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Die Geschichte des ehemaligen französischen Emigrantenlokals „Bonne Auberge“

Brillanten, Bier und Blutwurst

Das derzeit im Umbau befindliche Haus der Familie Özgür in der Stadtlanggasse 10 hat eine wechselvolle Geschichte: Unter den Gästen, die sich hier einen Schoppen Roten oder ein hausgebrautes Bier und Schwartenmagen kredenzen ließen, waren französische Hochadelige ebenso wie Rottenburger Handwerker.

23.05.2009
  • Ursula Kuttler-Merz

<strong>Rottenburg. </strong> „Den 30. November 1792 zog in Rottenburg und rings herum ein französisches Korps der Ausgewanderten in das Winterquartier.“ Innerhalb weniger Tage fanden 1100 königstreue Emigranten und 500 Pferde Aufnahme in der damals österreichischen Stadt: Offiziere und Geistliche, Grenadiere, Jäger, Husaren, Kanoniers und Ulanen. Auch in den folgenden Jahren lebten die wegen der Revolution geflohenen Franzosen monatelang in Rottenburg, darunter, wie 1794, samt Tafelsilber und Kammerdienern, die „Blume des alten französischen Adels“.

In den Abendgesellschaften „blitzten die Diamanten an den Fingern der Herren und am Kopfputz der Damen, die man tagsüber in der Dormeuse und im Negligé sah“. Da war der alte Prinz Condé (Louis-Joseph, Cousin von König Louis XVI), dessen Sohn, der Duc de Bourbon und Condés Enkel Louis-Antoine Henri Duc d'Enghien (1804 auf Befehl Napoleons erschossen), Prinzessin Louise de Condé, gefürstete Äbtissin zu Remiremont, der Herzog von Valentinois, Graf de Chillot, die Bischöfe von Chalon und Saintdieu, die Grafen Damas und Montesson, der Marchese Grimaldi (der in Rottenburg starb) und die Prinzessin Monaco geb. Grimaldi, über die Goethe einst in sein Tagebuch schrieb: „Anmutiger war nichts zu sehen als diese schlanke Blondine; jung, heiter, possenhaft; kein Mann, auf den sie's anlegte, hätte sich verwahren können.“

Prinzlicher Taufschmaus

in der Herberge

Beliebter Treffpunkt der unglücklichen Heimatlosen war das nach dem Stadtbrand von 1735 erbaute Haus an der Kreuzung Sonnengasse/Stadtlanggasse: die „Bonne Auberge“, eine „gute Herberge“. Als im Februar 1795 in Rottenburg Prinz Fernand Charles Louis de Condé geboren und in St. Martin getauft wurde, fand hier möglicherweise der festliche Taufschmaus statt – im Beisein der Paten Henri Prinz de Rohan-Rochefort und des Edelfräuleins Marie Felicitas de Laquiante, Tochter des Capitains im Regiment la Marque. Nach dem Abzug der Condé'schen Armee am 13. Mai 1795 wurde es still um die Bonne Auberge – ob die Emigranten zuvor noch ihre Zeche bezahlt hatten, ist fraglich, denn die mittlerweile verarmten Adeligen hinterließen auch beim Rottenburger Kaufmann Bellino Schulden in Höhe von 3000 Gulden.

Die gastronomische Tradition in der Stadtlanggasse 10 erfuhr anno dazumal eine Unterbrechung durch Einrichtung einer Hutmacherwerkstatt, die dann zur Bierbrauerei und Branntweinbrennerei umfunktioniert wurde. Eigentümer waren unter anderem die Rottenburger Bierbrauer Joseph Hofmeister, Friedrich Bolz, Carl Heberle sowie (1836) Xaver Müller und Barbara geb. Edelmann: Sie hatten 1800 Gulden Bargeld, die Gattin besaß „goldene Steck-Gluf und Granatnuster“, Silber- und Goldhauben, die zur Rottenburger Tracht gehörten.

Nach 1900 umfasste die Ausstattung der mit 13800 Mark veranschlagten „Bonne Auberge“ (Wirt war der Küfer Friedrich Müller) eine kupferne 2400 Liter-Braupfanne, Eisenblech-Kühlschiffe, Maischbottich von Eichenholz mit Rührwerk und eine Malzdörre. Die Scheuer beherbergte Stall, Barn, Tenne und Futterbühne, hatte Wasser- und Gasleitung, elektrische Beleuchtung und eine Hopfendarre. Jahrzehnte später übernahmen Johann Storz (er starb 1954) und seine Frau Anna die „Bonne Auberge“. Im Frühling 1945 erlebte das von den Einheimischen „Bohnabersch“ genannte Lokal eine besondere Renaissance. Statt Asyl suchenden Condé-Prinzen kamen jetzt französische Besatzungssoldaten, die sich im Gasthaus mit dem heimatlich-vertrauten Namen häuslich niederließen und von Mutter Storz bekocht wurden.

Der Seffle und

andere Originale

Ansonsten trafen sich in der „Wirtschaft und Metzgerei“, 1959 in „Bürgerstüble“ umbenannt, vor allem Rottenburger Originale wie der Edelmann-Seffle, seines Zeichens Rennwagenfahrer und Ahlandschellen-Fabrikant, Bäckermeister Franz Schäfer, Elektromeister Ruckgaber und der unvergessene Otto Freund: „Der hot immer an große Appetit ghet“ erinnert sich Wirtssohn Josef Storz, und besonders schmeckte ihm „Kesselfleisch und Knöchlen“. Neben Metzelsuppe mit Sauerkraut aus der eigenen Krautstande servierte Anna Storz aber auch Linsen mit Spätzle und knusprigen Braten mit Kartoffelsalat. Beim Rottenburger Krämer-, Vieh- und Schweinemarkt wimmelte die Gaststube von auswärtigen Besuchern, die sich zum Vesper neben Bier auch hauseigenen Most munden ließen. Und zur Fasnetszeit herrschte im historischen Saal in der Bel Etage frohes Narrentreiben. Längst blitzten nun in der „Bonne Auberge“ keine Diamanten mehr an den Fingern der Herren – mit einer Beinah-Ausnahme: Stammgast Karl Schmid trug immerhin einen kostbaren Aquamarin-Ring, der die Tochter des Hauses einst sehr beeindruckte.

Brillanten, Bier und Blutwurst
Ganz in Weiß: Metzgermeister Johann Storz und seine Frau Anna waren die letzten Wirtsleute der alten Rottenburger „Bonne Auberge“, die 1959 in „Bürger-stüble“ umbenannt wurde. PrivatbildGanz in Weiß: Metzgermeister Johann Storz und seine Frau Anna waren die letzten Wirtsleute der alten Rottenburger „Bonne Auberge“, die 1959 in „Bürger-stüble“ umbenannt wurde. Privatbild

Brillanten, Bier und Blutwurst
Hier ist sie (im Vordergrund) noch mit offenem Dach zu sehen: Nicht nur eine Fassadenrenovierung bekommt die „Bonne Auberge“ heuer. Bild: MozerHier ist sie (im Vordergrund) noch mit offenem Dach zu sehen: Nicht nur eine Fassadenrenovierung bekommt die „Bonne Auberge“ heuer. Bild: Mozer

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23.05.2009, 12:00 Uhr
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