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Altstadt und Österberg nicht abschneiden

Bürgerinitiative will Mühlstraßen-Sperrung verhindern

Eine Bürgerinitiative vom Österberg wendet sich gegen eine Vollsperrung der Mühlstraße samt Eberhardsbrücke für den Autoverkehr. Beim ersten öffentlichen Treffen am Donnerstagabend drängten sich etwa 80 Interessierte im kleinen Schlatterhaus-Saal.

01.04.2012

Von DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Die Bürgerinitiative (BI) gegen die Sperrung von Mühlstraße und Neckarbrücke zählt bereits etwa 140 Mitstreiter/innen. Eine Vollsperrung der Mühlstraße stadteinwärts kappe nicht allein die Zufahrt von Süden auf den Österberg. Eine Sperrung bedrohe den Einzelhandel in der Tübinger Innenstadt, warnte der langjährige Österberg-Bewohner Alexander Servais im Schlatterhaus. „Die Einkaufsstadt Tübingen wird für Kunden aus der südlichen Region unattraktiv“ – mit der Folge, dass das vielfältige Einzelhandelsangebot in der Altstadt abnehmen würde.

Kaufkraft könnte nach Reutlingen abwandern

Anlass für die Gründung der BI in den letzten drei Monaten waren Erwägungen von „Teilen der Stadtverwaltung“, die Mühlstraße komplett für den Individualverkehr zu sperren, sagte Servais. Die BI ist bereits im Stadtgebiet aktiv – mit Listen, auf denen sich Bürger gegen die Sperrung aussprechen können. Tausend Unterschriften sollen schon eingegangen sein.

Das Wort Durchgangsverkehr kann Servais nicht mehr hören. „Es fährt doch keiner zum Hirschefüttern in den Schönbuch!“, betonte er. Das Ziel sei die Tübinger Innenstadt. „Freiwillig fährt keiner über die Blaue Brücke ins Zentrum.“ Würden Eberhardsbrücke und Mühlstraße auch noch komplett für den Individualverkehr gesperrt, drohe eine Abwanderung von Kaufkraft nach Reutlingen.

Diese Sorge teilt auch Monica Berglund, Boutiquen-Inhaberin in der Neuen Straße. Aufgrund verknappter Parkplätze und erhöhter Parkhausgebühren zählt sie schon jetzt deutlich weniger Kunden von auswärts, „die früher immer gern gekommen sind“. Diese Kunden schätzten die kleinen Tübinger Geschäfte – statt wie in Stuttgart oder Reutlingen nur noch die großen Filialisten anzutreffen. Von Einzelhandelskollegen hat Berglund erfahren, „wie verzweifelt die alle sind, teilweise haben sie schon resigniert“. Was die engagierte Kauffrau nicht versteht: „Man will den Europlatz neu bebauen. Man will das Zinserdreieck verschönern. Aber man vergisst die Altstadt.“

Derzeit passieren täglich etwa 10 000 Fahrzeuge die Mühlstraße, davon etwa 3000 Busse, Taxen und Einsatzfahrzeuge, die von einer Sperrung nicht betroffen wären, berichtete Servais. Der aus einer Sperrung resultierende Umwegverkehr der dann verbannten 7000 Autos würde in den Stadtteilen Lustnau, Weststadt und im Uni-Viertel zusätzlichen Verkehrslärm und mehr Abgase verursachen sowie die Unfallgefahr erhöhen. In Kilometern gerechnet, betrage der Umweg über Lustnau 3,7 Kilometer, jener durch den Schlossbergtunnel 2,5 Kilometer, so Servais. Bereits ein Zusatzkilometer pro Weg der 7000 Fahrzeuge ergebe pro Jahr 2,6 Millionen Zusatzkilometer im Stadtverkehr, bei einem um rund 160 000 Liter erhöhten Spritverbrauch. „Bewohner von Innenstadt, Österberg und Gartenstraße sowie die dort arbeitenden Menschen müssten jedes Jahr zigtausende zusätzliche Kilometer durch die Stadt fahren.“

Auch ein Bewohner der Goethe-straße will künftig weiterhin durch die Mühlstraße fahren, „nicht, wie jetzt schon, über die Weststadt oder Lustnau“, sagte er. „Unsere Urgroßväter haben diesen Graben (die Mühlstraße) gebaut, damit die Nordstadt mit der Südstadt verbunden wird!“ Der gewaltige CO2-Ausstoß bei den Umwegen sei bereits jetzt mit grüner Politik kaum zu vereinbaren. Eine Frau aus der Kelternstraße will sich ebenfalls in der BI engagieren, aber nur, wenn diese sich nicht vorrangig auf die Interessen der Österberg-Anlieger konzentriert. Vertreter der BI Weststadt waren ebenfalls zugegen.

Mit Schaudern erwog Servais, künftig die Proviantierung seiner sechsköpfigen Familie „mit dem Fahrrad vom Marktkauf zum Österberg zu bewältigen“. Er lud die BI Weststadt und die BI Gartenstraße ein, gemeinsam vorzugehen. Der Evangelischen Studierenden-Gemeinde dankte er für die Bereitstellung der Räumlichkeiten.

Die Germanenstaffel wieder nutzen

Den Arzt und Österberg-Anlieger Ulrich Schnapper hat die Sperrung während des Mühlstraßenumbaus aufgeschreckt. Als „Pendler nach Reutlingen“ entschloss er sich, aktiv zu werden. Eine Zuhörerin riet dazu, sich von dem Gedanken zu verabschieden, dass es bei einer Sperrung der Mühlstraße um „eine rationale Entscheidung“ gehe. „Wir sollen alle Rad fahren oder mit dem Bus.“ Sie selbst würde gerne weiter die (derzeit gesperrte) Germanenstaffel benutzen, „wie seit 20 Jahren“. Die BI betrachtet die Schließung der Staffel ebenfalls mit Sorge, der sich eine Untergruppe annehmen will. Das Motto lautet: „kurzfristige Instandsetzung der Germanenstaffel“.

Als sehr autozentriert rügte ein weiterer Zuhörer die Diskussion. „Es wohnen sehr viele Kinder auf dem Österberg, die noch nicht Auto fahren.“ Ihnen fehle die Germanenstaffel als kurzer Weg in die Stadt. „Nicht nur die Germanenstaffel, auch andere Verbindungswege lässt man einfach zuwachsen“, kritisierte ein älterer Mann. „Sie wurden in einer Zeit angelegt, als wir noch nicht so viele Autos hatten.“ Die Österberg-Bewohnerin Ute Eichhorn hat drei schulpflichtige Kinder. „Die Germanenstaffel hat den Weg zur Uhlandstraße und zum Einkaufen deutlich verkürzt“, sagte sie. Wie sie ihre drei sportbegeisterten Sprösslinge, die noch nicht im Führerscheinalter sind, bei gesperrter Mühlstraße zum Training bringen soll, mag Eichhorn sich gar nicht ausmalen.

Die aktuelle Verkehrslage in der Tübinger Mühlstraße, die stadteinwärts für den Individualverkehr per Auto und Motorrad (noch) befahrbar ist.Archivbild:Metz

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Erstellt:
1. April 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
1. April 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. April 2012, 12:00 Uhr

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