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Politik und Bahn unter Druck

Bürger auf den Fildern votieren für Gäubahnvariante

Die Gäubahnvariante soll es sein: Das ist das Ergebnis der Bürgerbeteiligung im "Filderdialog" zu Stuttgart 21. Ob sich die 21-Projektpartner von dieser Empfehlung beeinflussen lassen, ist aber fraglich.

09.07.2012

Von JULIA GIERTZ, DPA

Leinfelden-Echterdingen "Denken Sie mal nicht an Züge und Bahnhöfe und Schwellen und Tunnel." Mit diesen Worten entlässt der Moderator des S-21-Filderdialogs, Ludwig Weitz, am Samstag in Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen) die Teilnehmer nach der dritten und letzten Runde. Mehr als 20 Stunden des Zuhörens, Diskutierens und Streitens liegen da hinter der auf 109 Teilnehmer zusammengeschrumpften Gruppe.

Das grün-rote Prestigevorhaben in Sachen Bürgerbeteiligung machte deutlich, wie mühevoll die Politik des Gehörtwerdens sein kann. Das lag auch am komplexen Thema: Es ging um die bestmögliche Anbindung des Landesflughafens auf den Fildern an das Bahnvorhaben Stuttgart 21. Zur Debatte standen sechs Varianten der von der Bahn geplanten Trasse. Im Laufe des Verfahrens kam eine verwirrende Vielzahl von Untervariationen und Kombinationen hinzu.

Am Ende stellte sich eine Mehrheit hinter die so genannte Gäubahnvariante. Diese sieht vor, dass Reisende aus Richtung Singen in Stuttgart-Vaihingen umsteigen und von dort mit der S-Bahn zum Flughafen fahren. Dieser Vorschlag, mit dem der ursprünglich geplante Mischverkehr von Fernzügen und S-Bahnen durch Leinfelden-Echterdingen vermieden werden kann, gefiel besonders den nach Zufallsprinzip ausgesuchten Bürgern.

Die Projektträger bringt sie dagegen in die Bredouille: Denn sie widerspricht dem Finanzierungsvertrag, in dem eine Direktanbindung des Flughafens festgeschrieben ist. Dieser war auch Basis der Volksabstimmung zu Stuttgart 21.

Das räumt selbst der prominenteste Anhänger der Variante, Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), ein. Allerdings erfülle der Vorschlag den Appell von S-21-Schlichter Heiner Geißler, die Gäubahn zu erhalten. Diese würde dann nach dem Stopp in Stuttgart-Vaihingen auf der "Panoramabahn" durch den Westen der Landeshauptstadt zum Hauptbahnhof führen.

Und genau das birgt ein großes anderes Problem. "Hier wird nach dem St.-Florians-Prinzip diskutiert", bringt es S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich auf den Punkt. Denn den 42 000 Menschen in der Umgebung der Panoramabahn sei versprochen worden, dass mit Stuttgart 21 die Bahnlinie vor ihrer Haustür stillgelegt werde. Die Gäubahnvariante würde ihre Hoffnungen zerschlagen. Dietrich: "Müssten wir jetzt nicht auch mit diesen Betroffenen in Dialog treten?" Folgt dem Filder- nun ein Gäubahndialog? Moderator Weitz hält das nicht für ausgeschlossen.

Die S-21-Finanziers - Bahn, Stadt und Region Stuttgart, Flughafen und Land - stehen nun unter gewaltigem Druck. Eine Stellungnahme der Projektpartner nach dem Motto "gut, dass wir drüber gesprochen haben" wäre zu wenig für die kooperativen und geduldigen Dialog-Teilnehmer. Doch die Spielräume sind gering: Bis auf das Land dürften alle Partner die veränderte Antragstrasse bevorzugen, die nach Jahren der Planung kurz vor dem Genehmigungsverfahren steht.

Und das Land ist zudem in sich noch gespalten. Die Grünen, allen voran Minister Hermann, tendieren zur Gäubahnvariante; SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel und Co. sehen aber nicht ein, wieso alle bisherigen Vereinbarungen über den Haufen geworfen werden sollten.

Klar ist nur, dass in den nächsten Tagen die Telefone heiß laufen werden; denn am kommenden Freitag müssen die Projektpartner Farbe bekennen. Der DB-Chef im Südwesten, Eckart Fricke, kommentiert lakonisch: "Die Woche wird interessant und spannend."

Die Bahn hatte der Gäubahnvariante schon vor Jahren eine Absage erteilt. "Die Gäubahnvariante flog zu einem frühen Zeitpunkt raus", erläuterte Bahnvertreter Thomas Kasper. Denn sie erfülle die von den Projektpartnern vorgegebene Grundvoraussetzung einer direkten Anbindung für die Reisenden aus dem Süden Baden-Württembergs nicht. Nach seiner Schätzung verlängert sie die Fahrzeit zum Flughafen um 13 Minuten. Flughafendirektor Walter Schoefer fürchtet, dass der Flughafen unter der Gäubahnvariante leiden könnte.

Die Abstimmung für die Gäubahnvariante war keineswegs einstimmig: 63 Teilnehmer, darunter besonders viele nach dem Zufallsprinzip ausgesuchte Bürger, plädierten für diese Variante; 44 votierten für die Antragstrasse der Bahn mit einer Verlegung des geplanten Fernverkehrhalts unter die Flughafenstraße. Insgesamt nahmen zunächst 120 Männer und Frauen am Filderdialog teil. Darunter waren 46 zufällig ausgewählte Bürger. Die größere Gruppe stellten Bürgerinitiativen, Projektpartner und Kommunalpolitik. Im Laufe des Dialogs reduzierte sich die Zahl der Teilnehmer auf 109. Einige Kritiker inszenierten ihren Abgang lautstark, darunter der OB von Leinfelden-Echterdingen, Roland Klenk (CDU), und der Stuttgarter Stadtrat und Ex-Sprecher des Aktionsbündnisses gegen S 21, Hannes Rockenbauch. Klenk gab auf, weil nie klar geworden sei, welche Spielräume es noch gebe, Rockenbauch fehlten Detailinformationen zu den Trassen.

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Erstellt:
9. Juli 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Juli 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Juli 2012, 12:00 Uhr

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