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„Sie haben genügend Qualität“

Bruchhagen ist davon überzeugt, dass der VfB und Hannover sofort wieder aufsteigen

Fußballroutinier mit klarer Kante: Heribert Bruchhagen geht davon aus, dass die Absteiger Stuttgart und Hannover die 2. Liga dominieren werden.

02.08.2016
  • ARMIN GRASMUCK

Wie froh waren Sie eigentlich, dass Sie am Ende Ihrer 13 Jahre im Amt bei Eintracht Frankfurt in der Relegation, also in allerletzter Sekunden, den Abstieg in die 2. Liga verhindern konnten?

HERIBERT BRUCHHAGEN: Das Wort froh deckt es nicht einmal ab. Der Zustand der letzten Monate in der vergangenen Saison – das galt für die Kollegen, die in Stuttgart und Hannover in der Verantwortung standen, genauso – war einfach nicht auszuhalten. Umso schöner ist der Moment, wenn du am Ende die Klasse gehalten hast. Wir haben uns in der Relegation gegen Nürnberg zwar verdient durchgesetzt, aber der entscheidende Treffer fiel erst 26 Minuten vor Schluss.

Wie ist es möglich, dass die Stuttgarter, die schon gerettet schienen, in die Abwärtsspirale gerieten?

BRUCHHAGEN: Es ist ein Phänomen, das eigentlich nur Insider verstehen können. Da gibt es die Eigendynamik des Erfolgs und auch die des Misserfolgs. Letztere habe ich in der Saison 2010/11 erlebt, als wir mit Frankfurt absteigen mussten. Wir waren nach der Hinrunde Tabellensechster mit 26 Punkten, haben in der Rückrunde aber nur noch sieben Punkte geholt. Die gleichen handelnden Personen, die gleichen Spieler, der gleiche Trainer – all diejenigen, die zuvor erfolgreich waren, sind abgestürzt. Natürlich gibt es da tausend Interpretationen, jeder weiß, woran es liegt. Die Wahrheit ist aber eine andere: Du kannst dich gegen diese Eigendynamik nicht wehren. Das gilt übrigens auch für den Erfolgsfall.

Neben dem VfB und Hannover gibt es im Unterhaus einige andere Klubs, die möglichst schnell in die Bundesliga zurückkehren wollen. Wen sehen Sie am Ende vorne?

BRUCHHAGEN: Ich bin davon überzeugt, dass Stuttgart und Hannover es sofort wieder schaffen. Nach allem, was ich gehört und gelesen habe, werden sie mit bundesligatauglichen Mannschaften antreten. Wir müssen uns vor Augen halten: Würden wir die vergangene Saison noch einmal starten, wäre überhaupt nicht gewährleistet, dass Hannover auf Platz 18 landet, sie könnten auch Zwölfter werden – genauso gut könnten Darmstadt und Ingolstadt weiter hinten rangieren. So groß war der Leistungsunterschied nicht. Aber in der Relegation haben wir festgestellt, dass unsere wirklich nicht gute Frankfurter Mannschaft den Nürnbergern haushoch überlegen war. Also ist für mich klar, dass der VfB und die 96er direkt wieder aufsteigen.

Stimmt es, dass gerade mit Blick auf die Finanzen der sofortige Wiederaufstieg realisiert werden muss?

BRUCHHAGEN: Stimmt. Ein Jahr lang kannst du die Ausgabenseite auf dem Niveau der Bundesliga kompensieren. Der Einnahmeverlust beträgt etwa 40 Prozent. Bei einem Umsatzvolumen von 80 bis 100 Millionen Euro ist es gravierend. Das kannst du ausgleichen, wenn du Spieler verkaufst – wie es die Stuttgarter gerade machen. Ab dem zweiten Jahr wird es schwierig. Das beweisen die Beispiele Karlsruhe, Kaiserslautern, Bochum oder Duisburg, die es nicht geschafft haben und im Mittelmaß der 2. Liga verschwunden sind.

Wie können die Verantwortlichen, gerade bei renommierten Klubs wie dem VfB, diesen ungeheuren Druck, sofort aufsteigen zu müssen, in positive Energie umwandeln?

BRUCHHAGEN: In Frankfurt waren wir auf den überraschenden Abstieg gut vorbereitet. Wir hatten ein gutes Eigenkapital, konnten die Mannschaft weitgehend zusammenhalten und sogar gezielt verstärken. Wir haben das Geld in die Hand genommen und sind direkt wieder aufgestiegen. Es ist etwas, was einfach dazu gehört. Diese Risikovorsorge, die auch in anderen Bereichen des Lebens getroffen wird. Aber ehrlich: Ich möchte das Ganze nicht noch einmal durchmachen.

Wie sehr hat Sie als Fußballroutinier der Abstieg des VfB überrascht?

BRUCHHAGEN: Total überrascht! Wir haben in Stuttgart 4:1 gewonnen, da hätte es zur Halbzeit eigentlich 3:0 für den VfB stehen müssen. Da schaffte Martin Harnik beim Stand von 1:1 das Kunststück, den Ball aus einem halben Meter über die Latte zu schießen. Das sind markante Dinge, die eine Saison beeinflussen. Stuttgart war auch im Heimspiel gegen Schalke haushoch überlegen und verlor 0:1. Am Ende waren sie chancenlos. Vor dem Heimspiel gegen Mainz wusste ich: Sie können die Partie in dieser Situation nicht gewinnen. Ich darf das sagen, weil ich es fünf Jahre zuvor in Frankfurt selbst erfahren habe.

Was macht Sie so sicher, dass der VfB sofort zurückkommen kann?

BRUCHHAGEN: Sie haben genügend Qualität. Es ist eine gestandene Mannschaft, auch wenn ein paar Spieler weggegangen sind. Es ist genug Erfahrung und Potenzial in der Mannschaft um den Kapitän Christian Gentner. Die Qualität der 2. Liga ist zwar gut, aber Stuttgart und Hannover werden dominieren.

Ist es für die Traditionsvereine wie den VfB, Frankfurt oder Nürnberg, deren Anhänger gedanklich eher im Europapokal spielen, doppelt schwer, sich in dem Fußballgeschäft der Neuzeit zu behaupten?

BRUCHHAGEN: Ganz einfach, wir haben Klubs, die es früher nicht gab. Leverkusen und Wolfsburg – gegen die habe ich in der 2. Liga selbst noch gespielt. Hoffenheim, da wusste ich anfangs nicht einmal, wo es liegt. Diese Vereine sind der Grund, warum die Traditionsklubs immer weiter nach hinten gedrückt werden. In der nächsten Saison werden in der Bundesliga sieben bis acht dieser großen, alten Klubs um die Plätze zehn bis 18 spielen.

Sie haben angedeutet, dass Sie Ihrem Nachfolger in Frankfurt, Fredi Bobic, ein dickes Festgeldkonto hinterlassen haben. Hat er schon einmal angerufen und gefragt, wie er das Geld am besten einsetzt?

BRUCHHAGEN: Nein. Wir haben eine wunderbare Übergabe gemacht. Fredi hat mein Büro bezogen. Er hat auch meine Wohnung im Stadtteil Sachsenhausen bezogen – und fertig. Ich erwarte auch nicht, dass er anruft. Es ist ein Ehrenkodex, dass man sich zu dem Verein, bei dem man lange in der Verantwortung stand, nicht äußert.

Von der 2. Liga in den Europapokal

Spitzenfunktionär Heribert Bruchhagen stand in den vergangenen 13 Jahren als Vorstandsvorsitzender der Eintracht Frankfurt Fußball AG in Amt und Würden. Mit den Hessen schaffte er nach dem Absturz in die 2. Liga den direkten Wiederaufstieg und später den Einzug in die Europa League. Zuvor war er als Manager auf Schalke, beim Hamburger SV und in Bielefeld tätig gewesen. Der ausgebildete Sport- und Geografielehrer kickte als Spieler in der 2. Liga für den FC Gütersloh, bei dem er auch als Trainer unter Vertrag stand. Seit August 2007 sitzt der Westfale im Vorstand der Deutschen Fußball Liga, zudem ist er Mitglied im Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes. In der kommenden Saison ist Bruchhagen als Experte des Bezahlkanals Sky bei den Spielen der Bundesliga im Einsatz. ⇥gra

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02.08.2016, 06:00 Uhr
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