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In Europa angekommen

Breslau ist die Kulturhauptstadt 2016

1945 ging Breslau im Weltkrieg unter und es entstand Wroclaw. Heute erzählt diese niederschlesische Metropole ihre spannende polnisch-deutsche Geschichte ganz offen - als Kulturhauptstadt Europas 2016.

08.10.2015
  • JÜRGEN KANOLD

Breslau "Menschen, die ins Museum, ins Theater oder ins Konzert gehen, sind glücklicher", sagt Rafal Dutkiewicz. Der Mann ist freilich kein Schöngeist, er ist Oberbürgermeister der 630 000 Einwohner zählenden Stadt Wroclaw, also der niederschlesischen Metropole Breslau.

Dutkiewicz - groß, eloquent, einnehmende Patriarchen-Aura - rechnet gerne: Nur neun Prozent der Bevölkerung Breslaus nähmen an kulturellen Ereignissen teil. Die Quote möchte er verdoppeln. "Wir müssen kreativer, innovativer in Polen werden, deshalb investieren wir in die Kultur", sagt der 56-Jährige, der seit einem Studienjahr in Freiburg perfekt Deutsch spricht und gerne Heidegger-Anekdoten erzählt.

Und wer internationale Top-Manager in seine Stadt locken wolle, müsse halt auch mit einem Opernhaus aufwarten. Oder mit einem Konzerthaus: In Breslau ist gerade das 110 Millionen Euro teure Nationale Musikforum eröffnet worden, das 1800 Plätze und eine sensationell gute Akustik bietet; die Münchner oder Stuttgarter träumen nur von einem solchen Saal.

Man muss bis nach Polen fahren, um von einem Politiker ein derartiges Plädoyer für die Kultur zu hören. Vielleicht liegt das daran, dass Dutkiewicz über mathematische Logik promovierte und auch lange eine Headhunter-Firma leitete. An einer Wand seines prächtigen neugotischen Büros im Neuen Rathaus hängen Erinnerungsfotos: mit Angela Merkel, George Bush senior und Papst Benedikt. "Wir stehen heute auf der richtigen Seite", sagt der frühere Solidarnosc-Aktivist - und dann folgt auch ein Loblied auf die Europäische Union, wie es selten gesungen wird. Kein Zweifel, die Polen profitieren enorm von der EU, politisch und wirtschaftlich, natürlich beteiligte sich Brüssel auch mit 20 Millionen Euro am Nationalen Musikforum.

Das alles kulminiert 2016 im Titel "Europäische Kulturhauptstadt". Selten hatte ein Bewerber eine überzeugendere Motivation als Wroclaw/Breslau: "Wir streben danach, dass die Stadt sich mit der Kultur und durch die Kultur entwickelt." Das ist keine Floskel, denn Breslau hat eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen, ja in dieser Stadt ist zu erleben, wie eine Bevölkerung überhaupt erst ein Gemeinschaftsgefühl sich erarbeitet. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg lag Breslau, das seit Friedrich dem Großen zu Preußen gehörte und davor lange zum habsburgischen Österreich, das noch unter Kaiser Wilhelm II. nach Berlin und Hamburg die drittgrößte deutsche Stadt war, völlig in Trümmern. Die Nazis hatten 1945 Breslau zur Festung erklärt, die Stadt mörderisch evakuiert. Dann zogen die Sowjets neue Grenzen und vertrieben mit ihrem Vasallen, dem kommunistischen Polen, brutal die Deutschen. Wer da aber nun einzog, waren auch wieder von den Russen Vertriebene: Polen aus dem Osten, viele aus Lemberg. Ein Flüchtlingselend historischen Ausmaßes. Kaum zu fassen: Da wurde die Bevölkerung einer Stadt in der Größe Stuttgarts zu 100 Prozent ausgewechselt. Menschlicher gesagt: Von den heute 20-Jährigen hat keiner einen Großvater oder eine Großmutter, die in Breslau geboren wurden.

Ja, man darf längst wieder Breslau sagen, der Oberbürgermeister von Wroclaw tut es auch: Man nimmt das Erbe an, als Europäer. Bis zur Zeitenwende 1989/1990 war die viele Jahrhunderte alte deutsche Geschichte per staatlichem Dekret einfach getilgt. Heute zeigt das Stadtmuseum im ehemaligen Königsschloss der Preußen, wo 1813 König Friedrich Wilhelm III. den Aufruf "An mein Volk" diktierte und die Deutschen zum Kampf gegen Napoleon einschwor, die ideologiefreie, informative Ausstellung "1000 Jahre Breslau" - mit deutschen Texttafeln. Es gibt auch einen "Führer durch die Ausstellung" auf Deutsch - früher wäre man mit einem solchen Buch in Händen als Revanchist beschimpft worden.

Wer durch diese junge, auch von 130 000 Studenten belebte Stadt an der Oder flaniert, stößt nicht zuletzt auf Spuren deutscher Architektur der Klassischen Moderne, etwa das berühmte Warenhaus Wertheim (heute Renoma). Max Bergs "Jahrhunderthalle" war 1913 mit 65 Metern Durchmesser der damals größte Kuppelbau der Welt - und steht seit 2006 auf der Welterbeliste.

Die Polen, die ihre Stadt neu aufbauten, suchten Identität zunächst in den katholischen Kirchen, im Dom etwa, dessen Geschichte bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht, als noch die polnischen Piasten herrschten. Aber es war der Breslauer Kardinal Kominek, der schon 1965 einen Hirtenbrief an die deutschen Amtsbrüder verfasste: "Wir vergeben und bitten um Vergebung." Zweisprachig steht dieser Satz auf einem Denkmal.

Das ist endlich friedvolle deutsch-polnische Geschichte. Mehr noch: Für OB Dutkiewicz war Kominek ein großer Europäer. Und jetzt sei die Zeit gekommen, das weltoffene Wroclaw zu präsentieren. Ein Schlagwort der Europäischen Kulturhauptstadt 2016 lautet: "Raum für die Schönheit".

Breslau ist die Kulturhauptstadt 2016

Breslau ist die Kulturhauptstadt 2016
Das Wahrzeichen der Stadt Wroclaw/Breslau ist das spätgotische Rathaus am Marktplatz (unten). Zum Weltkulturerbe gehört seit 2006 die Jahrhunderthalle. Neu entstanden ist ein prächtiger Konzertsaal, das Nationale Musikforum (oben). Fotos: Jürgen Kanold

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08.10.2015, 12:00 Uhr
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