Das kann ich, Menschen unterhalten. Das ist mein Ding.“ Es gehe ihm am besten, wenn er „mit Musik gute Gefühle vermitteln“ könne, wenn man miteinander musiziere und nicht „gegeneinander Politik“ mache.

Nun wolle er mit Leidenschaft singen und musizieren. „Halblebiges gibt es schon genug.“ Aber nicht nur das will gesagt sein: Auch sein Amt habe er „leidenschaftlich geführt“. Musik machen und singen wird er auch in seinem Gasthaus, dem Fillebänkle. Die Nachfrage sei sensationell. „Es ist die pure Sehnsucht, die die Leute zu uns bringt – die Musik, die wunderbare Aussicht.“

Exklusiv präsentiert Peter Rist am 22. Juni zuhause im Allgäu seine zweite CD, deren 14 Titel er allesamt selbst komponiert hat. „Volksmusik trifft Schlager“ heißt es am 2. August, 19.30 Uhr, auf der Freilichtbühne des Reutlinger Naturtheaters. Mit dabei Balladenkönigin Mara Kayser, Schlagersängerin Simone und das Bodensee Quintett. Karten unter Telefon 0 71 21/27 07 66.

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Erstellt:
25. Mai 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Mai 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2013, 12:00 Uhr

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