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Brüder im Geiste, Kontrahenten

Boris Palmer und Hasnain Kazim diskutieren bis der Saal tobt

Tübingens OB Boris Palmer und der „Spiegel“-Korrespondent Hasnain Kazim diskutierten im ausverkauften Museum – und haben noch was gemeinsam vor.

22.01.2019

Von Peter Ertle

Der eine antwortet unermüdlich jedem, ob im Netz oder auf der Straße. Bei der politischen Linken und einigen seiner Parteifreunde steht er unter Verdacht, migrationsfeindliche Ressentiments zu bedienen. Der andere ist Sohn indisch-pakistanischer Eltern und bekommt jede Menge Hassmails, die er unermüdlich beantwortet. Eine gute Paarung, dachte sich die Osiandersche Buchhandlung. Das Publikum dachte sich das auch. Der Schillersaal war ausverkauft.

Der eine ist Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, der andere der „Spiegel“-Korrespondent Hasnain Kazim, der sein Faltrad mit nach Tübingen genommen hatte und seinen Ausweis, „falls mich der OB vom Rad holt“. Palmer lachte: „Wir sind Brüder im Geiste an verschiedenen Seiten des Tisches.“

Dann war es erstmal vorbei mit der Brüderlichkeit. So zu streiten, dass man hinterher jedesmal den Kontext erklären muss, finde er schwierig, sagte Kazim. Palmer würde in seinem Buch ja differenzieren. Viele Leute läsen aber nicht das Buch, sondern nur Palmer-Äußerungen in Schlagzeilen. „Und dann sehen Sie mich und sagen‚ der hat dunkle Hautfarbe, dem geben wir ein’s auf die Fresse‘.“

Hasnain Kazim. Bild: Andy Ridder

„Herr Palmer, was tun Sie, um solche Zuspitzungen zu verhindern?“, gab Moderator Bernd Villhauer vom Weltethosinstitut den Ball an Palmer weiter. „Wahrscheinlich nicht viel“, räumte der selbstkritisch ein. „Aber Herr Kazim macht genau das Gleiche wie ich.“ Darauf Kazim: „Aber Sie machen das regelmäßig.“ Heiterkeit im Saal. Palmer zitierte eine von Kazims Antworten: „Gewöhn dich dran. Wir sind hier. Wir werden immer mehr und wir beanspruchen Deutschland, ob dir das gefällt oder nicht.“ Er, Palmer, finde so eine Äußerung sympathisch, er habe volles Verständnis, dass es einem auch mal reiche, wenn man so angegriffen werde wie Hasnain Kazim. Aber die Äußerungen würden von Rechten als Beleg für den Plan einer Islamisierung gelesen.

Kazim räumte ein, der Satz sei unklug gewesen. Er legte dar, in welcher Situation und warum er ihn äußerte und warb so um Verständnis. Gleiches machte Palmer mit seiner provozierenden Äußerung „Hab dich nicht so, wenn der Araber dich fickt“ am Ende einer enervierenden Facebookdebatte. Kazim blieb trotzdem bei seiner Vermutung, die Provokation sei eine Masche des OB – und das wundere ihn, denn Palmer täte sich damit doch selbst keinen Gefallen: „Wenn ich von außen auf Tübingen schaue, denke ich, da geht es drunter und drüber, der OB ist durchgeknallt. Und wenn ich in Tübingen mit Leuten spreche, erfahre ich, dass er ganz in Ordnung ist.“

Dem Vorwurf der „Masche“ widersprach Palmer heftig: Er habe, ganz recht beobachtet, keinen persönlichen Vorteil davon, im Gegenteil. Er sei auch keineswegs so aufmerksamkeitssüchtig wie oft behauptet. Er sage eben, was er denke.

„Wir können nicht alles sagen, was wir denken – und wenn wir es nicht dürfen, hat das nichts damit zu tun, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist, sondern damit, dass es so etwas wie Anstand gibt“, so Kazim – zwar nicht als Replik auf Palmer, sondern zu einem Hasskommentator. Aber es passt an dieser Stelle gut.

Boris Palmer. Bild: Marko Knab

Palmer, so wurde an diesem Abend klar, sind zu viele Bereiche tabuisiert: „Ich finde, es gibt wenig, was nicht zur Debatte stehen sollte, vielleicht noch ‚Du sollst nicht töten‘.“ Alles andere müsse immer wieder diskutiert und neu definiert werden. Und, in dem Zusammenhang: Als er „Menschenrechtsfundamentalismus“ sagte, habe er doch nicht dafür plädiert, Menschen ertrinken zu lassen, sondern sie zurück an die afrikanische Küste zu bringen statt alle nach Italien. „Salvini ist eine Folge davon, dass Italien die 100.000 jungen Männer aus Afrika nicht verkraftet hat. So machen wir die Rechten stark.“

Was können die Medien tun, um falsche Zuspitzungen und reißerische Schlagzeilen zu verhindern? Kazim plädierte dafür, öfters mal etwas zu übergehen. „Wenn Gauland sagt, die Nazizeit sei ein Vogelschiss der Geschichte, darf man das nicht übergehen, aber zum Beispiel wenn Herr Palmer sich zu Berlin äußert.“ Boris Palmer monierte, dass von seinen zahlreichen Widerreden gegen Rechte auf Facebook noch nie auch nur eine von den Medien aufgegriffen worden sei. Und wenn er darlege, dass Tübingen die einzige Stadt in Deutschland sei, die das Wirtschaftswachstum um 25 Prozent gesteigert und den Energieverbrauch um 32 Prozent gesenkt habe, interessiere das außer dem SCHWÄBISCHEN TAGBLATT niemand. Kazim gab den an die Medien gerichteten Vorwurf an die Menschen im Saal zurück: „Was erzählen Sie weiter? Wenn Sie lesen, dass die Wirtschaft der Stadt um ein paar Prozent gestiegen ist oder dass der OB wieder jemand vom Rad geholt hat?“

Villhauers an Palmer gerichteter Hinweis, es sei aber doch auffällig, dass er sich immer das provozierende Thema Flüchtlinge suche, konterte der mit einer Frage und einer Erinnerung. Die Frage: Auch wenn es so sei, dass es im Alltagsleben der meisten Menschen andere Probleme gebe als Flüchtlinge – wenn dieses Thema die Mediendebatte bestimme, könne man sich da einfach raushalten? Die Erinnerung: Als die Grünen 1990 mit dem Slogan „Alle reden über Deutschland, wir reden übers Wetter“ Wahlkampf machten, flogen sie mit 4,8 Prozent aus dem Bundestag.

„Wissen Sie was: Debattieren Sie doch mal auf meiner Facebookseite mit und ich nehme Sie in Schutz gegen alle Angriffe. Und ich debattiere auf Ihrer Seite mit und Sie verteidigen mich!“, so Palmers Angebot am Schluss. Kazim überbot es: „Nein, ich übernehme für eine Woche Ihre Seite und Sie für eine Woche meine!“ Danach tobte der Saal wie nach den letzten Klängen eines Konzerts.

PS: Die meinen das ernst. Und basteln bereits an technischen Lösungen (damit der eine nicht auf die Privatsphäre des anderen kann). Wenn es so weit ist, wird das TAGBLATT berichten, was sich auf beiden Facebookaccounts so tut.

Hasnain Kazims „Post von Karlheinz“

Seit Jahren wird der in Oldenburg geborene „Spiegel“-Korrespondent Hasnain Kazim in Hass-Mails als „Hurensohn“, „Verräter“ oder „Ratte“ beschimpft – nur wegen seines Aussehens oder fremdländischen Nachnamens. Vom 1. Januar 2016 an beantwortete er diese Mails zwei Jahre lang. Ergebnis davon ist sein Buch „Post von Karlheinz – wütende Mails von richtigen Deutschen.“

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Erstellt:
22. Januar 2019, 21:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Januar 2019, 21:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2019, 21:00 Uhr

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