Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Knapp tausend Bände aus der Privatbibliothek des Völkerrechtlers Max Fleischmann kamen 1943 als Notverkauf nach Tübingen / Von Hans-Joachim Lang

Bücher eines verfolgten Juden im Juristenseminar

NS-Kunst- und Kulturraub betrifft nicht nur kostbare Gemälde von Gustav Klimt oder Ernst Ludwig Kirchner.In großen Massen wurden auch Bücher ihren Eigentümern genommen: gestohlen, beschlagnahmt, abgenötigt oder billig abgehandelt.Zu den Nutznießern zählen Bibliotheken an Universitäten, die sich schwer tun,sich zu diesem Erbe zu bekennen und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Dazu gehört auch die Privatbibliothek des Völkerrechtlers Prof. Max Fleischmann, der 1943 Selbstmord beging. Seine Witwe verkaufte die Privat-Bibliothek kurz danach aus Not zum Schleuderpreis nach Tübingen. Die meisten Bücher stehen seither in der Bibliothek des Juristischen Seminars.

16.06.2007
  • Hans-Joachim Lang

Hinten im Südflügel der Neuen Aula öffnet sich das Labyrinth einer der größten Bibliotheken der Universität. Hier verzweigt sich die Rechtswissenschaft in ihre Spezialgebiete, verteilt sich die Fachliteratur treppauf treppab in alten Sälen mit hohen Decken. Die Publikationen zum Völkerrecht stehen im Untergeschoss. In einem schmucklosen, mit Regalen vollbepackten Raum sind Untersuchungen zu internationalen Rechtsstreitigkeiten eingeordnet, in dichte Reihen gezwängt und vom Lesepublikum oft sich selbst überlassen. Bücher in repräsentativen Ledereinbänden bilden Spalier mit Büchern in schlichten Pappumschlägen. Alle tragen auf einer der ersten Seiten als Besitzvermerk das Institutssiegel. Besonders häufig in diesem Kellerraum trägt es den Reichsadler mit dem Hakenkreuz.

Aufgestempelte Geschichte

Auch Bücher haben eine Lebensgeschichte. Manchmal ist sie ihnen aufgestempelt. Aber man muss sich davor hüten, das Hakenkreuz als Kennzeichen für Nazi-Werke zu halten. Am Stempel lässt sich meist nur ablesen, wann die betreffenden Werke für das Völkerrechtliche Seminar angeschafft wurden. Es verwundert nicht, dass im „Dritten Reich“ Literatur zur herrschenden Rechtsmeinung gekauft wurde.

Aber was mag Tübinger Juristen bewogen haben, sich mit Arbeiten von Völkerrechtlern wie Max Fleischmann zu beschäftigen! Fleischmann, in der Weimarer Republik einer der bedeutendsten deutschen Völkerrechtler, lehrte in Halle. Der nationalliberal gesinnte Wissenschaftler hatte gute Beziehungen in die Politik. Er beschäftigte sich mit dem großen Justizreformer Christian Thomasius, der sich Anfang des 18. Jahrhunderts für eine neue Strafordnung und gegen Hexenprozesse engagierte. Wegen seiner jüdischen Abstammung entzogen ihm die Nazis 1935 seine Professur – und in Tübingen stempelten sie Hakenkreuze in seine Publikationen.

In den Tübinger Regalen haben jedoch nicht nur die von Fleischmann verfassten Bücher Platz gefunden. Schaut man genauer hin, entdeckt man auch Bücher, die ihm gewidmet wurden. Auch Bücher, die von ihm mit seinem Namen beschriftet oder von seiner Hand mit umfangreichen Anmerkungen versehen sind. Nicht nur in der völkerrechtlichen Abteilung der Seminarbibliothek. Wenige Wochen nach dem Tod ihres Eigentümers sind sie in Tübingen dienstverpflichtet worden. Max Fleischmann selber hat sich am 18. Januar 1943 in Berlin das Leben genommen, als ihn die Gestapo verhaftete, weil er den „Judenstern“ nicht tragen wollte.

Ungezählte Lehrende und Studierende sind schon achtlos an diesen Regalen der Tübinger Juristen-Bibliothek vorbeigegangen, ohne ahnen zu können, welches Schicksal diese stummen Buchrücken verdecken. Gelehrt hat Fleischmann nie in Tübingen. Dass er nach 1933 die Eberhard-Karls-Universität besuchte, ist unwahrscheinlich. Dennoch ging nach 1945 das Gerücht um, er persönlich habe in der NS-Zeit Bücher an der hiesigen Uni deponiert. Mit der Wahrheit hat es allerdings nichts zu tun. Ihr kommt man nur zufällig und über Umwege auf die Spur.

„Sehr verehrter Herr Guggenheimer!“, schreibt am 28. Juni 1948 der kommissarische Leiter der Tübinger Universitätsbibliothek Wilhelm Hoffmann an den Erbauer der 1938 von der SA zerstörten Stuttgarter Synagoge. „In der Universitätsbibliothek Tübingen befinden sich von der Gestapo vor Jahren dort eingelieferte Bücher, die zum Teil den Besitzvermerk Dr. med. Cäsar Hirsch, zum Teil den Eintrag Professor Dr. M. Fleischmann enthalten. Wissen Sie, sehr verehrter Herr Guggenheimer, ob die beiden Persönlichkeiten oder etwaige Nachkommen von ihnen noch am Leben sind?“

Die Kisten bleiben

Ernst Guggenheimer, einer der wenigen Überlebenden der Stuttgarter Juden, kann offenbar nicht weiterhelfen, also bleiben die Kisten an Ort und Stelle bis 1954 ein neuer Anlauf gestartet wird. Diesmal wendet sich der neue UB-Direktor Paul Gehring an die Stuttgarter Israelitische Religionsgemeinschaft, nun mit der Behauptung: „Die Bücher wurden wahrscheinlich in den Jahren zwischen 1933 und 1945 hier von den Eigentümern deponiert, Aktenvorgänge sind nicht vorhanden, die Erinnerung ist durch Personalwechsel abgerissen.“ Kurz danach verlassen die Problempakete die Uni-Bibliothek, 257 Bücher aus dem Besitz von Cäsar Hirsch und 121 Bücher aus dem Besitz von Max Fleischmann und treffen im November 1954 in Stuttgart ein. Auf eine Anzeige im New Yorker Emigranten-Blatt „Aufbau“ melden sich Erben von Hirsch und Fleischmann, die fortan wieder über ihr Eigentum verfügen können – allerdings in beiden Fällen nur über einen Bruchteil, wie Jahrzehnte später unsere Recherchen ergeben.

Denn 1999 stellt sich heraus, dass der Großteil der medizinischen Privatbibliothek des Stuttgarter HNO-Facharztes Cäsar Hirsch nach wie vor im Magazin der Universitätsbibliothek steht, außerdem ein Konvolut von Zeitschriftenbänden in der HNO-Klinik. Die Bücher waren nicht vom Eigentümer deponiert worden, sondern von der Gestapo. Gegen einen geringen Betrag an die Staatskasse hatte sich die Universität die Bücher formal angeeignet. Sie beließ sie auch nach der NS-Zeit in ihrem Magazin; nicht weil Akten oder Erinnerungen fehlten, sondern schlicht aus mangelndem Unrechtsbewusstsein. Die Bibliothek des jüdischen Emigranten sei 1938 von der Gestapo „zur vorläufigen Aufbewahrung überwiesen“ und „der Universitätsbibliothek 1940 für 1000RM überlassen“ worden, heißt es 1981 in einer Buchveröffentlichung. Überwiesen? Überlassen? Im Jahr 2001 schickt die Uni diese Bücher endlich an die Erben nach Kalifornien.

Beschwichtigende Antwort

Schneller als bei Hirsch wurde die Universität vom Fall Fleischmann eingeholt. Georg Fleischmann, der noch rechtzeitig ins amerikanische Exil gelangte Bruder von Max Fleischmann, gibt sich mit dem Tübinger Bücherpaket nicht zufrieden und fragt im Juli 1955 bei der Uni Tübingen an: „Da, wie mir bekannt, die Bibliothek meines Bruders über 1000 sehr, sehr wertvolle Werke enthielt, nehme ich an, dass es ihnen auch bekannt sein dürfte, wohin der weit überwiegende Teil der Bibliothek gekommen ist, da ich beabsichtige diese auch als mein Eigentum zu reklamieren.“ Auf die wenig einfühlsame, eher beschwichtigende Antwort des UB-Direktors fordert Georg Fleischmann die Tübinger auf, auch die „abgelegenen Stellen“ der Magazine durchzusehen und zu überprüfen, ob nicht „der grössere und wertvollere Teil dieser Bibliothek meines Bruders bereits in Ihre eigene Bibliothek eingeordnet worden ist“. Er selber werde „alle Papiere, die von meinem Bruder und dessen verstorbenen Ehefrau stammen und die aus der Ostzone gerettet wurden“ auf mögliche Hinweise durchschauen.

In seiner zweiten Antwort verweist Gehring auf ergebnislose Nachforschungen in seinem Haus, sogar sein regulärer Vorgänger, der „Max Fleischmann persönlich gekannt hat“ (er war 1905 bis 1920 UB-Direktor in Halle und kam danach nach Tübingen), habe sich an nichts Bestimmtes erinnern können. Georg Fleischmann übergibt nun die Angelegenheit einem New Yorker Rechtsanwalt, der in seinem Anschreiben an die UB auf Unterlagen zurückgreift, laut denen Max Fleischmanns Witwe „eine große Anzahl wertvoller Bücher unter Zwang um den viel zu billigen Preis von 6500.- RM an die Universität Tübingen verkauft hat.“ Und so nehme er denn auch an, „dass die Universität und die Universitätsbibliothek Tübingen wohlgeordnete Betriebe darstellen, in denen eine verhältnismäßig hohe Ausgabe von 6500.- RM nicht nur ordnungsmäßig gebucht ist, sondern auch all das, was die Universitätsbibliothek an Büchern des Herrn Prof. Fleischmann für die 6500.- RM erhalten hat.“

Dieses Schreiben vom 25. Oktober 1955 verfehlt seine Wirkung nicht. Intensiver als bislang wird noch einmal recherchiert, jetzt nicht ausschließlich in der UB. Und man wird fündig. „Wie ich jetzt feststellen konnte, befindet sich im öffentl-rechtl. Seminar d. Univ. eine größere Anzahl von Büchern, die aus d. Bibl. v. Prof. Fleischmann stammen, deren Eingangsjahr dort aber nicht feststellbar ist“, vermerkt UB-Referent Hans Widmann am 2. November 1955 in einer Aktennotiz. Tags darauf fügt er noch hinzu: Aus dem Zugangsbuch des Öffentlich-Rechtlichen Seminars ergebe sich, dass im Frühjahr 1945 genau 837 Werke mit der Angabe „Fleischmann“ akzessioniert wurden. Mit dem Hinweis, dass möglicherweise „damals nicht nur ins Öfftl.-Rechtl. Seminar, sondern auch in andere Institute der Universität Bücher aus der Bibliothek Fleischmann gekommen sind“, gibt die UB die Angelegenheit ans Rektoramt ab.

Nicht mehr aufzufinden

Wochen später erinnert sich ein UB-Mitarbeiter an ein Schreiben des Jura-Professors Merkl aus dem Jahr 1949 an den UB-Direktor, in dem von Akten und Drucksachen die Rede sei, die „von der Universität aus dem Nachlaß des Professor Fleischmann erworben worden“ seien. Das von Merkl „um 1945“ abgelieferte Aktenbündel sei aber nicht mehr aufzufinden.

Auch heute weiß man nicht, wo diese Akten geblieben sind und was sie enthalten. Und die alten Akzessionsjournale der Juristischen Fakultät sind zwar noch vorhanden, aber nicht für die Jahre zwischen 1943 und 1945. Auch lassen sich weder in der Juristischen Fakultät noch im Universitätsarchiv Dokumente finden, die für die Zeit nach 1955 eine weitere Korrespondenz irgendeiner Universitäts-Einrichtung mit Georg Fleischmann oder seinem Anwalt enthalten.

Indes gibt es ein Protokoll in alten Fakultätsakten über eine Besprechung am 26. März 1943: Jura-Professor Genzmer berichtet seinen Kollegen Moeller, Kern und Merkl von einem Lokaltermin auf einem Berliner Speicher. Dort lagerte Fleischmanns Büchernachlass. „Nach Angabe der Witwe des Professors Fleischmann hat dieser vor seinem Tode schon einige Materien verkauft, aber keine Einzelwerke, sodass nicht etwa die wertvolleren Stücke herausgesucht sind“, sagte Genzmer. „Vorhanden ist, soweit festgestellt werden konnte, Völkerrecht, ausländisches Staatsrecht, Kriegsrecht, auch Seekriegsrecht, Versailler Diktat und eine Reihe allgemeiner Werke, insbesondere auch geschichtliche.“

Die Runde billigt Genzmers Vorschlag, der Witwe einen Betrag von 5000 Reichsmark anzubieten. Kerns Anregung, den Universitätsbund um einen Zuschuss anzugehen, wird gutgeheißen – auch vom Universitätsbund, der im Haushaltsjahr 1943 einen Betrag von 2000 Reichsmark zuschießt. Im Februar 1944 quittiert eine Studentin 60 Reichsmark für „Katalogisierung der Fleischmann‘schen Bibliothek“.

Kurioserweise nutzt die Uni-Bibliothek – unabhängig von diesem Notverkauf der Witwe – im Juli 1948 ein günstiges Angebot des Haller Antiquariats Müller. Gekennzeichnet als ehemaliger Besitz Fleischmanns gibt es 200 Titel zur Zeitungswissenschaft und 240 zur Universitätsgeschichte. Die UB erwirbt letztere für 600 DM, übernimmt 110 Exemplare für sich, vom Rest erwirbt die UB Münster den Löwenanteil für 575 DM und einen kleinen Posten die Stuttgarter Landesbibliothek für 25 Mark. So zahlte sich Fleischmann ein zweites Mal für Tübingen aus.

Noch nicht entschieden

Wie viele von den im Juristischen Seminar magazinierten Fleischmann-Büchern heute noch vorhanden sind, lässt sich erst nach genauer Prüfung ermitteln. Was soll damit geschehen? Prof. Joachim Vogel, Dekan der Juristischen Fakultät: „Wenn es Erben gibt, mache ich mich dafür stark, dass es zu einer vernünftigen Lösung kommt. Bücher, die in einer Notlage verkauft wurden, wollen wir nicht gegen den Willen der Erben behalten.“ Als Ergebnis unserer Recherchen erreichte uns jetzt eine Email aus den USA: „I am the son of Ernest Fleischmann, grandson of George, great nephew of Max Fleischmann.“ Ob er sich an die Universität wenden möchte, hat er noch nicht entschieden.

Bücher eines verfolgten Juden im Juristenseminar
Regal aus der Bibliothek des Juristischen Seminars. Das dritte Buch von links hatte Fleischmann schon als Student besessen.

Bücher eines verfolgten Juden im Juristenseminar
Der Stempel des Völkerrechtlichen Seminars.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

16.06.2007, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Fuhrmanns-Gasthof mit schlagendem Erfolg Die Bachnersche Brauerei und das „Waldhörnle“

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular