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Brennpunkte der Geschichte
Religiös motivierte Massaker wie die Bartholomäusnacht hier ein Gemälde von Francois Dubois (1529-1584) spielen in Ken Folletts neuem Roman „Das Fundament der Ewigkeit“ eine zentrale Rolle. Foto: Getty Images
Literatur

Brennpunkte der Geschichte

In seinem neuen Roman setzt Ken Follett die Kingsbridge-Saga fort und taucht ein in die blutigen Glaubenskriege des 16. Jahrhunderts.

18.09.2017
  • BERTHOLD MERKLE

London. Bombastischer Titel, mächtiger Umfang: „Das Fundament der Ewigkeit“ ist mit seinen knapp 1200 Seiten wieder ein Werk, wie man es von Erfolgsautor Ken Follett gewöhnt ist. Doch dieses Mal ist alles ein bisschen anders. Das beginnt schon damit, dass für den neuen Roman das übliche Zeitprogramm nicht eingehalten werden konnte. Normalerweise liefert Follett pünktlich alle zwei Jahre ein neues Buch ab. Jetzt sind drei Jahre vergangen. Weil der Stoff komplexer und umfangreicher ist, reichte die übliche Einteilung aus acht Monate planen und recherchieren, acht Monate für den ersten Entwurf und acht Monate für die Überarbeitung und den Feinschliff nicht aus.

Für den dritten Band seiner Kingsbridge-Saga hat sich der 68-jährige Engländer in die Zeit von Königin Elisabeth I. versetzt. Die Kathedrale steht noch, aber in ihr und um sie herum toben die Glaubenkriege des 16. Jahrhunderts. Katholische Adelige verschwören sich, suchen mächtigen Beistand bei der katholischen Großmächten Spanien und Frankreich, um Maria Stuart auf den englischen Thron zu setzten. Doch die landet stattdessen nur im Gefängnis, während Elizabeth einen Geheimdienst aufbaut und ihre Macht sichert. Follett hält sich streng an die Fakten: „Elizabeth und Maria Stuart sind einander nie begegnet. Die berühmte Konfrontation aus Schillers Drama hat nie stattgefunden.“

Sicherheit in solchen Dingen gibt dem Schriftsteller die akribische Arbeit seines Teams. Das Follett-Office hat rund 30 Angestellte, die sich nicht nur um Finanzen und Organisation kümmern, sondern vor allem sicherstellen, dass alle Details in den Romanen stimmen. Für sein neues Werk hat Follett nach eigenen Angaben 228 Bücher zur Recherche verwendet. Die Daten der Schlachten, Anschläge und Massaker samt den Namen der Beteiligten sind da nur das Grundgerüst. Richtig lebendig wird die Handlung mit den vielen Einzelheiten, die der Autor ebenso pedantisch zusammengetragen hat: Speisen, Getränke, Kleidung, Waffen – und sogar wie die Toiletten damals ausgesehen haben.

Detailgenauigkeit ist eins, der Spannungsbogen der andere, noch wichtigere Bestandteil dieser Geschichte. So jagt der Autor seine Leser regelrecht zu den Brennpunkten des damaligen Europas. Nach Sevilla, wo noch die Sklaverei existiert und die Inquisition Angst und Schrecken verbreitet. Nach Paris, wo die Hugenotten nur heimlich beten dürfen und in der Bartholomäusnacht zu Tausenden abgeschlachtet werden. Nach Antwerpen, wo die Religionen friedlich miteinander auskommen und die Kaufleute immer reicher werden.

Rund 60 Jahre dieser turbulenten und folgenschweren Epoche beschreibt der Roman und zeigt das Leben in allen Facetten: Liebe und Hass. Es wäre kein richtiges Follett-Buch, wenn es keine Liebesgeschichte und keine Bettszenen geben würde. Es gibt viel Sex in allen Varianten und exzessive Gewalt. Könige werden in ihren Prunkschlössern ermordet, Protestanten verbrennen auf dem Scheiterhaufen, Bauern werden aus ihren Hütten vertrieben und Frauen müssen heiraten, wen die Obrigkeit aussucht. Alles unter dem Deckmantel der Religion.

Dass dieses spannende Buch mit den erschütternden Szenen von Hass und grenzenloser Brutalität gerade jetzt kommt, ist bei Follett bestimmt kein Zufall. Der Bestsellerautor ist auch ein Meister des Marketing und greift runde Jahrestage auf. So wie die Bände der Jahrhunderttrilogie mit der Geschichte des modernen Europas passend zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs, zum 75. des Zweiten Weltkriegs und dem 25. Jubiläum des Mauerfalls herauskamen, darf man annehmen, dass der Schriftsteller dieses Mal das Reformationsjubiläum im Blick hatte. Leider ist das Buch auch auf eine andere verstörende Weise aktuell: Bei den Schilderungen der fanatischen und erbarmungslosen Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken von vor über 450 Jahren kommt immer wieder die Wirklichkeit der heutigen Fanatiker in den Sinn, die angeblich auch für ihren Glauben kämpfen.

Auch in „Das Fundament der Ewigkeit“ ist die Weltgeschichte nur der Rahmen für die Liebesgeschichten. Ken Follett hat das Große mit dem Kleinen wieder meisterlich verknüpft. Beste Qualität aus der Romanfabrik. Das Warten hat sich gelohnt.

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18.09.2017, 06:00 Uhr
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