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The Doors auf der Orgel

Brusch und Mikkelsen lassen es am Samstag rocken

Seit über 20 Jahren musizieren der Tübinger Violinist Jochen Brusch und der dänische Hoforganist Sven-Ingvart Mikkelsen miteinander. Morgen in der Martinskirche spielt das Duo Rock-Klassiker in der ungewohnten Besetzung Violine und Orgel – nur eine von Bruschs vielseitigen Facetten.

06.05.2011

Von Achim Stricker

Tübingen. Zu Dänemark hat Jochen Brusch eine besondere Affinität. Seit einigen Jahren hält er jeden Sommer auf der jütländischen Insel Mors Violin-Workshops. Eben dort begann 1974 Bruschs Liebe zu Dänemark, heute sein „zweites Heimatland“, wie er sagt. 1955 in Essen geboren, hat Brusch an der Folkwangschule studiert und auch das Royal College of Music in London absolviert.

Nach dem Violin-Studium wollte er erst einmal eine Weile ins Ausland. In Dänemark, hatte er erfahren, gibt es städtische Kammermusik-Ensembles, die von den Kommunen finanziert werden. Zu ihrem Tätigkeitsfeld gehören auch pädagogisch aufbereitete Auftritte in Schulen. Im dänischen Lehrplan ist für jede Klasse und jedes Schuljahr solch ein Konzert vorgesehen. Sobald die nächste Stelle frei wurde, bewarb sich Brusch und war von 1980 bis 1985 öffentlich angestellter Geiger im Klaviertrio der jütländischen Stadt Herning. „Für deutsche Ensembles ist das eine traumhafte Vorstellung“, bemerkt Brusch, „hierzulande können allenfalls zwei, drei professionelle Klaviertrios von ihren Konzerten leben.“ Auch nach seiner Zeit im „Herning Stadstrio“ musiziert Brusch heute regelmäßig in dänischen Schulen, mit Programmen wie „Tiere in der Musik“ und „In 45 Minuten um die ganze Welt“.

Auch bei den Kirchenkonzerten sieht Brusch „in Dänemark eine ganz andere Situation als in Deutschland: Die Kirche ist staatlich, jede Gemeinde bekommt jährlich ein Budget für sechs, sieben Konzerte.“ Und doch zog es Brusch 1985 nach Deutschland zurück. Drei Jahre lang war er Konzertmeister der Essener Philharmoniker. Im Opernbetrieb lernte er Wagner und Verdi schätzen und entdeckte die Operette für sich. „Aber im Orchester bist du eine Dienstnummer. Mit der Routine und dem Spiel in der Masse gehen schnell die technischen Feinheiten zurück.“

Brusch suchte nach einer Möglichkeit, Konzertieren, Komponieren und Unterrichten miteinander zu verbinden. So kam er 1988 nach Tübingen. Hier wuchsen auch seine drei Söhne auf, einer davon ist der heute in Berlin lebende Komponist Tristan Friedrich Brusch. In Tübingen entfaltete Jochen Brusch seine freikünstlerische Tätigkeit mit aktuell rund 100 Konzerten im Jahr. Bis 2001 unterrichtete er parallel an der Musikschule. 2003 gründete er das Ensemble „Tango Komplott“, konzertiert seither auch im Duo mit dem Bajan-Virtuosen André Moulin. 2008 gelang Brusch mit dem Ärzteorchester eine bemerkenswerte Interpretation von Beethovens Violinkonzert. 2009 übernahm er die Leitung des Tübinger Kammermusikkreises. Ob Zigeunermusik, Tango, Klassik oder Rock - Brusch und seine Geige sind erstaunlich verwandlungsfähig.

Und nun Pink Floyd für Violine und Orgel. The Doors und Jethro Tull mit großem Pedal-Solo. Seit 1988 gehört zu Bruschs dänischen Musikpartnern kein geringerer als Sven-Ingvart Mikkelsen, Organist der dänischen Königsfamilie an der Schlosskirche von Frederiksborg. Das Duo konzertiert weltweit mit eigenen Bearbeitungen, darunter Vivaldis „Jahreszeiten“, skandinavische Romantiker und auch Zeitgenössisches. Eines Tages stieß Mikkelsen in Bruschs CD-Beständen zu seiner großen Überraschung auf Pink Floyd. So entdeckten sie ihre gemeinsame Begeisterung für die Rockmusik der 60er und 70er. Mikkelsens Orgel-Bearbeitungen sind dabei nicht einmal so weit hergeholt, wenn man etwa an Procol Harums „A Whiter Shade of Pale“ denkt und an Matthew Fishers von Bach inspirierten Hammondorgel-Part. „Nimmt man Elektronik und Percussion weg, so kommt man zur inneren Substanz dieser Musik“, meint Brusch. Die Arrangements von „Wish you were here“ oder „Shine on your crazy diamond“ sind teils rockig, teils experimentell. „Und natürlich schwingt hier das Lebensgefühl der 60er und 70er mit“, schwärmt Brusch.

Bei ersten Konzerten im Kopenhagener Dom, in Indonesien und den USA feierte das Duo mit seinen Rock-Versionen große Erfolge. Zumal für Kalifornien schien der Retro-Rock mit schnittigen Violin-Einlagen und Orgel-Sound wie eigens konzipiert. Kirchenmusiker stolperten ahnungslos in die Proben des Duos und hielten „Riders on the storm“ in der Fassung für Violine und Orgel begeistert für „avancierte zeitgenössische E-Musik“. Und für Brusch ist es ganz klar: „Es gibt heute einen Wandel in der Mentalität der Konzertzuhörer, hin zu Crossover-Programmen. Pink Floyd kann mit Komponisten wie Ernst Krenek mithalten. Sie sind heute selbst zu Klassikern geworden.“

Info: Jochen Brusch (Violine) und Sven-Ingvart Mikkelsen (Orgel) konzertieren morgen um 18 Uhr in der Martinskirche. Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre haben freien Eintritt.

Macht aus den Doors avancierte E-Musik: Jochen Brusch. Bild: Metz

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Erstellt:
6. Mai 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Mai 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Mai 2011, 12:00 Uhr

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