Wieder mehr los

Boxen: Der SV 03 Tübingen will mit neuer Leitung an bessere Zeiten anknüpfen

Die große Zeit des Tübinger Boxsports ist vorbei. Mittlerweile versucht ein neues Team beim SV 03 Tübingen den Sport wieder aufleben zu lassen. Wettkampf-Boxer gibt?s zwar nur zwei – aber bis zu 20 trainieren regelmäßig. Ein ehemaliger Amateur-Meister des Libanons hat daran auch seinen Anteil.

05.09.2014

Von Tobias Zug

Tübingen. Das Herz eines Boxers kennt nur eine Liebe: den Kampf um den Sieg ganz allein.

Khaled El Kurdi hat dieses von der deutschen Boxlegende Max Schmeling besungene Herz. Wenn er vom Boxen erzählt, will er nicht aufhören. Weil er den Sport liebt. Er redet von Taktiken. Von einem Prickeln in der Magengegend, wenn vor dem Kampf der Name aufgerufen wird. Von Führhand und Schlaghand, die wichtiger seien als ein Haken. „Damit kannst du jeden Kampf gewinnen“, sagt El Kurdi. Der 52-Jährige boxt seit seiner Jugend. Die er im Libanon verbrachte. Dort gewann er viele Kämpfe, wurde Amateur-Meister. Sein Heimatland verließ El Kurdi Ende der 1980er Jahre. Er floh wegen des Bürgerkriegs. Lebte in Ulm. Und boxte dort weiter, in einer Sportschule.

Einst mit den Besten Württembergs konkurriert

Vor 24 Jahren zog er nach Sonnenbühl. Fragte dort, wo es in der Nähe einen Verein gebe, in dem er boxen könne. So kam er nach Tübingen, zur Box-Abteilung des SV 03. Eine Abteilung mit Tradition: Vor 81 Jahren gründeten Boxsportbegeisterte in Tübingen den Kraftsportverein „Germania“, nach dem Zweiten Weltkrieg schlossen sie sich dem SV 03 Tübingen an. Die 1950er Jahre waren die Hoch-Zeit des Tübinger Boxsports: Werner Maier wurde Württembergischer Meister, die Tübinger konkurrierten mit den besten Staffeln Württembergs wie Prag Stuttgart und der Spvgg Neckarsulm. Mitte der 1960er Jahre ließ der Boom nach. Boxen war nicht mehr „in“. Toni Mattes gehörte zu denjenigen, die Anfang der 1980er den taumelnden Boxsport in Tübingen wieder aufrichteten. Mattes trainierte anfangs alleine die Boxer, holte nach und nach kompetente Mitstreiter wie den diplomierten Boxlehrer Helmut Schreck in den Verein. Mattes war auch Khaled El Kurdis erster Trainer. „Alle Achtung vor ihm“, sagt El Kurdi, „ich freue mich immer sehr, wenn ich ihn mal wieder treffe und über die alten Zeiten reden kann.“

Wobei El Kurdi auch sehr gerne über die Gegenwart und Zukunft spricht. Seit März diesen Jahres ist er ein Nachfolger Mattes. El Kurdi trainiert mittlerweile die etwa 20 aktiven Boxer der 80 Mitglieder großen Abteilung des SV 03. Darunter seinen 17-jährigen Sohn Bilal, das wohl größte Talent der SV 03-Boxer. Bilal El Kurdi hatte den Verein auch kurz verlassen. „Es war nicht mehr so viel los hier“, sagt er. Nachdem Kai-Uwe Zober als Trainer aufgehört hatte, fragte Bilal El Kurdi seinen Vater, ob er nicht Interesse an der Arbeit hätte.

Drei Trainer, zwei Trainingseinheiten

Auch Jakob Marquardt sprach Khaled El Kurdi an. Der 30-jährige Tübinger Student übernahm dieses Jahr den verwaisten Posten des Abteilungsleiters. El Kurdi sagte zu. Auch, weil in Johann Weiher und Stefan Rieger zwei weitere Trainer da sind, mit denen er früher gemeinsam boxte. Weiher erstellt die Trainingspläne, „ich gebe meine Erfahrung weiter“, sagt El Kurdi.

Zwei Mal in der Woche trainieren die Drei in der Halle des Wildermuth-Gymnasiums mit ihren Boxern und Boxerinnen im Alter von 15 bis 35 Jahren. Sie wechseln sich ab, so dass im Normalfall jeweils zwei der Trainer da sind. Auch El Kurdis neunjähriger Sohn Omar boxt schon mit. Wettkämpfer sind dagegen nur Bilal El Kurdi und Jakob Marquardt. Einige weitere Mitglieder planen aber auch den baldigen Einstieg ins Wettkampfgeschehen. „Viele sind motiviert“, sagt Marquardt, „ein großer Teil macht das Boxtraining aber sicherlich im Hinblick auf Fitness und Selbstverteidigung ohne Interesse an Wettkämpfen.“Marquardt stammt aus Stuttgart, hat dort etwas Leichtathletik und Kampfsport betrieben. In Tübingen versuchte er es mit Boxen – und blieb dort.

Bilal El Kurdi wird im Winter dieses Jahres wieder einen Wettkampf bestreiten. Sein Vater freut sich schon darauf. Die große Zeit des Tübinger Boxsports, da sind sich alle einig, die wird nicht mehr kommen, die war einmal. „Aber“, sagt Khaled El Kurdi, „wir sind auf einem guten Weg.“

Das Herz eines Boxers muss alles vergessen, sonst schlägt ihn der Nächste Knock Out.

In der Halle des Wildermuth-Gymnasiums trainieren wöchentlich bis zu 20 Boxer und Boxerinnen des SV 03. Privatbild

Acht Fäuste für Tübingen: SV 03-Abteilungsleiter Jakob Marquardt, Bilal El Kurdi, Omar El Kurdi und Trainer Khaled El Kurdi (von links). Bild: Zug

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Erstellt:
5. September 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. September 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. September 2014, 12:00 Uhr

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