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Es geht auch ohne Minarette

Bülent Ucar wirbt für islamischen Religionsunterricht an Schulen

Wie können sich Religionen an der Schule begegnen und miteinander lernen? Ganz der Kooperation verschrieb sich der gestrige Studientag „Interreligiöses Lernen und Islam“. Einer der Referenten: Bülent Ucar, Professor für islamische Religionspädagogik. Der aus den Nachrichten erfahren hat, dass nicht alle Menschen so kooperieren möchten.

01.12.2009

SCHWÄBISCHES TAGBLATT: Herr Ucar, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie erfahren haben, dass die Schweizer in einer Volksabstimmung den Bau von Minaretten abgelehnt haben?

Bülent Ucar: Ich sagte mir zunächst: Oh weh! Wohin geht das Ganze? Es hat mich schon innerlich berührt. Mir macht Sorgen, wie populistisch und pauschalisierend an die niedersten Instinkte der Menschen appelliert wurde. Aber es ist ein Mehrheitsbeschluss, den man respektieren muss. Allerdings frage ich mich schon: Ist das die Beschreibung eines Ist-Zustandes, oder wäre das Ergebnis ein anderes gewesen, wenn die Abstimmung in einer wirtschaftlich ruhigeren Lage gewesen wäre?

Auch hier ist die Wirtschaftskrise verantwortlich?

Ja, sie ist schon ein Faktor. Es ist nachgewiesen, dass Menschen in wirtschaftlich prekären Situationen eher geneigt sind, sich gegenüber Minderheiten abzugrenzen. Dazu kommt eine allgemeine Verunsicherung. Wir haben in Europa eine Säkularisierung, der Einfluss der traditionellen Religion schwindet, gleichzeitig kommt eine neue Religion, die mit Selbstbewusstsein einhergeht. Das löst Ängste aus.

Wie würde so eine Abstimmung in Deutschland ausgehen?

Ich bin mir nicht sicher, wie das Ergebnis wäre. Ich habe die Demokratie immer unterstützt und bin auch für Instrumente politischer Mitsprache. Aber ich bin mir auch bewusst, dass man so eine Volksabstimmung zu populistischen Zwecken missbrauchen kann.

Wie kann der Islam darauf reagieren?

Die Ängste gegenüber dem Islam müssen wir ernst nehmen. Es wird ja auch im Namen des Islam viel Unheil angerichtet. Wir müssen aufklären und für Vertrauensbildung zwischen den Menschen unterschiedlicher Religionen sorgen. Deshalb bin ich ein Dauerreisender. Ich glaube an persönliche Kontakte. Denn anders als viele Leute denken, ist der Islam nicht grundgesetzwidrig. 90 Prozent der hiesigen Muslime betrachten die Demokratie als die beste Staatsform.

Bleiben immerhin zehn Prozent.

Gerade deshalb ist es von größter Bedeutung, dass wir in die religiöse Bildung der Muslime in Deutschland investieren und damit zeigen, dass ihre Zukunft islamisch und demokratisch zugleich sein kann. Wir brauchen einen Islam, der mit demokratischen Grundwerten kompatibel ist und der auch theologisch solide fundiert ist.

Ein Plädoyer für islamischen Religionsunterricht und islamische Lehrstühle.

Ja, weil wir sonst die Fremdsteuerung der Muslime aus dem Ausland haben. Es liegt im ureigensten Interesse auch des christlichen Staates, da ein Gegengewicht zu schaffen. Man muss so die gemäßigten Kräfte innerhalb des Islam stärken. Wenn nicht, wird das Ausland andere Kräfte unterstützen.

Die bekommen Aufwind durch das Ergebnis der Schweizer Abstimmung.

Ach, Moscheen sind nicht unbedingt angewiesen auf Minarette. Die sind in der islamischen Baugeschichte eine Spätentwicklung. Es gibt in der islamischen Architektur viele Beispiele, dass man an Moscheen Türme baut, ähnlich wie an Kirchen.

Die Fragen stellte

Wolfgang Albers

Bülent Ucar, 32, ist Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück. In Tübingen war er Referent beim Studientag der Religionspädagogen und der beiden evangelischen Fakultäten. Der promovierte Jurist, habilitierte Islamwissenschaftler und Lehrer für islamische Unterweisung war maßgeblich am Schulversuch zum islamischen Religionsunterricht beteiligt. Bild: Metz

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Erstellt:
1. Dezember 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Dezember 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Dezember 2009, 12:00 Uhr

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